Die Auswirkungen der aktuellen Krise sind bei den Menschen in Baden-Württemberg angekommen: Wegen der gestiegenen Preise schränken viele sich beim Autofahren, beim Konsum oder beim Energieverbrauch ein. Dieser Verzicht, von den Umständen erzwungen, mag erst einmal unbequem sein. Doch er ist auch bitter nötig, um unser Land und den Planeten für künftige Generationen zu erhalten.
Für all jene, die schon bisher kaum genug hatten, um sich gute Lebensmittel und eine warme Wohnung leisten zu können, ist mehr Verzicht kaum möglich. Für alle anderen aber gilt es, die Einschnitte zu ertragen: Angesichts der durch den Konflikt mit Russland und den fortschreitenden Klimawandel knapper werdenden Ressourcen werden wir uns daran gewöhnen müssen. Verzicht galt lange als Tabuthema– wer ihn forderte, wurde bisher häufig als Moralapostel oder Spielverderberin abgetan. Nur nicht die Leute entmutigen oder demotivieren, hieß es dann. Doch man darf den Leuten ruhig etwas mehr Einsicht und Weitblick zutrauen.
Alles abfedern kann der Staat nicht
Es ist völlig einleuchtend, dass der Staat die Folgen der aktuellen Krisen – Russlands Krieg in der Ukraine, Coronapandemie, Klimakrise – nicht komplett abfedern kann. Zumindest nicht, ohne künftige Generationen noch stärker zu belasten als ohnehin schon. Die Aufgaben sind zahlreich, aber alles geht eben nicht, deshalb muss priorisiert werden. Die meisten Menschen wollen aber, dass Ärmere unterstützt, die Gesundheitssysteme ausgebaut, die Bundeswehr gestärkt, die Abhängigkeit von autokratischen Energielieferanten reduziert und Klima und Umwelt geschützt werden. Und sie wollen, dass die Kinder von heute eine gute Perspektive haben, keinen riesigen Schuldenberg.
Einfach so zu verzichten fällt allerdings schwer – das lehrt uns schon die in den Wirtschaftswissenschaften beliebte Spieltheorie. Warum sollte ich allein zurückstecken, wenn andere rücksichtlos für sich rausholen, was geht – auch wenn das für die Allgemeinheit irgendwann zum riesigen Problem wird? Deshalb braucht es Preise, die wenig nachhaltiges Verhalten verteuern. Tankrabatte für alle sind deshalb schlicht nicht mehr drin, statt tierischer Produkte müssten Obst und Gemüse steuerlich bevorteilt werden, auch Diesel dürfte nicht länger subventioniert werden. Völlig klar ist dabei, dass jene, die sich teure Lebensmittel oder Heizen schon heute kaum noch leisten können, gezielt entlastet werden müssen.
Die Deutschen leben über ihre Verhältnisse
Zu verzichten, bedeutet nur, das zu nutzen, was wir haben. Oft tun wir das, ohne es zu bemerken. Ja, es gibt Menschen, die heute jeden Cent zweimal umdrehen müssen – die Schere zwischen Arm und Reich geht auch hier auseinander, gerade in der Krise. Doch zugleich konsumieren viele Menschen in der Gesellschaft deutlich mehr, als sie tatsächlich brauchen. Ein Beleg dafür sind tonnenweise Lebensmittel, die hier jedes Jahr im Müll landen. Oder die Tatsache, dass viele Menschen vor allem kurze Strecken mit dem Auto zurücklegen. Und: In ein und demselben Gebäude verbrauchen manche Mieter sehr viel mehr Heizenergie als andere.
Würde man den deutschen Lebensstil auf die Weltbevölkerung hochrechnen, bräuchte es laut dem Global Footprint Network die Landfläche von etwa drei Erden. Dass wir mehr Ressourcen nutzen, als uns zustehen, ist Menschen anderswo auf der Welt und künftigen Generationen gegenüber nicht gerecht. Es wird Zeit, dass wir lernen, nicht länger über unsere Verhältnisse zu leben – die aktuelle Krise kann den Anstoß dazu geben. Wenn man ihn als Investition in eine gute Zukunft für alle begreift, fühlt sich Verzicht auch nicht wie eine Einschränkung an.