Verzweifelte Väter Warum bloß habe ich Kinder?

Fabian Soethof: Ich will mein altes Leben zurück – oder doch nicht? Foto: privat/ 

Dass manche Mütter es bedauern, Mutter zu sein, ist seit Jahren ein großes Thema. Doch auch Väter sind am Rande des Nervenzusammenbruchs. Von Männern, die an der Vaterrolle zerbrechen.

Es war in einer dieser vielen Nächte, in denen Fabian Soethof mal wieder ein schreiendes Baby herumtrug, statt zu schlafen. Da dachte er zum ersten Mal: „Ich will mein altes Leben zurück.“ Ohne Kind.

 

Je älter das Baby wurde, umso mehr sehnte er sich nach Spontaneität. Nach Zeit, um alles zu erledigen, was man tun muss und möchte. Statt nur den Alltag zu bewältigen, um am Ende des Tages mit Dingen wie dem Haushalt wieder da zu sein, wo man am Morgen auch schon mal war – im besten Fall.

Wochenende: Plötzlich anstrengend!

Dann kam Baby Nummer zwei und es wurde unmöglich für Fabian Soethof, allen Ansprüchen gerecht zu werden: denen seiner Frau, seiner Kinder, seines Arbeitgebers und seinen eigenen.

„Früher gab es Wochenenden oder Urlaub, auf die hat man sich gefreut. Jetzt mit Familie war das plötzlich die anstrengendste Zeit“, sagt der 40-Jährige, der in Berlin lebt und seit 2013 den Väterblog „new kid and the blog“ betreibt. Dort schreibt er auch über die Momente im Väterleben, die nichts mit dem Familienglück aus der Werbung gemein haben. Über den Wahn und Sinn von Elternschaft und über Momente, in denen einem alles zu viel wird – auch die Kinder.

Mütter im Fokus

Während das Thema „Bedauern der Mutterschaft“ schon 2015 durch ein gleichnamiges Buch samt Studie („regretting motherhood“ von Orna Donath) für viel Diskussionen sorgte, ist es um Väter, die vielleicht doch lieber keine Väter geworden wären, bislang erstaunlich ruhig geblieben.

Dabei sind die Erwartungen an einen modernen Vater nicht kleiner als die an eine moderne Mutter: häufig sind sie nach wie vor der Hauptverdiener in der Familie, sollen aber trotzdem genug Zeit, Kraft und gute Laune für die Kinder und natürlich auch für die Partnerschaft haben. Und dazwischen kaum mal eine ruhige Minute nur für sich.

Männer wollen nicht darüber reden

„Das kann nicht gut gehen. Keiner kann ständig für seine Kinder da sein, das ist unmenschlich“, sagt Christoph Föhles, der als Krisen- und Gewaltberater für Jungen und Männer im Beratungsnetzwerk „echte-männer-reden.de“ arbeitet.

Bislang ist jedoch auch in seiner Beratung kein Mann aufgeschlagen, der offen gesagt hätte: „Ich bereue es, Vater geworden zu sein. Was soll ich jetzt tun?“ Ähnlich sieht es bei Föhles’ Kollegen im Beratungsnetzwerk aus. Dennoch ist Christoph Föhles sich sicher: „Das ist ein Thema, nur traut sich damit bislang keiner in die Beratung.“

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Vielleicht, weil die Väter längst andere Wege gefunden haben, mit der Rushhour des Lebens fertig zu werden. Überstunden beispielsweise. „Ich glaube schon, dass sich viele ins Büro flüchten, um ihre Ruhe zu haben“, sagt Blogger und Journalist Fabian Soethof. Andere flüchten sich in ein Suchtverhalten. „Während Frauen Krisen aktiv angehen, sind viele Männer da eher selbstzerstörerisch unterwegs“, sagt Sozialarbeiter Föhles.

Wenn das alles nichts hilft, bleibt nur die Flucht aus der Familie. Dem Statistischen Bundesamt zufolge waren im Jahr 2020 rund zwei Millionen Mütter in Deutschland alleinerziehend – aber nur 400 000 Väter.

Ausweg Teilzeitarbeit

Vor seiner Verantwortung zu fliehen, war für Fabian Soethof nie eine Option. Genauso wenig wie ein Leben ohne Kinder. Aber einfach weitermachen mit dem ständigen Gefühl, keinem gerecht zu werden, nie eine Pause zu haben?

„Letztlich war es meine Frau, die irgendwann die Notbremse gezogen hat“, sagt Soethof. Was für ihn bedeutete: eine längere Elternzeit bei Sohn zwei, danach Arbeit nur noch in Teilzeit.

Schlechtes Gewissen?

Noch mehr Zeit mit der Familie, die einem davor schon manchmal zu viel war? Das hätte schiefgehen können. Ist es aber nicht. „Dass wir jetzt alles gemeinsam schultern, hat viel geholfen“, sagt Fabian Soethof. Seit er mit den Kindern auch schon nachmittags Zeit verbringen kann, statt sie abends nur kurz beim Ins-Bett-Bringen zu sehen, hat er kein schlechtes Gefühl mehr, etwas zu verpassen.

Er hat auch kein schlechtes Gewissen mehr gegenüber seiner Frau, weil diese die Familienarbeit nicht mehr allein leistet. Geld verdient er trotzdem noch – wenn auch weniger. Dafür teilt er sich die finanzielle Verantwortung jetzt mit seiner Partnerin.

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Sozialarbeiter Christoph Föhles ist sich sicher, dass bei sehr vielen Vätern oder Müttern, die ihre Elternschaft bereuen, nicht die Kinder an sich die Ursache sind; sondern die oft nach wie vor schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf, gepaart mit gesellschaftlichen Erwartungen und eigenen Vorstellungen.

Er rät allen Eltern dazu, sich so viele Freiräume wie möglich zu verschaffen. „Es ist seelisch einfach nicht gesund, zu hundert Prozent immer nur zu denken, zu fühlen und zu handeln wie ein Vater oder eine Mutter“, sagt Christoph Föhles.

„Mit 40 will ich nicht mehr leben wie mit 20“

Auch Fabian Soethof ist froh darüber, dass er nicht mehr in schlaflosen Nächten von seinem Vor-Kinder-Leben träumen muss, sondern es zumindest stückweise wieder leben kann – weil die Kinder inzwischen acht und fünf Jahre alt sind und die Eltern nicht mehr rund um die Uhr vereinnahmen.

Dass nicht alle Freiheiten und Unbedarftheiten zurückgekommen sind, findet er übrigens nicht schlimm. „Mit 40 will ich auch gar nicht mehr so leben wie mit 20 oder 30. Es ist durchaus normal und gut im Leben, dass sich manche Dinge ändern.“

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