Soll er hinein? Oder nicht? Oder vielleicht später? Olli, geschätzt Ende 50, druckst herum. Hunger hätte der blonde, langhaarige Mann in der Jeansjacke ja schon. Auch einen Corona-Schnelltest habe er sicherheitshalber gemacht, erzählt Olli. Auch dass er Tabletten genommen habe, verheimlicht er nicht. Tabletten gegen seine schmerzenden Rippen. Ja, sagt er, er sei hingefallen. Nüchtern? Olli schmunzelt etwas verlegen: „Nicht so ganz.“ In seinen Kreisen heiße solch ein Missgeschick leicht ironisch „Getränkeunfall“.
Auch Ollis Kumpel Michael, 54, zögert noch, in die Sindelfinger Martinskirche einzutreten an diesem Montag, dem Reformations- und Brückentag. Er sitzt auf dem Mäuerchen am Kirchplatz und raucht erst noch mal eine Zigarette, die gegen seine Nervosität helfen mag. Auf dem Rücken hat der Sindelfinger einen Rucksack. Der verberge seinen Buckel, sagt Michael: Morbus Bechterew heißt die Erkrankung medizinisch – eine rheumatische Entzündung der Wirbelsäule. Vor 28 Jahren hat sie den Maler und Lackierer wie ein Schicksalsschlag getroffen. Dann fasst sich Michael Mut – und betritt die Kirche. Bereuen wird er es nicht. Anderthalb Stunden später verlässt der Mittfünfziger mit Erwerbsminderungsrente das Gotteshaus wieder – satt im Magen und gut gewärmt in der Seele.
Noch gibt es keine Sindelfinger Speisentafel
Wie Michael ist es am Montag gut zwei Dutzend Menschen ergangen. Sie haben das Angebot von Martinskirchenpfarrer Jens Junginger genutzt, der die Martins- zu einer Vesperkirche verwandelt hat – erstmals. Weil die Martinskirche zurzeit für Kulturevents ohnehin leer geräumt ist vom Stuhlmobiliar, „hat sich das angeboten“, sagt der 62-jährige Seelsorger – und spricht von einem Experiment, einem erstmaligen Versuch. Eine Tradition wie die Stuttgarter Vesperkirche hat Sindelfingen nicht. Aber wer weiß, ob die Sindelfinger Speisentafel nicht noch zu einer wird.
An einem Brückentag eine soziale Brücke ins Neuland geschlagen
Jens Junginger jedenfalls findet es wichtig, an einem solchen Brückentag eine soziale Brücke zu bauen. „Es ist doch ureigenste Aufgabe von Kirche, Menschen an einem Tisch zusammenzubringen“, sagt der geschäftsführende Pfarrer der Martinskirchengemeinde. Nicht von ungefähr heiße es im Vaterunser: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“ Für die rund 20 Gäste des Vesperkirche vom Montag, in der Mehrzahl Frauen, ist das tägliche Brot nichts Selbstverständliches. Und eine warme Mahlzeit, wenigstens einmal am Tag, schon mal gleich gar nicht.
„Därf’s noch a bissle Apfelsaftschorle sai?“ Die Helferin Sigrid Fritz, 82-jährige Witwe, schenkt einem Gast das Glas nach. Horst heißt der und hat soeben einen Nachschlag genommen vom Chili con carne, das der Metzger Markus Hess für die lange Tafel der Hungrigen zubereitet hat. Auch ein Stück versunkenen Apfelkuchen nimmt der gertenschlanke Horst gerne – ist der doch von den Damen selbst und mit sehr viel Liebe gebacken, so wie alle Kuchen.
Horst hilft selbst, wo immer er kann
Horst hat keine Scheu, von sich zu erzählen. Der 69-Jährige stammt aus Emmingen, einem idyllischen Örtchen zwischen Nagold und Wildberg. Dort ist er zur Schule gegangen, dort hat er Genossenschaftskaufmann bei der Raiffeisenbank Wildberg gelernt. Horst hat bis zu seinem Renteneintritt vor acht Jahren viel gearbeitet, lange Jahre auch im Daimler-Rohbau. Insofern ist er zwar nicht auf Rosen gebettet, aber auch nicht völlig mittellos. Nein, er komme zurecht, erzählt er, der seit acht Jahren in der Obdachlosenunterkunft in der Tübinger Allee lebt und dort als „ordnende Hand“ gilt. „Ein 15-Quadratmeter-Zimmer für 135 Euro im Monat, alles inklusive. Aus dieser Ruhe schöpfe ich meine Kraft“, sagt Horst über seine Unterkunft. Der Mann mit dem schulterlangen Haar und der Baseballcap, der nächsten Jahr 70 wird, ist genügsam. Wenn er etwas Geld übrig hat, hilft er anderen wie selbstverständlich. Sei es einer Schwarzfahrerin, die Strafe zahlen muss, weil sie mangels Geld keinen Fahrschein gezogen hat. Oder seien es ein paar Euro für den Akkordeonspieler an der Baum-Rondellbank auf dem Marktplatz, damit sich der Mann was zu essen kaufen kann.
Horst, 69, hat schon alles gelesen – „von Karl May bis Karl Marx“
Sich mit dem gebürtigen Nordschwarzwälder zu unterhalten ist eine kurzweilige Angelegenheit. Denn der ehemalige Hauptschüler verfügt über eine Allgemeinbildung, die man bei manchem Gymnasiasten so nicht vermuten würde. Horst ist redselig – und: belesen. „Ich war schon immer eine Leseratte“, sagt er lachend und strahlt. Als Kind las er Karl May, als Erwachsener Karl Marx. Auch mit Autos, Formel 1 und Fahrphysik kennt sich Horst bestens aus. Er, bei dem nicht alles glatt gelaufen ist im Leben, hat Letzteres mal schmerzlich erfahren.
Seit einem schweren Unfall ist der Gottesdienst Pflicht
Im Juli 1995 sei er mit Kumpels Forellen grillen gewesen – und dann dummerweise ins Auto eines Fahranfängers eingestiegen, der ihm nach zwei Tagen Führerscheinbesitz den Turbo seines Flitzers beweisen wollte. Die Folge: ein Schleudertrauma nach fünffachem Überschlag. Dass er das überlebt habe, grenze an ein Wunder, habe damals in der Zeitung gestanden – und Horst hat für sich gewusst: „Es muss eine Macht geben, die ein Interesse daran hat, dass ich am Leben bleibe.“ Seither geht Horst „jeden Sonntag in den Gottesdienst“. Egal wo er sei, „eine Kirche finde ich immer“.
Ein Zufluchtsort für Gestrauchelte
Miteinander füreinander
Wer an Obdachlose in Sindelfingen denkt, dem fällt quasi automatisch das zur Martinskirche gehörende Café Volle Kanne ein. 1999 ins Leben gerufen, ist das Café im CVJM-Haus in der Seestraße 10 eine Anlaufstelle für Menschen in Notlagen – seien es Obdachlose, Sucht- und/oder psychisch Kranke, Arbeitslose. Hier finden sie eine familiäre Atmosphäre unter dem Motto „miteinander füreinander“. Montags von 9 bis 12 und von 14 bis 17 Uhr gibt es hier ein Frühstück, Kaffee und Kuchen, dazu menschliche Nähe und Wärme.
Gute Seelen
Jahrein, jahraus praktiziert hier ein Team von zehn ehrenamtlichen Damen und einem Herrn gelebte Nächstenliebe – unter der Leitung von Anne Graf, die ein Herz für zwei besitzt. Die Frau vom Sindelfinger Goldberg, eine Art Mutter Courage, findet stets Sponsoren – auch für Faschings-, Sommer- und Weihnachtsfest und einen gemeinsamen Jahresausflug.