An diesem Sonntag startet in Stuttgart die neue, siebenwöchige Vesperkirchen-Saison – ein Zeichen dafür, dass Armut in der Stadt weiterhin ein großes Thema ist.
Kein Jahresanfang ohne Vesperkirche. Seit 1995 ist das so – seit es in Stuttgart diese Form der Unterstützung bedürftiger Menschen während der Winterzeit gibt. Am kommenden Sonntag startet die 32. Vesperkirchen-Saison. Gabriele Ehrmann, Diakoniepfarrerin und Organisatorin, ist zum neunten und letzten Mal dabei. Sie freut sich auf die Eröffnung durch einen prominenten Gast: Theologin Margot Käßmann.
Frau Ehrmann, Margot Käßmann eröffnet die Vesperkirche 2026, wie kam es dazu?
Gabriele Ehrmann: Es war immer schon mein Wunsch, sie dafür zu gewinnen. Dieses Mal hat’s geklappt. Das freut mich besonders; auch weil es für mich die letzte Vesperkirche vor dem Ruhestand ist.
Warum ist sie Ihre Wunschkandidatin?
Margot Käßmann hat eine klare Art und Weise über Gott und die Welt zu sprechen. Sie ist ein Vorbild für viele. Auch für mich persönlich.
Das Motto der Vesperkirche lautet diesmal: „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu.“ (Offenbarung 21,5). Was hat das mit der Vesperkirche zu tun?
Beim Vesperkirchen-Motto orientieren wir uns an der jeweiligen evangelischen Jahreslosung. „Ich mache alles neu“ passt zum Anfang des neuen Jahres. Christen hoffen grundsätzlich auf einen Neuanfang, und Menschen, denen es nicht so gut geht, wünschen sich das täglich auch, unabhängig von der Konfession.
Was ist alles neu an der diesjährigen Vesperkirche?
Wir haben das Kulturangebot erweitert. In diesem Jahr ist der interreligiöse und interkulturelle Trimum-Chor mit dabei (8. Februar). Neu ist auch ein politisches Format: Am 10. Februar fragen wir Landespolitiker, wie sie zu sozialen Themen stehen. Dabei kommen auch Betroffene zu Wort, Langzeitarbeitslose und Asylsuchende. Die diesjährige Vesperkirchensaison überschneidet sich ja mit dem Landtagswahlkampf. Nur ein Tag nach unserem Abschlussgottesdienst am 7. März wird der neue Landtag gewählt. Daneben gibt es viel Bewährtes und Erprobtes: die tägliche Essensausgabe in der Leonhardskirche und in den Außenstellen St. Maria und Olga 46 sowie bei der Evangelische Gesellschaft und im evangelischen Gemeindehaus Böblingerstraße. Es gibt auch wieder die Möglichkeit, sich ärztlich untersuchen oder sich die Haare schneiden zu lassen oder zur Fußpflege zu gehen. Dazu kommen viele seelsorgerliche Angebote.
Nicht neu ist die Tatsache, dass es Armut in der Stadt gibt. Wie sieht es aktuell aus?
Die Armut in der Stadt nimmt sichtbar zu, verschärft durch die wirtschaftlichen Probleme, die jetzt auch bei den städtischen Finanzen durchschlagen. Das hat Folgen auch für viele soziale Träger. Gleichzeitig wächst bei vielen Menschen die Unsicherheit – nicht nur bei Grundsicherungsempfängern.
Macht sich das in der Vesperkirche bemerkbar?
Ja, das werden wir spüren. Schon im vergangenen Jahr haben wir zwölf Prozent mehr Essen verteilt (insgesamt 38.000). Als Diakoniepfarramt geben wir aktuell zehn Prozent mehr Gutscheine für den Besuch von Tafelläden aus. Ich kann nur davor warnen, bei denen zu sparen, die ganz unten sind. Das wird sich rächen.
Kann die Vesperkirche das abmildern?
Die Vesperkirche ist wie ein Lackmustest, der etwas über die Gesellschaft aussagt. Sie kann nicht heilen, aber Dinge aufzeigen, sie hat damit auch eine anwaltschaftliche Dimension. Die Vesperkirche bietet sieben Wochen lang Gemeinschaft an. Sie ist ein Ort, an dem man etwas loswerden kann. Die Politik sollte das wahrnehmen. Es ist gut, dass Oberbürgermeister Frank Nopper wieder seinen Besuch angekündigt hat.
Wie sieht es insgesamt mit der Unterstützung aus?
Die ist erfreulich groß. Fünf neue Ärztinnen und Ärzte sind mit dabei, auch neue Ehrenamtliche. Es geht personell sehr gut weiter. Wir haben keine Probleme, die Tageslisten mit jeweils 45 Personen zu füllen. Im Gegenteil! Wir hätten noch viel mehr Termine ausgeben können und mussten unser Anmeldeportal schon nach einer Woche wieder schließen. Viele Firmen sind mit dabei, auch wieder der VfB Stuttgart, und viele Einzelpersonen, die mithelfen wollen. Das ist ein schönes, hoffnungsvolles Zeichen für die Stadtgesellschaft und das beflügelt einen. Im vergangenen Jahr wurden hier rund 13.000 Ehrenamtsstunden geleistet.
Was ist das Geheimnis der Vesperkirche?
Es gibt ein tiefes Bedürfnis, anderen etwas Gutes zu tun. Das tragen wir in uns. Dazu kommt, dass die Vesperkirche ein Ort der Begegnung ist. Es macht Freude, einen Tag lang miteinander diese Arbeit zu machen und am Abend zu merken, es hat geklappt, wir haben 600 Menschen versorgt. Unsere Gesellschaft braucht solche Orte. Sie sind nicht so häufig zu finden. Sie helfen, sich seiner selbst und des Gegenübers zu versichern und rauszukommen aus seiner Blase. Das brauchen wir heute mehr denn je. Unsere Demokratie lebt von solchen Orten.
Wie erleben Sie das selbst?
Ich freue mich auf diese Zeit. Die Vesperkirche hat eine Art Kirchentags-Charakter, auch wenn mehr als 20 Prozent der Menschen, die hierher kommen, konfessionslos sind. Jeder ist willkommen, unser Kirchenraum steht jedem offen.
Die Vesperkirche kostet auch etwas. Sie kalkulieren mit rund 500.000 Euro. Reichen die Spenden dafür aus?
Wir freuen uns über jede Spende, aber die Spenden decken die Kosten nicht ab. Im vergangenen Jahr betrug das Defizit rund 100.000 Euro. Das konnten wir dank Rücklagen ausgleichen. Das geht so aber nicht auf Dauer. Deshalb gibt es aktuell Überlegungen, eine Vesperkirchen-Stiftung zu gründen. Die Entscheidung liegt beim evangelischen Kirchenkreis, der die Vesperkirche trägt. Sie soll noch in diesem Jahr fallen.
Person und Programm
Person
Gabriele Ehrmann wurde 1960 in Leonberg geboren. Aufgewachsen ist sie in Heilbronn. In Tübingen und Bern studierte sie Theologie. Es folgten mehrere Pfarrstellen in Stuttgart. Seit 2017 hat sie das Diakoniepfarramt inne. In dieser Funktion leitet sie seit 2018 auch die Vesperkirche.
Öffnungszeiten
Die Vesperkirche Stuttgart in der Leonhardskirche hat vom 18. Januar bis zum 7. März täglich von 9 bis 15 Uhr geöffnet. Jeweils um 9 Uhr werden Kaffee und Tee ausgeschenkt. Mittagessen gibt es von 11.30 bis 14.15 Uhr. Bis 15 Uhr kann man sich mit einem Vesper eindecken. Eröffnet wird die Vesperkirche an Sonntag, 18. Januar, um 10 Uhr mit einem Gottesdienst, an dem auch der Stuttgarter Hymnus-Chor teilnimmt. Die Predigt hält Margot Käßmann. Der Gottesdienst wird im Internet übertragen unter: https://youtube.com/live/37c5-wKvy0Q?feature=share
Programm
Immer Sonntags um 16 Uhr gibt es die Konzertreihe „Kultur in der Vesperkirche“. Erneut ist auch die Straßen-Universität vertreten. Jeweils dienstags von 14 bis 15 Uhr lädt sie zu kostenfreien Bildungsangeboten ein. Weitere Infos unter: www.vesperkirche.de
Spenden
Die Vesperkirche wird mit Spenden finanziert. Wer spenden will, kann dies hier tun: IBAN: DE05 6005 0101 0002 4648 33, BIC SOLADEST600. Wichtig: Die Vesperkirche selbst führt keine Straßensammlung durch, auch wenn sich Trittbrettfahrer als Vertreter der Vesperkirche ausgeben sollten. jse