Vesperkirche Ludwigsburg gestartet „Mit wenig Geld zu leben, bedeutet einfach, so viel mehr kämpfen zu müssen“

Lukas Schinzel ist als Helfer im Einsatz und nimmt sich als solcher auch Zeit für die Besucher. Foto: Isabell Erb

Lukas Schinzel hilft seit knapp zehn Jahren bei der Ludwigsburger Vesperkirche mit. Wie erlebt er die ehrenamtliche Arbeit? Und wie hat sich die Besucherschaft verändert?

Volontäre: Isabell Erb (erb)

Zielstrebig geht Lukas Schinzel auf einen gedeckten Tisch in der Ludwigsburger Friedenskirche zu. Eine Familie mit zwei Kindern sitzt dort, daneben ein älterer Mann, vielleicht 60, eine Kaffeetasse in der Hand. „Hat’s Ihnen geschmeckt?“, fragt Schinzel und setzt sich dem Mann gegenüber. Sein Gesprächspartner, nennen wir ihn Alexander Ratol, lächelt. Wo er studiert habe, fragt Ratol den 32-Jährigen, nachdem der anfängliche Smalltalk erledigt ist. „In Kopenhagen“, antwortet Schinzel. In Kopenhagen sei er schon mal gewesen, sagt Ratol. Da seien die Steuern ja auch so hoch. Es dauert nicht lange, und das Gespräch dreht sich um Politik, Wirtschaft und die Lage der Welt.

 

Wie Schinzels Gesprächspartner heißt, bleibt das gesamte Gespräch über unklar. In der Zeitung möchte Ratol lieber anonym erscheinen. Aber eigentlich ist es auch egal, wie der schätzungsweise 60-Jährige eigentlich heißt, wo er herkommt und wie sein Leben verläuft. Vielmehr geht es um die Themen, die Ratol auf der Seele brennen – und die dieser vermutlich sonst nirgends besprechen kann, wie er selbst andeutet. Und Lukas Schinzel hört aufmerksam zu.

Vesperkirche Ludwigsburg geht in ihr 17. Jahr

Schinzel hilft ehrenamtlich in der Vesperkirche in Ludwigsburg mit. Im Rahmen des Projekts bietet die Diakonie Ludwigsburg drei Wochen lang jeden Tag ein warmes Mittagessen sowie Kaffee und Kuchen für zwei Euro an. Zwischen 500 und 600 Menschen nehmen das Angebot am Tag durchschnittlich wahr, insgesamt sind das etwa 11.000 Menschen. Rund 500 Ehrenamtliche kümmern sich um die Besucher. Am Sonntag ist die 17. Saison gestartet.

Lukas Schinzel aus Benningen ist seit acht Jahren dabei. Außerhalb des Projekts arbeitet der 32-Jährige bei Mercedes im IT-Bereich. Aber er wollte sich schon lange sozial engagieren. Vor rund zehn Jahren hatte er das große grüne Banner der Vesperkirche an der Ludwigsburger Friedenskirche hängen sehen, als er mit seinem Auto aus dem B27-Tunnel gefahren war. Direkt danach meldete er sich bei den Organisatoren, etwas später konnte er als Helfer anfangen. So erzählt Schinzel es.

Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen

Seitdem hat er dort die unterschiedlichsten Menschen kennengelernt: Eine Rentnerin, die mit 700 Euro im Monat über die Runden kommen muss. Einen Obdachlosen, der seit Jahren mit dem Fahrrad von Bad Cannstatt bis nach Ludwigsburg in die Vesperkirche fährt. Ukrainer, die vor dem russischen Angriffskrieg geflüchtet sind. Oder einfach Menschen, die die Gemeinschaft schätzen und jemanden zum Reden brauchen.

Die Abläufe wollen gut organisiert sein. Foto: Isabell Erb

„Manche Besucher reden aber auch gar nicht so viel“, fügt Schinzel hinzu. Sie genössen es einfach, in Gesellschaft zu sein, in dem Wissen, nichts beitragen zu müssen. Einige kämen schon seit Jahren, seit er selbst in der Vesperkirche mithilft, andere säßen sogar jedes Jahr wieder auf demselben Platz. Besonders ist Schinzel aber der Obdachlose aus Bad Cannstatt in Erinnerung geblieben, der dem 32-Jährigen Einblicke in sein Leben gegeben hat. Aus Respekt vor dem Besucher möchte Schinzel keine Details daraus wiedergeben. „Mit wenig Geld zu leben, bedeutet einfach, so viel mehr kämpfen zu müssen“, sagt der Helfer stattdessen zusammenfassend.

Was ihn dabei besonders nachdenklich macht: „Ich kriege in meinem eigenen Alltag nichts davon mit.“ Einfach nur, weil er aus einer Akademikerfamilie komme. „Und das Krasse ist ja auch: Man sieht es den Leuten nicht an.“

Der Grundgedanke: Menschen auf Augenhöhe begegnen

Das sagt auch Martin Strecker, der als Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbands Ludwigsburg zum Organisationsteam gehört und die Vesperkirche vor rund 20 Jahren mitbegründet hat. Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen zusammenzubringen, ohne dass dieser eine Rolle spielt, sei schon damals der Grundgedanke gewesen. „Uns ist ein Projekt vorgeschwebt, bei dem sich Menschen auf Augenhöhe begegnen“, sagt Strecker.

„Die Vesperkirche soll ein Begegnungsort sein, an dem Menschen in Not erfahren, dass es kein Oben und kein Unten und es keine Unterschiede zwischen Helfer und Geholfenen gibt.“ Die Vesperkirche richte sich deshalb ausdrücklich nicht nur an Bedürftige, sondern an alle, die gerne in Gesellschaft sein möchten. Dass man diese Mischung sowohl bei den Besuchern als auch bei den ehrenamtlichen Helfern insgesamt gut hinbekomme, macht den Geschäftsführer zufrieden.

Trotzdem fällt Strecker auf, dass sich die Zusammensetzung der Besucher zunehmend verschiebt. „Besonders unter der Woche kommen immer mehr Menschen, die am unteren Einkommensrand leben“, sagt er. Die Sorge ist aus seiner Stimme herauszuhören. Bereits vor Beginn der diesjährigen Vesperkirche hatte der Diakoniegeschäftsführer deutliche Worte an die Politik gerichtet: In Krisenzeiten nach unten zu treten und im sozialen Bereich zu sparen, könne nicht der richtige Weg sein, sagte er unserer Zeitung. Und auch am Eröffnungstag der Vesperkirche schwingt dieser Appell mit, wenn er sagt: „Ich wünsche mir, dass wir in diesen polarisierenden Zeiten erkennen, wie wichtig es ist, sich auf Augenhöhe zu begegnen.“

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