Hunde im Gottesdienst? In der Stuttgarter Vesperkirche wird der "Karneval der Tiere" gefeiert. Was hinter dem Event steckt.

Volontäre: Janina Link (jali)

Aus den ersten Bankreihen der Leonhardskirche steigt Gesang auf. „Kein Tierlein ist auf Erden dir, lieber Gott, zu klein“, tönen einige Gottesdienstbesucher. Langsam bereitet sich der Gesang in der ganzen Kirche aus und sammelt sich unter dem hohen Deckengewölbe. Es ist Vesperkirche in Stuttgart, doch an diesem Sonntagnachmittag mischt sich unter das Klappern von Geschirr und das Rascheln von Winterjacken ein ungewohnter Klang: ein lang gezogenes Jaulen, das sich wie eine zweite Melodie durch die erste Strophe zieht.

 

Ein Hund in der dritten Bankreihe hebt den Kopf, die Schnauze leicht in die Höhe gereckt, als wolle er in den Chor einstimmen. Kaum verstummt er wieder, antwortet ihm von weiter hinten ein kurzes Bellen. Köpfe drehen sich um, suchend. Doch nirgends sieht man ein genervtes Augenrollen – stattdessen huscht ein Lächeln über die Gesichter, hier und da erklingt ein unterdrücktes Lachen.

„Ich wusste sofort: Da muss ich hin“

Auf Decken zu Füßen ihrer Herrchen und Frauchen liegen Labradore, Mischlinge und andere Hunde. Manuela S. lenkt einen Kinderwagen, in dem gleich vier Hunde sitzen, durch den schmalen Mittelgang zwischen den Bankreihen, begleitet wird sie von zwei weiteren Hunden. Die ältere Frau ist extra aus Möhringen gekommen, um den Gottesdienst mit ihren insgesamt sechs Hunden zu besuchen. „Als ich am Vorabend von einer Freundin davon erfahren habe“, erzählt S., „wusste ich sofort: Da muss ich hin.“

Bereits zum zweiten Mal veranstaltet die Stuttgarter Vesperkirche diese ganz besondere Art der Andacht unter dem Motto „Karneval der Tiere“. Die Leonhardskirche ist seit jeher verbunden mit dem Thema Tierschutz – hat schließlich der erste Tierschutzverein Deutschlands dort seine Wurzeln. Das Angebot eines Mensch-Tier-Gottesdiensts kommt gut bei den Stuttgartern an. „Dieses Jahr sind noch mehr Hunde gekommen als im letzten“, freut sich Gabriele Ehrmann, die Leiterin der Stuttgarter Vesperkirche. „Viele Menschen sehen in ihrem Tier einen Vertrauten, einen Begleiter. Und gerade für Menschen, die auf der Straße leben, ist ihr Hund oft ihr bester Freund.“

Gottesdienstbesucher sollen sich mit Tierschutz beschäftigen

Thomas und Renate Lehmann verbindet viel mit der Leonhardskirche. Das ältere Ehepaar, das an diesem Sonntag mit ihrem Hund Carl den Gottesdienst besucht, erzählt: „Wir haben hier geheiratet, 1966.“ Später hätten sie ihr Kind in der Kirche taufen lassen und nun seien sie mit ihrem „vierbeinigen Kind“ da, wie Renate Lehmann schmunzelnd hinzufügt.

Zwei weitere begeisterte Besucher der Mensch-Tier-Andacht sind Birgit Frank und ihre Mutter Waltraud Kurz – zusammen mit Hündin Zelda. „Wir waren letztes Jahr schon hier und fanden es ganz arg toll, dass man mit dem Hund in die Kirche darf und sind deshalb dieses Jahr gleich wieder gekommen“, berichtet Frank und strahlt. Sonst gehe sie Sonntag nicht unbedingt in Gottesdienst, denn am Wochenende hätte Hündin Zelda Priorität.

Mit Hund in den Gottesdienst: An diesem Sonntag war das möglich. Foto: Lichtgut/ Stefanie Bacher

„Ich finde das so schade, dass das in der normalen Kirche nicht wenigstens einmal im Jahr angeboten wird“, sagt Waldtraud Kurz. „Also ich werde das auf jeden Fall mal unserer Pfarrerin sagen.“ Gerade für Hundebesitzer, deren Tiere nicht gern allein bleiben, seien solche Angebote besonders hilfreich.

Der Gottesdienst diene zudem einem besonderen Zweck, betont Pfarrer Benedikt Jetter: „Wir laden die Menschen heute ein, sich mit Tierschutz und Schöpfung zu beschäftigen.“ Gemeinsam mit Pfarrerin Kathinka Kaden und Monika B. Feil bildet er das „Tier-Mensch-Team“ der Stuttgarter Leonhardskirche. Im Anschluss an den Gottesdienst können die Besucher ihre felligen Begleiter dann sogar noch segnen lassen. Pfarrer Jetter zieht ein Fazit der Veranstaltung: „Wenn man hier heute rausgeht und sagt: Meine Mitgeschöpfe sind nicht egal – da hat man schon viel mitgenommen“, sagt er.