Vesperkirchen im Kreis Esslingen Inseln der Barmherzigkeit auf Zeit

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Für die einen sind sie die Gelegenheit, günstig an eine Mahlzeit zu kommen. Anderen geht es darum, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen. Die Vesperkirchen in Nürtingen, Kirchheim und Esslingen sind Inseln der Barmherzigkeit in einer kalten Jahreszeit.

Die Helferinnen und Helfer der Vesperkirchen haben alle Hände voll zu tun, die Gäste schnell und freundlich zu bedienen. Foto: Horst Rudel
Die Helferinnen und Helfer der Vesperkirchen haben alle Hände voll zu tun, die Gäste schnell und freundlich zu bedienen. Foto: Horst Rudel

Esslingen - An kalten Wintertagen eine Insel des warmherzigen Willkommens zu sein – das ist das Versprechen, das die Vesperkirchen im Landkreis Esslingen seit mehr als zehn Jahren einlösen. Zu diesem Willkommen gehört die Begegnung auf Augenhöhe ebenso, wie eine Mahlzeit, die den Magen füllt und gleichzeitig den Geldbeutel nicht leert. Am 27. Januar beginnt die Thomaskirche in Kirchheim den Reigen dieser auf Zeit eingerichteten Inseln der Barmherzigkeit im Landkreis. In Nürtingen öffnet das Ausweichquartier in der Stephanuskirche im Roßdorf seine Tore am 3. Februar. Den Schluss, nicht nur im Landkreis, sondern auch in der Region Stuttgart, ziert die Vesperkirche in Esslingen. In der geschichtsträchtigen Frauenkirche wird vom 17. März an aufgetischt.

In der rund 92 000 Einwohner zählenden Kreisstadt zeigt sich das arme Gesicht einer reichen Region noch deutlicher, als in Kirchheim und Nürtingen. „Im vergangenen Jahr sind wir angesichts dessen sogar von unserem Leitmotiv ‚Gemeinsam an einem Tisch’ abgerückt und haben stattdessen ‚Kommen und satt werden’ als Motto ausgegeben“, sagt der Esslinger Projektleiter, Bernd Schwemm. Im Vergleich zu den Vorjahren waren seinen Worten zufolge zum zehnjährigen Jubiläum mehr Gäste gekommen, die sich selbst mit dem symbolischen Beitrag von 1,50 Euro für das Komplettmenü schwergetan haben.

Kein Essen für den Vater

„Da waren Familien dabei, denen das Geld nicht einmal mehr für den Vater gereicht hat“, erinnert sich Schwemm. Um zu verhindern, dass der mit knurrendem Magen zuschauen muss, haben die Helferinnen noch einen Gratis-Teller ausgegeben. „Wir schicken niemanden weg“, so formuliert Schwemm die Botschaft der Vesperkirche. Um das Wohl der täglich bis zu 500 Gäste werden sich über die drei Vesperkirchenwochen hinweg rund 700 Helferinnen und Helfer kümmern. „Die Dienstpläne werden gerade geschrieben“, sagt Bernd Schwemm.

Uli Häußermann, sein Kirchheimer Kollege, hat die organisatorischen Vorarbeiten schon abgeschlossen. Mit der Zusage der neu die Kirchheim Linien bedienenden Busbetriebe Schlienz und Bader, den kostenlosen Zubringerdienst quer durch die Stadt aufrecht zu erhalten, ist ihm ein letzter Stein vom Herzen gefallen. Am Samstag, 12. Januar, buhlt die Vesperkirche noch einmal auf dem Wochenmarkt um Aufmerksamkeit. Warme Maultaschen geben im wahrsten Sinne des Wortes einen Vorgeschmack auf die gedeckten Tische in der Thomaskirche.

Stephanuskirche als Ausweichquartier

Mit mehr als nur einem Transportproblem hat sich die Nürtinger Diakonin Bärbel Greiler-Unrath im Vorfeld der am 3. Februar beginnenden Nürtinger Vesperkirche herumschlagen müssen. Die Lutherkirche, der seit elf Jahren angestammte Ort der Begegnung, steht wegen Umbauarbeiten nicht zur Verfügung. „Wir sind froh, mit der Stephanuskirche ein geeignetes Ausweichquartier gefunden zu haben, auch wenn es etwas ab vom Schuss liegt“, sagt die Organisationschefin. Andererseits berge der verdichtete Stadtteil ein großes Potenzial. „Im Stephanushaus gibt es jetzt schon jeden Mittwoch einen Mittagstisch, der regelmäßig von 50 Gäste besucht wird. Und das ist eigentlich unsere Klientel, die sich hier zum Essen trifft“, sagt sie.

Das Transportproblem hat Greiler-Unrath mit Hilfe der Stadt Nürtingen gelöst. „Die beiden Elektrobusse, die sonst das Gewerbegebiet Bachhalde anfahren, pendeln zwischen 11.15 Uhr und 13 Uhr zwischen dem zentralen Omnibusbahnhof, der Lutherkirche und der Stephanuskirche hin und her“, sagt sie. Anders als in Kirchheim hätten sich die örtlichen Busbetriebe dagegen nicht kooperativ gezeigt.

Die Angebote im Überblick

Kirchheim: Vom 27. Januar bis zum 10. Februar ist der Mittagstisch der Vesperkirche in der Thomaskirche gedeckt. Für eine Mahlzeit, inklusive Getränk, Kaffee und Kuchen, werden 1,50 Euro veranschlagt.

Nürtingen:
Die Vesperkirche 2019 zieht für ein Jahr in das Ausweichquartier im Nürtinger Roßdorf. In der dortigen Stephanuskirche gibt es zwischen dem 3. Februar und dem 24. Februar das Mittagessen nach wie vor für einen symbolischen Euro.

Esslingen:
Die Vesperkirche in Esslingen öffnet ihre Tore am 17. März. Drei Wochen lang, bis zum 3. April, wird das Essen in der historischen Frauenkirche für 1,50 Euro ausgegeben.