Hannover 96 ist der Gegner des VfB Stuttgart im Sonntagsspiel. Die Mannschaft leidet auch unter der Erwartungshaltung nach zwei Spielzeiten in der Europa League.

Stuttgart - Die Tage, an denen Mirko Slomka bei seinen Lobeshymnen über Hannover 96 ein ernstes Gesicht macht, häufen sich. Zwei Spielzeiten in Folge ist es dem smarten Trainer gelungen, mit seinem Team in die Europa League einzuziehen und viel Ruhm einzuheimsen. „Wo wir spielen, da ist Spektakel“ – bei diesem schönen Satz, den Slomka gerne als Pluspunkt für Hannover ins Feld führt, verbirgt sich zwischen den Zeilen durchaus ein wenig Galgenhumor. Mit drei Siegen aus zehn Auswärtsspielen und 46 Gegentreffern in 27 Partien offenbart die 96-Mannschaft erstaunliche Schwächen. Das Spektakel des hannoverschen Fußballs lebt in dieser Spielzeit von unberechenbaren Momenten und Rückschlägen, auf die der Trainer Slomka nicht immer eine Antwort findet.

 

Ihre Kundschaft ist zwei Spielzeiten lang sehr verwöhnt worden. Möglicherweise hat die Mannschaft mit Nationaltorhüter Ron-Robert Zieler als sicherem Rückhalt lange Zeit am oberen Limit gespielt. Deshalb ist die Empfehlung des Mittelfeldakteurs Jan Schlaudraff, man möge die Kirche doch bitte im Dorf lassen, kein schlechter Ratschlag an so manchen lautstarken Nörgler im Stadion. Als ehemaliger Nationalspieler, der bei Hannover 96 schon in Ungnade gefallen und aussortiert worden war, kennt sich der Dribbelkünstler mit der Kurzlebigkeit des bezahlten Sports bestens aus. Pässe und Geniestreiche, die vor einem Jahr noch in Serie geklappt haben, wollen nicht mehr gelingen. Das überfallartige Konterspiel, mit dem Schlaudraff und Co. die gesamte Liga überrascht haben, ist erlahmt. Es ist auch der Fluch der guten Taten, der Hannover 96 auf Schritt und Tritt begleitet, hemmt sowie bremst.

Verletzungsbedingte Ausfälle

Ausreden und Erklärungen gibt es viele. Die verletzungsbedingten Ausfälle von Stammspielern wie Szabolcs Huszti, Lars Stindl und Mario Eggimann, die morgen gegen den VfB Stuttgart fehlen, haben die erwünschte Weiterentwicklung der Mannschaft erschwert. Martin Kind, der ehrgeizige Präsident, spricht gerne davon, dass die Aufbauarbeit in seinem Verein erledigt sei. Er will Hannover 96, nachdem sich der Verein als nationale Marke etabliert hat, dauerhaft europäisch positionieren. Damit das gelingt, soll vor allem ein Ausnahmekönner wie Mame Diouf auf lange Sicht gehalten werden. Der Senegalese, dessen Karriere bei Manchester United ins Stocken geraten und der deshalb als Schnäppchen zu haben war, steht auf dem Notizzettel nationaler und internationaler Beobachter. Die Personalie gilt als Nagelprobe dafür, welchen Weg Hannover 96 geht und wie vehement man sich gegen die Lockrufe der Konkurrenz stemmen kann. Und sie wird trotz der vielen schönen Tore des 25-Jährigen zur internen Belastung, weil sich herumgesprochen hat, dass Präsident Kind den Torjäger fürstlich bezahlen will, ansonsten aber gerne sparsam und defensiv wirtschaftet.

Was Slomka vor den Fernsehkameras ebenso eloquent wie vorteilhaft darstellt, hat hinter den Kulissen durchaus seine Tücken. Die Stimmung in der Mannschaft, daraus machen vor allem die erfahrenen 96-Profis kein Geheimnis, ist schon deutlich besser gewesen. Während der Trainer seine nicht enden wollenden Differenzen mit dem Manager Jörg Schmadtke still und heimlich pflegt, wartet so mancher etablierte Spieler auf einen neuen Vertrag.

Selbst ein Mann wie Sergio da Silva Pinto, als Abräumer und Provokateur vor der Abwehr eine gestandene Größe, muss um eine Weiterbeschäftigung zittern. Der Trainer fordert von den Spielern auf der Zielgeraden der Saison einen weiteren Kraftakt, um die letzte Chance auf einen Platz im internationalen Geschäft zu wahren. „Es ist unangenehm, darauf zu hoffen, dass andere Federn lassen. Wir haben immer noch große Lust auf Europa, das müssen wir mit Macht und Wucht auch zeigen“, sagt der Berufsoptimist Slomka. Er bleibt guter Hoffnung, dass selbst die Wackelkandidaten bereit sind, sich für ihn und den Club noch einmal tüchtig zu schinden.