In Stammheim, wo der 1949 geborene Rocksänger aufgewachsen ist, gibt es seit Mai 2009 die Wolle-Kriwanek-Straße. Als das Straßenschild feierlich enthüllt wurde, sagte sein Freund, der Gitarrist Paul Vincent: „Solange Wolles Lieder gesungen werden, ist das Schwabenland noch nicht verloren.“
Wie wahr! Verloren ist der wilde Süden nun wirklich nicht! Wolles „Stuttgart kommt“ wird nämlich seit einiger Zeit besonders laut gesungen – in der MHP-Arena tun’s 60 000 Fans voller Inbrunst, machen immer noch weiter, sobald das Playback fertig ist und verstummt.
„Welche Elf kennt nur ein Ziel? Vau-eff-bee, vau-eff-bee!“
Vom letzten Platz der Bundesliga hat VfB-Trainer Sebastian Hoeneß eine locker-leicht und atemberaubend stark aufspielende Mannschaft in die Champions League geführt – und damit eine ganze Stadt beglückt, ja, noch stolzer gemacht. Wenn am Samstag in der MHP-Arena das Saisonfinale gefeiert wird, werden die Fans mit ihren Gesängen noch eine Schippe drauflegen: „Welche Elf kennt nur ein Ziel? Vau-eff-bee, vau-eff-bee! Wer kämpft für uns in jedem Spiel? Vau-eff-bee, vau-eff-bee.“
VfB-Mitglied Benjamin Kriwanek, der 1982 geborene Sohn des Hymnen-Schreibers, wird am Samstag wie immer mit fünf Kumpels das Heimspiel im Block 29 B verfolgen – seit vielen Jahren hat der Freundeskreis seine Dauerkarten. Weil einer der Freunde im Urlaub ist, nimmt Benny diesmal seine Mutter Irmgard „Irmi“ Kriwanek mit, die nur selten im Stadion dabei ist. Was wird das Lied ihres an Ostern 2003 verstorbenen Vaters und Ehemanns mit ihnen machen, wenn die ganze Arena die Hymne zum Orkan werden lässt?
Der Sohn weiß es, weil er es schon oft erlebt hat. Seit dem ersten Heimspiel der Saison 2022/2023 ist „Stuttgart kommt“ wieder die offizielle VfB-Hymne, von der Cannstatter Kurve maßgeblich initiiert. „Für mich ist das eine emotionale Achterbahnfahrt“, sagt Benjamin Kriwanek, „einerseits bin ich mächtig stolz auf Wolle und auf die Fans, wenn sie in der Kurve loslegen, aber andererseits kann ich meistens nicht mitsingen.“ Denn bei diesem Song kommen alte Bilder hoch.
Ein Jahr vor seinem Tod schrieb er das Musical „Der Zwölftonkavalier“
Der Tod kam ohne Vorwarnung. Sohn und Ehefrau waren an jenem Osterfeiertag vor 21 Jahren dabei, als der Vater, der außer Fußball- auch Motorsportfan war, ein Formel-1-Rennen anschauen wollte und plötzlich völlig unerwartet zusammenbrach. Der damals 53-jährige Musiker sang in „Halbzeit“, in einem seiner Songs: „Klar, wir sind noch jung / und nicht bloß in der Erinnerung – / und doch ist unsere Halbzeit schon vorbei.“
Ein Aneurysma pfiff sein Spiel zur Halbzeit ab. Kann das nicht jeden von uns treffen? Der Vater hatte noch so viel vor. Ein Jahr vor seinem Tod schrieb er den Text für das Musical „Der Zwölftonkavalier“, engagierte sich für die Rockstiftung Baden-Württemberg, war leidenschaftlicher Lehrer einer Förderschule. Schöne Erinnerungen schweben über den Wunden der Seele.
Wir sitzen bei schönem Wetter auf der Außenterrasse des VfB-Clubrestaurants unweit der MHP-Arena. Bei schönem Urlaubswetter hat Wolle Kriwanek den Text „Stuttgart kommt“ im Jahr 1996 geschrieben, erinnert sich seine Frau, damals am Strand von Kroatien. Aus dem Nachlass seines Vaters hat Benny Briefe mitgebracht, die der damalige VfB-Geschäftsführer Ulrich Schäfer dem Musiker geschrieben hat.
Der Verein wünschte eine Hymne, die bei Niederlage und beim Sieg funktioniere, steht da drin. Das Lied sollte „anfeuern und abfeiern, sowohl vom A-Block, der Haupttribüne und der Gegengeraden akzeptiert und mitgesungen werden können“. Wolle Kriwanek nannte diese Anforderungen damals die „Quadratur der Maultasche“.
Selbst notierte er später: „An diesem Punkt des Zweifelns ging plötzlich der VfB-Fan mit mir durch und ließ den Musiker einfach stehen. Ich leide und freue mich mit dem VfB, warum soll ich nicht auch mit ihm singen? Ich nahm die Herausforderung an.“ Seine Idee: Ein Vorsänger sollte mit einer Textzeile Rhythmus und Tempo vorgeben, worauf die Masse mit rhythmischen Gesang antwortet.
Beim Pokalfinale 1997 spielte der DFB die falsche VfB-Hymne
Am Rande einer Konfirmation in einem Restaurant, in dem sich normalweise die Stuttgarter Kickers trafen, hatten sich Schäfer und Kriwanek über eine neue Vereinshymne unterhalten . Benjamin Kriwanek, der ein großer Musikfan ist, aber beruflich mit Musik nichts zu tun hat (er arbeitet bei Mercedes-Benz Vans.) ist schwer beeindruckt, dass aus dieser „verrückten Geschichte“ Jahrzehnte später alles genau so aufgeht, wie es sich der Vater ausgedacht hat: Nach Fragen antwortet die Masse – bis „Stuttgart kommt“ mehrfach durchs Stadion donnert.
„Nach dem Urlaub in Kroatien ist Wolle mit der Klampfe zur VfB-Geschäftsstelle gefahren“, erinnert sich seine Frau, „ich hab’ solange draußen im Auto gewartet.“ Der Song muss gleich von Anfang an bei den Verantwortlichen gezündet haben. Und sie erinnert sich auch daran, dass der VfB ihren Mann 1997 zum Pokalfinale nach Berlin mitnahm, wo sein Lied hätte laufen sollen – doch der DFB habe ein anderes Lied eingespielt.
„Wolle wusste immer, die Stimmung kommt aus der Cannstatter Kurve““
Der 41-jährige Sohn erzählt eine Anekdote aus der Entstehungszeit der Hymne: „Bei uns im Haus in Backnang gab es einen Laden für Streetwear. Einer der damals jungen Chefs, der Markus, ein eingefleischter VfBler aus dem Block, hatte meinen Vater zufällig im Aufzug getroffen. Wolle wollte von ihm als Fan unbedingt eine Meinung zu dem damals unveröffentlichten ,Stuttgart kommt’. Markus war total fasziniert und erzählt heute noch stolz über diesen sehr ,intimen’ VfB-Fan-Einblick. So war halt Wolle. Als VfB-Fan waren ihm die Fans wichtiger. Und er wusste, die Stimmung im Stadion kommt immer aus der Cannstatter Kurve.“
Dass die Kriwaneks mit „Stuttgart kommt“ heute nur Cent-Beträge verdienen, stört sie nicht. Einem eingefleischten VfB-Fan wie Benny geht es nicht ums Geld, es geht um das Wohl seines Vereins.
Aus dem Bauch heraus hat er die Welt verstanden
Wolle Kriwanek, ist oft zu lesen, habe den Schwabenrock erfunden. Der Begriff „Schwabenrocker“ gefiel ihm selbst nicht. Er war ein Musiker, der den Blues in sich hatte und diesen bewusst schwäbisch sang, weil er sich halt nie verstellte.
Aus dem Bauch heraus hat er die Welt verstanden und mit seiner herausragenden Münchner Band ehrliche und erdige Rockmusik gespielt. Von 1980 bis 1986 ließ sich der Lehrer beurlauben, tourte mit großem Erfolg durchs Land mit Hits wie „Ufo“, „Reggae di uff“ oder „I muss die Stroßaboh no kriaga“. Mit der Neuen Deutschen Welle wurden seine Auftritte weniger. Kriwanek arbeitete wieder als Lehrer einer Förderschule, was ihm genauso wichtig gewesen sei wie die Musik, sagt seine Familie.
Den Traum von einer Nummer eins, von einem großen Stadion, in dem das gesamte Publikum seinen Song singt – diesen Traum haben viele Musiker. Nach Kriwaneks Tod erfüllt sich dieser Traum. So schön und so viel Gänsehaut, wenn 60 000 in der MHP-Arena „Stuttgart kommt“ mit Orkanstärke singen – so traurig, dass es der Sänger nicht miterleben kann.
Stuttgart kommt. Stuttgart ist da – und wie! Danke, Wolle!