VfB-Kult-Kneipe in Böblingen 60 Jahre Kanne: Furchtlos und Bräu!
Die kleine Kneipe in der Böblinger Schafsgasse ist ein Heim für Menschen, die Gesellschaft suchen und eine Institution für VfB-Fans. Das funktioniert auch wegen der Chefin.
Die kleine Kneipe in der Böblinger Schafsgasse ist ein Heim für Menschen, die Gesellschaft suchen und eine Institution für VfB-Fans. Das funktioniert auch wegen der Chefin.
Um zwölf kommt der Stammtisch, um halb drei kommen die Kartenspieler. Die Kanne in Böblingen, ist eine Kneipe, in der man auffällt, wenn man nicht jeden duzt und wenn man nicht einstimmen will in den Chor von Witzen und Meinungen, die gerade kursieren: „Der Kopf tut weh, die Füße stinken, höchste Zeit, ein Bier zu trinken“. „Woisch, es gibt do a App, wo mer von mp3 auf mp4 überspielen kann“, „Mein lieber Scholli, kommsch Du heut?“ Man ahnt, es ist Mittag. Die Hälfte des Stammtisches sitzt auf der Bank, die andere auf Stühlen und wenn sie in zwei Teams miteinander das Würfelspiel Chicago spielen, dann heißen die Teams auch so: Bank gegen Stühle.
Die Kanne hat am 1. März ihren 60 Geburtstag gefeiert, sie ist eine Institution für VfB-Fans in Böblingen und eine Inspiration für Menschen die Geselligkeit und Gemütlichkeit lieben.
Gradraus und kraftvoll wie ein Freistoß von Karl Allgöwer, das ist Uschi Russel, Wirtin der Kanne in der Böblinger Schafsgasse. Ihr sind zwei Dinge wichtig: Dass jeder Gast auch satt wird, wenn er hier gegessen hat, und dass der VfB gewinnt. Ihre gastronomische Strategie? Also außer frisch Gezapftem und einem Wurstsalat-Berg so hoch wie das Haushaltsdefizit der Bundesregierung? Hier kann jeder sitzen vom Topmanager bis zum Bandarbeiter. Und hier kann man trotz aller Differenzen lernen, dass man manchmal einen Schritt zurückgehen muss, um zwei Schritte nach vorne zu kommen. Und wenn nicht „dann fahr ich drein wie ein Donnerwetter“, sagt Uschi Russell.
Gelernt hat sie Erzieherin, gearbeitet hat sie als Bürokauffrau, und als ihre Mutter die Gaststätte nicht mehr führen konnte, hat sie die Wirtschaft übernommen. Ihr Vater Helmut war eine Institution in Böblingen und stand an der Theke bis zuletzt. Uschi Russel hat es nie bereut, nicht mehr Erzieherin zu sein, sondern Wirtin, überhaupt sei das ein ähnliches Betätigungsfeld, nur die Pfleglinge sind halt älter.
Gewiss war der Vater nie da, weil er immer schaffen musste, und so waren die Tage, wo Uschi Russel mitdurfte zum Heimspiel vom VfB die wertvollsten und tollsten ihrer Kindheit. Ihr erstes Spiel sah sie mit fünf Jahren: Da gab es Fahnen, da gab es eine rote Wurst, da bekam man auch mal ein Trikot geschenkt. „So bin ich fast zum VfB-Fan erzogen worden.“ Auch wenn wenig Zeit für sie war, und sie von Großmutter, geboren 1899, mit strenger und gütiger Hand erzogen wurde, ist sie ganz sicher: „Meine Eltern haben mir eine schöne Kindheit beschert.“
Weil alle immer nur gearbeitet haben, gab es auch diese kleinen Fluchten. Mit ihrem Mann, US-Amerikaner und Küchenchef, war sie schon um 26 Mal auf Hawaii und weiß aus erster Hand, dass es sehr wohl ein Bier auf Hawaii gibt, und das bekannte Lied so nicht ganz stimmen kann.
Das macht sie einmal im Jahr und jedes Pfingsten wird gekickt. Mit der Thekenmannschaft Kannenknobler sind langjährige internationale Fußball-Freundschaften entstanden und man geht nach Zypern oder nach Italien und besucht die dortigen Thekenmannschaften zum Spielen und zum Feiern und freut sich dann auf die Gegenbesuche in Deutschland. Immerhin, die wackeren Fußballer von den Kannenknobler sind jetzt auch schon um die 60 rum, ebenso die ehemaligen Lehrer von der Eichendorffschule, die ebenfalls zur Stammkundschaft zählen. Man sieht, das Publikum ist also vergleichsweise jung, zumindest verglichen mit dem Senior unter den Gästen, dem Metzger Walter Hehnle mit seinen 96 Lenzen, der sich hier fast täglich mit einem Schoppen stärkt.
Einst markierte die Kanne das Ende des Künstlerviertels, der Böblinger Kneipenmeile, in der man sich traf und die von überall her Gäste anzog und die jetzt vor sich hinsiecht. Warum gib es die Kanne noch, und die meisten anderen Wirtschaften nicht mehr? Weil die Kanne Uschi Russel gehört – und deshalb nicht an den immer höher werdenden Pachten ausbluten kann.
So hat sich also hier die schwäbische Gastlichkeit erhalten, zusammen mit der Einrichtung aus den 60er Jahren, den Mannschaftsbildern und den Trophäen des VfB. Dazu gehört der große Fernseher, wo auch Biathlon läuft, Skispringen oder Autorennen. Wo man auch mit der Zeit geht, seit neuestem Wild Berry Lillet anbietet oder Aperol Spritz, wo keiner meckert, wenn er zum Rauchen nach draußen geht, und wo auch durchaus Schalke-Fans geduldet sind.
Einzig Bayern-Fans sollten eines wissen, bevor sie sich auf Rostbraten, Kartoffeln und helles Bier stürzen. Wenn es ein Spiel ist, bei dem der FC Bayern München nicht in einem internationalen Turnier Deutschland vertritt, sondern in der Bundesliga unterwegs ist, oder gar gegen eine in Stuttgart Bad Cannstatt ansässige Fußball Truppe spielt, dann wäre es, je nach Punktestand des Spiels eventuell für diese Fans angeraten, ihren Jubel über ebendiesen Punktestand je nach Stimmung im Saale vielleicht ab und an etwas zu drosseln. Doch allen Gegensätzen in Sport oder Politik zum Trotz ist immer noch Uschi Russells Grundgesetz der Kanne-Wirtschaft gültig: Es kommt nur darauf an, dass man ein Herz hat. Und damit haben sie, ihre Eltern und ihr Mann geschafft, was heutzutage kaum noch jemand schafft: 60 Jahre lang erfolgreich eine Wirtschaft zu führen.