VfB-Manager Fredi Bobic Strippenzieher in Not

Auch Fredi Bobic wartet auf ein Erfolgserlebnis. Sein Leben und Wirken beim VfB sehen Sie in der Bildergalerie. Foto: Pressefoto Baumann 24 Bilder
Auch Fredi Bobic wartet auf ein Erfolgserlebnis. Sein Leben und Wirken beim VfB sehen Sie in der Bildergalerie. Foto: Pressefoto Baumann

Mit einigem Geschick hat es Fredi Bobic geschafft, beim VfB Stuttgart der starke Mann zu werden. Nun jedoch gerät auch der Sportvorstand in Bedrängnis.

Sport: Marko Schumacher (schu)
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Stuttgart - In diesen Tagen der großen Krise schlüpft Fredi Bobic wieder einmal in eine Rolle, die er blendend beherrscht: Er gibt den Mann des Volkes. Am Tag nach dem schmachvollen 1:4 in Hoffenheim schaut er beim Training zu und läuft danach hinüber zum Eisengitter, hinter dem ein paar Fans warten. Bobic unterschreibt auf den Trikots, die sie ihm entgegenstrecken, und nimmt für Erinnerungsfotos kleine Kinder auf den Arm. Er muss sich in solchen Momenten nicht grundlegend verstellen, er weiß, wie Fußballfans ticken. Hier ein freundliches Wort, dort ein Lächeln, das fällt ihm nicht schwer.

In Fredi Bobic aber brodelt es. Denn es läuft nicht gut für den Sportvorstand des VfB Stuttgart.

Der Tanker droht zu sinken

Hilflos taumelt die Mannschaft derzeit dem Abgrund entgegen. Es ist die Mannschaft, die Bobic zusammengestellt hat, auf der Bank sitzt der Trainer, dem er das Vertrauen geschenkt hat. Noch ist nichts verloren, noch bleiben 13 Spiele, um den drohenden Abstieg abzuwenden. Im Moment aber hat der Tanker VfB Stuttgart massiv Schlagseite und ist drauf und dran zu sinken. „Am Ende des Tages“, ein Ausdruck, den Bobic gern und oft benutzt, trägt er dafür die sportliche Verantwortung.

Fredi Bobic, 42, ist das Gesicht des Vereins. Er hat das so gewollt und einiges dafür getan, dass es so gekommen ist. Im Juli 2010 hat er beim VfB das Amt des Managers angetreten und ist im April 2013 in den Vorstand befördert worden. Dazwischen lag eine schwere Führungskrise, in der Bobic maßgeblich an den Strippen zog. Tatkräftig hat er daran mitgewirkt, dass erst der glücklose Präsident Gerd Mäuser und anschließend der mächtige Aufsichtsratschef Dieter Hundt aus ihren Ämtern gedrängt wurden. Dafür sind sie ihm im Verein und auf Seiten der Fans bis heute dankbar.

Das Machtvakuum ausgefüllt

Fredi Bobic hat das Machtvakuum ausgefüllt und die Lage wieder beruhigt. Nicht zuletzt an ihm lag es, dass Bernd Wahler im vergangenen Sommer mit 97 Prozent der Stimmen zum neuen Präsidenten gewählt wurde. Bobic’ Plan war damit aufgegangen – er ist beim VfB das geworden, was man den starken Mann nennt. Daran muss er sich nun messen lassen.

Es wäre ungerecht zu behaupten, Bobic gehe es nur um seine eigene Person. Er ist in Cannstatt großgeworden, er hat in der Jugend beim VfB gespielt und hier in der Bundesliga debütiert. Der Verein, das steht außer Frage, ist für ihn eine Herzensangelegenheit. Er war ein Instinktfußballer und ist nun ein Instinktmanager mit einem ausgeprägten Gespür für Stimmungen.

Vier Trainer in dreieinhalb Jahren

Doch tauchen gerade in der jetzigen Situation Zweifel auf, ob Bobic neben Herzblut und Instinkt auch den strategischen Weitblick besitzt, der in einem Bundesligaunternehmen nötig ist. Vor einem Jahr verlängerte er den Vertrag mit dem Trainer Bruno Labbadia, obwohl absehbar war, dass die Sache nicht mehr lange funktionieren würde. Nach drei Spielen in dieser Saison zog Bobic die Reißleine und ersetzte Labbadia durch Thomas Schneider. Er ist sein vierter Trainer in dreieinhalb Jahren.

Fredi Bobic, ausgestattet mit einem gewaltigen Temperament, unterteilt die Menschen, mit denen er zu tun hat, gerne in zwei Gruppen: jene, die selbst Fußball gespielt haben, am besten professionell, und daher seiner Meinung nach wissen, wie das Geschäft funktioniert. Und die anderen, die angeblich keine Ahnung haben, wovon sie reden. Das lässt er sie spüren. Es kann sehr unangenehm sein, eine andere Meinung zu haben als der Manager – das gilt nicht nur für die Schiedsrichter, über die er gern schimpft. Bobic neigt dazu, es im Zweifel besser zu wissen. Womöglich weiß es beim VfB tatsächlich keiner besser als er. Doch spricht dies weniger für Bobic, als vielmehr gegen den Verein.

Beim VfB gibt es keine Streitkultur

Es ist seit vielen Jahren das große Problem des VfB, dass es auf der Geschäftsstelle keine ehrliche Streitkultur gibt, keinen konstruktiven Austausch. Es wird nicht miteinander, sondern nur übereinander gesprochen. Der Machterhalt steht bei manchen im Mittelpunkt des täglichen Handelns. Sie ziehen den Kopf ein, wenn es stürmisch wird – und sind heilfroh, dass Bobic den furchtlosen Frontmann gibt. In so einem Arbeitsumfeld ist es nicht möglich, dauerhaft Erfolg zu haben.

Man kann Bobic nicht vorwerfen, dass er nicht versuchen würde, Veränderungen herbeizuführen. Es spricht auch nicht zwingend gegen ihn, dass er im Nachwuchsbereich oder im Scouting langjährige Weggefährten engagiert hat. Es ist durchaus üblich, Leute zu engagieren, die man kennt und denen man vertraut. Die entscheidende Frage ist, ob diese Leute gut sind und dem Chef, der sie geholt hat, auch mal widersprechen. Ein Kontra musste Bobic bislang jedoch nicht fürchten. Vorerst ungeklärt bleibt die Frage, ob Bernd Wahler im Zweifel dazu bereit ist, seinem Vorstandskollegen die Grenzen aufzuzeigen.

Es ist kein einfacher Job, VfB-Manager zu sein

Bobic ist in seinem vierten Jahr Manager des VfB. Es ist wahr, dass er in der Anfangszeit viele Scherben zusammenkehren musste, die andere verursacht hatten. Gehälter mussten gekürzt, Spieler verkauft werden. Es ist auch unbestritten, dass es kein einfacher Job ist, VfB-Manager zu sein. Das Publikum will Nachwuchsspieler sehen, es will trotzdem international dabei sein – und bleibt dann zuhause, wenn die Mannschaft in der Europa League spielt. Inzwischen aber kommen viele nicht mal mehr zu Bundesligaspielen, weil sie keine Entwicklung sehen. Platz 12, Platz 6, Platz 12, das ist die Bilanz von Bobic’ ersten drei Jahren. Nun steht der VfB auf Rang 15, wofür viele die Transferpolitik verantwortlich machen, die ureigenste Aufgabe eines Fußballmanagers.

Bobic hat für mehr als 20 Millionen Euro Spieler geholt. Auch dank Tamas Hajnal und Shinji Okazaki wurde 2011 der Abstieg vermieden, Vedad Ibisevic erwies sich als verlässlicher Torschütze. Besser geworden ist beim VfB aber keiner, einige sind schon wieder gegangen. Liegt das am Trainer, der täglich mit den Spielern arbeitet? Oder am Manager, der für ein leistungsförderndes Umfeld zuständig ist? Man hat zunehmend den Eindruck, dass kein Lionel Messi und auch kein Pep Guardiola den VfB auf Vordermann bringen könnte.

Kunterbunte Transferoffensive

Auch die Transferoffensive in diesem Sommer hat keinen Umschwung gebracht. Im Gegenteil. Fast keiner der acht Spieler, kunterbunt zusammengekauft, hat sich bisher als die erhoffte Verstärkung erwiesen. Im Winter kam der 18-Jährige Carlos Gruezo aus Ecuador dazu, der langsam aufgebaut werden soll. Dabei hätte, wie man nun sieht, eine Soforthilfe nicht geschadet.

Am Ende des Tages, das weiß Fredi Bobic, gibt allein die Tabelle darüber Aufschluss, wie erfolgreich man war. Wenn der VfB am 10. Mai (in München!) absteigen sollte, dann war alles nichts.




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