VfB-Präsident Wolfgang Dietrich Das Gesicht des Abstiegs

Wolfgang Dietrich blickt einer ungewissen Zukunft entgegen. Foto: Getty Images

Der Präsident Wolfgang Dietrich ist beim VfB Stuttgart selbstbewusst angetreten, den Club nach oben zu führen. Das Gegenteil ist nun eingetreten.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Peter Stolterfoht (sto)

Berlin - Der verlängerte Wochenendausflug nach Berlin hat für Wolfgang Dietrich verheißungsvoll begonnen. Im Babelsberger Karl-Liebknecht-Stadion bejubelte der Präsident des VfB die Stuttgarter A-Junioren, die sich am Freitag durch einen 2:1-Sieg über RB Leipzig zum DFB-Pokalsieger machten. So sollte es weitergehen. Nein, so musste es weitergehen. Schließlich wollte Dietrich am Montagabend im Stadion An der Alten Försterei in Köpenick um alles in der Welt erneut der ranghöchste Bestandteil einer VfB-Jubeltraube sein, wenn seine Mannschaft den Erstligaverbleib nach dem Spiel bei Union Berlin feiert. Diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Der VfB Stuttgart ist in der Relegation nach einem 0:0 am Zweitligisten gescheitert und spielt in Folge einer desaströsen Runde, die in Berlin ihren negativen Höhepunkt fand, kommende Saison in der zweiten Liga. Wolfgang Dietrichs versteinerte Berliner Montagsmiene ist das Gesicht des Abstiegs.

 

In der zweiten Liga übernahm der heute 70-Jährige vor zweieinhalb Jahren das Präsidentenamt beim VfB – mit dem Anspruch, den Club nach oben zu führen und ihn im vorderen Tabellendrittel zu etablieren. Seine Zwischenbilanz ist von diesem Ziel jetzt weiter entfernt denn je. Erst hoch, dann wieder runter. Der VfB Stuttgart ist unter Wolfgang Dietrich zu einer Fahrstuhlmannschaft geworden. Diesen zweifelhaften Ruf trägt der Club erstmals in seiner Historie, und der Präsident trägt allein schon qua Amtes die Verantwortung dafür.

Dietrichs Vorgänger Bernd Wahler ist nach dem Abstieg vor drei Jahren zurückgetreten. „Dieser Schritt ist für mich keine Option“, so lautet Dietrichs weiterhin gültige Ansage in dieser Angelegenheit, obwohl er noch wie kein VfB-Chef vor ihm den Zorn der Fans, insbesondere der Ultras, auf sich zieht.

Dietrichs dicke Haut wird jetzt stark strapaziert

Doch der Mann mit dem wettergegerbten Gesicht ist sturmerprobt. Als S-21-Sprecher hat er sich einst eine dicke Haut zugelegt, die als Stuttgarter Abstiegspräsident jetzt stärker denn je strapaziert wird. Dabei lief es nach seiner knappen Wahl zum VfB-Chef im Herbst 2016 zunächst ganz so, wie er sich das vorgestellt hatte. Die Ausgliederung der Profiabteilung, die dem Club einen viel größeren finanziellen Spielraum eröffnet, setzte er um. Ein Projekt, dass seine Vorgänger durch die Bank für notwendig erachteten, ohne sich allerdings an das heikle Unterfangen zu wagen. Es schien nicht möglich zu sein, bei den Mitgliedern eine Dreiviertelmehrheit zu erreichen, schließlich ging es für sie dabei auch um die Zustimmung, auf einen Großteil ihres Mitspracherechts zu verzichten. Als der VfB auch noch nach dem Aufstieg die Erstligasaison 2017/2018 mit einem 4:1-Sieg bei Bayern München auf Platz sieben abschloss, sah sich Dietrich in allem bestätigt. Vor allem in seiner selbstbewussten Annahme, dass er dem VfB zu neuer Blüte verhelfen wird, frei nach dem Motto: alles Weicheier, außer mir.

Wolfgang Dietrich muss nun zur Kenntnis nehmen, dass auch unter ihm der Erfolg ein flüchtiger Gast beim VfB Stuttgart bleibt. Stabil und zukunftsorientiert wollte er den Club aufstellen. Finanziell mag ihm das gelungen sein, sportlich jedoch gab es in dieser Saison die Bankrotterklärung. Was die Fans deshalb so in Rage bringt, weil die Perspektive vor einer Saison selten so erfolgversprechend dargestellt wurde. Deshalb hat dieser Abstieg noch einmal eine ganz andere Fallhöhe als jener zuvor. Mit ganz brutaler Wucht sind der VfB und sein Präsident nun in der Realität aufgeschlagen.

Schuld daran sind Fehler, die sich Wolfgang Dietrich ankreiden lassen muss. Die Idee, Michael Reschke zum Sportvorstand zu bestellen und ihn mit mehr als 40 Ausgliederungs-Millionen zum Spieler-Shoppen zu schicken, war schlecht. Zusammengestellt hat Reschke einen bundesligauntauglichen Kader. Indiskutable 28 Punkte aus 34 Spielen sind eine niederschmetternde Bilanz. Dazu verpflichtete Reschke in Tayfun Korkut und Markus Weinzierl nacheinander zwei besonders emotionslose Trainer für eine oft leblos wirkende Mannschaft. Bis heute ist Wolfgang Dietrich eine schlüssige Antwort auf die Frage schuldig geblieben, warum er Reschkes Vorgänger Jan Schindelmeiser nach dem Aufstieg entlassen hatte. „Es ging nicht mehr“, deutete er immer wieder nur an.

Es geht nicht mehr, diese Meinung werden nach dem Abstieg jetzt auch noch einmal mehr VfB-Mitglieder mit Blick auf ihren Präsidenten vertreten. Der war ja auch schon zuvor umstritten. Was auch an den Fußballgeschäften Dietrichs lag, die mittlerweile von seinem Sohn Christoph und dem ehemaliger Banker Tobias Schlauch über die Quattrex Finance GmbH und den Quattrex-Fonds abgewickelt werden. Dietrich, der offenbar keine Anteile mehr an den Finanzierungsunternehmen hält, räumt aber ein, dass er weiterhin von Ausschüttungen profitiert, die in Verträgen festgelegt sind, die vor seiner Zeit als VfB-Präsident geschlossen wurden. Pikanterweise gehört ausgerechnet Union Berlin zu den Quattrex-Kunden. Der Wert dieses Geschäfts steigert sich durch den Aufstieg noch einmal deutlich aufgrund der viel höheren TV-Gelder, die in der ersten Liga gezahlt werden.

Der letzte Trumpf des Präsidenten heißt Thomas Hitzlsperger

Dass sich Wolfgang Dietrich nun aber im stillen Kämmerlein über den Aufstieg der Berliner freut, kann ausgeschlossen werden. Zum einen eröffnet diese Konstellation seinen zahlreichen Kritikern nur eine weitere Angriffsfläche, zum anderen fokussiert sich Dietrichs enormer Ehrgeiz mittlerweile komplett auf den VfB. „Ich bin seit 45 Jahren Mitglied. Ich bin mit Herzblut ehrenamtlicher Präsident des VfB und tue alles, damit es dem Club gut geht“, sagt er. Jetzt geht es dem VfB aber zunächst einmal sehr schlecht. Es wäre für ihn eine persönliche Schmach, wenn man ihm die Möglichkeit nehmen würde, an dieser Situation etwas zu ändern. Zumal er der festen Überzeugung ist, dass die richtige Wahl getroffen wurde, Thomas Hitzlsperger zum Sportvorstand zu bestimmen. Der wiederum hat für die kommende Saison den Kieler Trainer Tim Walter und Sven Mislintat als Sportdirektor geholt. An diese sportliche Führung glaubt Dietrich fest, was bleibt ihm auch anderes übrig vor einer Mitgliederversammlung am 14. Juli, bei der ein Tagesordnungspunkt „Abwahl des Präsidenten“ keine Überraschung mehr wäre. Für die entsprechende Umsetzung müssen sich dann 75 Prozent der anwesenden Mitglieder aussprechen.

Mit Blick auf die Hauptversammlung hält Wolfgang Dietrich allerdings noch einen Trumpf in der Hand, und der heißt Thomas Hitzlsperger. Sollte sich der Meisterspieler von 2007 in einer flammenden Rede vor den Mitgliedern für Wolfgang Dietrich aussprechen, könnte der sich im Amt halten. Der Sportvorstand gilt als vom Abstieg nicht belastet, ist er doch erst seit April im Amt und gibt seitdem eine gute Figur ab. Hitzlsperger wird von den Fans geschätzt und ist für viele in einer dunklen VfB-Zeit so etwas wie der letzte Hoffnungsschimmer. Dies weiß Wolfgang Dietrich für seine Zwecke zu nutzen. Jan Schindelmeiser hatte sich schließlich auf Mitgliederversammlungen zunächst für die Wahl von Dietrich ausgesprochen und später für dessen Ausgliederungsprojekt. Die Wahlhilfe des bei den Fans beliebten damaligen Sportvorstands hatte maßgeblichen Anteil daran, dass die Mitglieder in beiden Fällen ihre Zustimmung gaben. Den Job hat Schindelmeiser dann aber trotzdem verloren.

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