VfB Stuttgart Atakan Karazor: „Ich verstehe die Sicht der Schiedsrichter jetzt besser“

Im Austausch: VfB-Kapitän Atakan Karazor (links) und Bundesliga-Schiedsrichter Deniz Aytekin Foto: Pressefoto Baumann

Ein Stimmen-Wirrwarr per Funk, Arbeit mit Körpersprachen-Experten, 250 Entscheidungen pro Spiel: Referee Deniz Aytekin gibt Einblicke in seine Arbeit – und sorgt damit beim VfB-Kapitän für neue Erkenntnisse.

Sport: David Scheu (dsc)

Wenn sich Atakan Karazor und Deniz Aytekin austauschen, dann meist in einer hitzigen Stresssituation. Der Kapitän des VfB Stuttgart ist für den Schiedsrichter bei Bundesliga-Partien der erste Ansprechpartner auf dem Feld, wenn es Strittiges zu klären gibt und die Emotionen hochkochen. Das jüngste Aufeinandertreffen der beiden war da fast schon ein ungewohntes. Ruhig und reflektiert, als Aytekin auf Einladung des VfB in einem Vortrag Einblicke in seine Arbeit gab – und dabei beim Stuttgarter Spielführer Eindruck hinterließ.

 

„Das müssten viel mehr Leute hören“, betonte Karazor in der anschließenden Diskussionsrunde, „ich verstehe die Sicht der Schiedsrichter jetzt besser.“ Immer wieder stehen die Referees im Fokus, oft auch in der Kritik – vieles aber vollzieht sich abseits des öffentlich Sichtbaren. Am Spieltag, aber auch unter der Woche. „Wir bereiten uns genauso intensiv vor wie die Spieler“, berichtet Aytekin. Zum einen körperlich, mit zehn bis zwölf Kilometern pro Spiel legt ein Bundesliga-Referee während der 90 Minuten dieselbe Distanz wie ein Profi zurück. Zum anderen spielen aber auch inhaltliche Details eine Rolle. Man gehe vor einer Partie in die datenbasierte Analyse, so der 46-jährige Referee. Was macht der VfB, wenn er den Ball gewinnt oder verliert? Wohin verlagert sich voraussichtlich das Geschehen? Dieses Wissen kann einen entscheidenden Zeitvorsprung schaffen, um ideal positioniert zu sein. „Wir agieren in einem permanenten Zustand des Antizipierens“, sagt Aytekin.

Alle 20 Sekunden eine Entscheidung

Ist die Sicht auf das Geschehen aber doch mal verstellt und die Faktenlage mangelhaft, kommen auch unorthodoxe Methoden zur Anwendung. Blicke ein Spieler nach einer Aktion direkt zum Referee, sei das in aller Regel ein untrügliches Indiz für ein veritables Schuldbewusstsein, so Aytekin, der mit einem Körpersprachen-Experten zusammenarbeitet. Karazor muss im Publikum schmunzeln, ganz falsch kann die Beobachtung also nicht sein.

Auf dem Podium im VIP-Bereich der MHP-Arena diskutierten mit Moderator Tom Bartels (von links): Melissa Joos und Kadir Yagci (Schiedsrichter), VfB-Kapitän Atakan Karazor, Kapitän Leon Pachonick vom Bezirksligisten ABV Stuttgart und Bundesliga-Schiedsrichter Deniz Aytekin. Foto: Pressefoto Baumann

Stichwort Beobachtung: Alles kann auch der Haupt-Schiedsrichter auf dem Feld mit noch so viel Erfahrung und Kniffen nicht wahrnehmen. Hier kommt die Hilfe per Funk ins Spiel, bei der es aber auch ganz schön fordernd und hektisch zugeht: Immerhin fünf Personen gleichzeitig reden während eines Profispiels auf den Unparteiischen ein. Zwei Assistenten an der Seitenlinie, zwei im Videoraum, dazu der vierte Offizielle am Spielfeldrand. Phasenweise entsteht ein regelrechtes akustisches Wirrwarr, Aytekin spielt eine Tonspur vor, das Zuhören strengt an.

Nötig und hilfreich ist das Ganze dennoch angesichts der 220 bis 250 relevanten Entscheidungen, die ein Schiedsrichter pro Spiel zu treffen hat. Alle 20 Sekunden ist er damit gefordert – und sei es nur, die Pfeife nach einem Zweikampf stecken zu lassen. Noch nie, sagt Aytekin mit Blick auf diese Fülle, habe er ein Spiel völlig fehlerfrei geleitet. Und es waren immerhin schon 239 in der Bundesliga und 21 in der Champions League. Viele Diskussionen mit Spielern inbegriffen.

Mit Karazor kommt er dabei meist gut aus. „Er hinterfragt schon häufig etwas auf dem Platz“, sagt Aytekin, „aber in einem angemessenen Ton.“ Über die Wichtigkeit von Themen wie Augenhöhe und Respekt sind sich an diesem Abend alle einig – ebenso darüber, dass die Akteure auf der großen Bundesliga-Bühne hier eine Vorbildrolle haben und ihr Verhalten jenes an der Basis mit prägt. Karazor nimmt dabei seine Zunft auch in die Pflicht: „Umso wichtiger ist, dass wir uns mit Respekt begegnen.“ Vonseiten der Schiedsrichter sei das aus seiner Sicht in der Regel der Fall, bei den Profis noch nicht immer.

Auch Aytekin hat hier eine Lernkurve hinter sich. Zu Beginn seiner Karriere wählten ihn die Profis mal zum schlechtesten Schiedsrichter – die Sache trieb ihn um, heute kann er es erklären. „Ich hatte ein viel zu großes Ego, war mit mir selbst beschäftigt und habe jede Rückfrage als Angriff auf meine Person interpretiert.“ Das habe er geändert, was ganz offensichtlich auch die Spieler so sehen. 2023 wurde Aytekin zum beliebtesten Referee gewählt, inzwischen gibt er seine Erfahrungen in Vorträgen weiter. Bei Karazor hat das schon mal seine Wirkung erzielt: „Der Austausch zwischen uns ist wichtig, dass wir euch besser verstehen und ihr uns.“ Der gemeinsame Abend beim VfB hat diesen Zweck in jedem Fall erfüllt.

Die VfB-Reihe „Bundesliga trifft Basis“

Gespräch
200 Personen verfolgten den Vortrag von Deniz Aytekin im Innenraum der MHP-Arena. Es schloss sich eine Diskussion an, die ARD-Kommentator Tom Bartels moderierte und an der auch die WFV-Referees Melissa Joos und Kadir Yagci sowie Kapitän Leon Pachonick von Bezirksligist ABV Stuttgart teilnahmen.

Reihe
Die Veranstaltung bildete den Auftakt der Reihe „Bundesliga trifft Basis“, die Spitzen- und Breitensport zusammenbringen soll. Man wolle „ein Zeichen für die enorme Wichtigkeit der Arbeit an der Basis setzen“, so VfB-Vorstandschef Alexander Wehrle.

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