Es ist im Grunde gar nicht so schwer, Travis ins verbale Rollen zu bringen. Kontaktaufnahme über eine Homepage, Terminfindung per Mail, die letzte Absprache per What’s App – und dann? Muss man den 47-Jährigen einfach auf seine Liebe zum VfB Stuttgart ansprechen. Travis ist dann kaum mehr zu halten.
Er redet, er lacht, er fragt nach. Er schildert seine Emotionen, nimmt sich selbst auf die Schippe, erzählt lachend von seinem VfB-Podcast („unvorbereitet, unprofessionell, aber wir haben Spaß“) und fragt dann noch, ob Fotos gewünscht sind. Sind sie! Also geht es auch nach dem Gespräch nahtlos weiter.
Travis im VfB-Trikot, Travis mit VfB-Bierglas, Travis in VfB-Schürze am Grill, Travis im VfB-Hawaii-Hemd. Und Travis’ Kinder ebenfalls in Weiß und Rot – schon im Säuglingsalter. Spätestens nun ist klar: Travis Haselswerdt aus Cleveland/Ohio ist eine echte Marke. Aber kein Unikat. Denn der einzige Fan des VfB Stuttgart in den USA ist er nicht.
„Wir sind über das ganze Land verteilt“, erzählt der Geschichtslehrer an einer High School, „irgendwann haben wir damit begonnen, uns zu vernetzen. Dann haben wir einen Fanclub gegründet.“ Den „VfB Americana“ – der am kommenden Donnerstag zum offiziellen Fanclub gekürt wird. Travis sagt: „Ich kann es kaum erwarten. Es wird großartig.“
Begeistert von der Fankultur
Denn das Ganze passiert nicht virtuell, nicht mit großer Entfernung zwischen Anhängern und Club. Sondern live. In den Staaten. Mit Handschlag, rund 100 Gleichgesinnten und sogar der Mannschaft. Weil der VfB Stuttgart in dieser Woche auf einer Marketingreise in Austin/Texas weilt. Zu den Gleichgesinnten gehört übrigens auch Jens Fritsch. Der 40-Jährige will auch dabei sein am Donnerstag. Er kennt Travis schon ein paar Tage – seine Liebe zum VfB hat aber einen anderen Ursprung. Bei Travis geht die Geschichte so: Weil er als Kind selbst Fußball spielte, war er schon seit jeher Fußballfan. Vor sieben, acht Jahren waren dann im amerikanischen TV mehr und mehr Spiele der deutschen Bundesliga zu sehen. „Ich schaute zu, entdeckte diese Liga für mich, war angetan von ihrer Einzigartigkeit, von der Fankultur“, sagt Travis. Jetzt brauchte er nur noch einen Club.
Er hätte den nehmen können, der am meisten gezeigt wurde – und wäre wohl beim FC Bayern gelandet. Doch so oberflächlich wollte er die Sache nicht angehen: „Der Club sollte mir persönlich etwas bedeuten, etwas mit mir zu tun haben.“ Also betrieb er Ahnenforschung und landete – bei seinem Nachnamen wenig überraschend – in Deutschland und sogar im Südwesten. Nun schaute er die Spiele des VfB, des SC Freiburg, der TSG Hoffenheim. Er tauchte ein in die wechselhafte Geschichte des VfB, lernte das Wappen zu lieben, auch den Brustring. Das letzte Spiel der Saison 2014/2015 „machte dann den Deal zwischen dem VfB und mir perfekt“, erinnert er sich.
Einst im Clubheim gewohnt
Die Stuttgarter kämpften beim SC Paderborn um den Klassenverbleib, Daniel Ginczek erzielte das entscheidende Tor. „Die Fans haben danach gefeiert, als hätten sie die Champions League gewonnen“, sagt Travis, „das hat auch in mir das Feuer entfacht. Ich konnte nicht mehr wegschauen.“ Er wurde Mitglied, kaufte Trikots, sonstige Fanutensilien, sah Ende März 2018 endlich ein Spiel live in Stuttgart. Und fühlte sich bestätigt.
„Als Amerikaner ein Bundesligaspiel live zu sehen, verändert deinen Blick auf diesen Sport“, sagt Travis und schwärmt schon allein von der Fahrt mit der Bahn ins Stadion. Beim 1:1 gegen den Hamburger SV traf wieder Daniel Ginczek – „und es war so laut, das werde ich nie vergessen“. Jens Fritsch wird seine Zeit in Stuttgart auch nie vergessen.
Der heute 40-Jährige kann auf eine besonders enge Bindung zum VfB zurückblicken. „Ich wohnte in der Mercedesstraße 109“, sagt er. Man muss dann verwundert nachfragen – und bekommt erklärt, dass Jens einst im Clubrestaurant arbeitete und in dem darüber liegenden Apartment wohnte. Das war von 2000 bis 2002, Jens lernte viele Spieler kennen, redete viel mit dem Zeugwart Michael Meusch über den Club („Er hat mich zum VfB-Fan gemacht“) – kehrte der Stadt dann aber den Rücken. Erst ging es zur Bundeswehr, dann wanderte Jens Fritsch nach Texas aus.
Ein VfB-Fanclub in Texas
Dort, in New Braunfels, rund 45 Autominuten südlich von Austin, ist auch er mittlerweile Mitglied des „VfB Americana“ – hat aber auch einen eigenen Fanclub gegründet. Seit fünf Jahren gibt es mittlerweile den „Central Texas Fan Club“. Rund 20 Mitglieder gibt es – und Jens sagt: „Ich versuche, den VfB hier in Texas ein bisschen bekannter zu machen.“ Zum Beispiel, wenn er sein VfB-Trikot mit der Nummer 19 und dem Namen „Adhemar“ überstreift. „Die Leute waren schon Fußballfans, ich habe sie dann für den VfB begeistert“, erzählt er. Seit der VfB seine Reise nach Austin angekündigt hat, sagt Jens, „wächst und wächst unsere Gruppe“. Auch Jens’ Kinder gehören natürlich dazu, „nur meine Frau ist nach wie vor Fan des BVB“, erzählt der Post-Angestellte lachend.
Er ist ja tolerant, und unterstützt neben dem VfB auch den Austin FC in der MLS, ist Präsident einer der drei wichtigsten Supporter-Gruppen. Dass der VfB nun auf dem Gelände des Clubs trainiert und am Samstag in dessen Q2-Stadium gegen den 1. FC Köln antritt – besser geht es kaum für Jens.
Er und Travis werden sich dann ziemlich sicher treffen. Ebenso die deutschen die amerikanischen Fans des VfB Stuttgart. Die Vorfreude ist riesig, es wird lustig, es wird emotional, es wird sicher auch laut. So wie immer, wenn Travis in Cleveland/Ohio zur Morgenstunde den VfB schaut. „Als am Dienstag Konstantinos Mavropanos das 2:1 gegen Hertha BSC erzielt hat“, erzählt der 47-Jährige, „hat das meine ganze Nachbarschaft mitbekommen.“ Noch lauter war es im Mai, als Wataru Endo den Klassenverbleib besiegelte.
Danach, erinnert sich Travis Haselswerdt, haben wir eine gute Flasche Scotch geöffnet. Das zeigt: Auch das Treffen mit Sportdirektor Sven Mislintat, dem bekennenden Whiskyfan, könnte interessant werden.