VfB Stuttgart bei Arminia Bielefeld Wie Gonzalo Castro auf sein Aus beim VfB zurückblickt

Seit Dezember 2021 steht Gonzalo Castro bei Arminia Bielefeld unter Vertrag – jetzt trifft er auf den VfB, bei dem sein Vertrag im vergangenen Sommer nicht verlängert wurde. In unserer Bildergalerie zeigen wir, wie sich Castro und die anderen Abgänge des VfB bei ihren neuen Clubs schlagen. Foto: imago

Zehn Monate nach seinem Abschied aus Stuttgart trifft Gonzalo Castro mit Bielefeld auf den VfB. Im Interview spricht er über das brisante Duell im Tabellenkeller – und eine mögliche Rückkehr als Co-Trainer nach Stuttgart.

Sport: David Scheu (dsc)

Drei Jahre lang erlebte Gonzalo Castro beim VfB Stuttgart alle Höhen und Tiefen: erst den Abstieg aus der Bundesliga 2019, dann den direkten Wiederaufstieg und die Ernennung zum Kapitän, schließlich die Ausmusterung im vergangenen Sommer. Nach einer halbjährigen Vereinssuche fand der Routinier mit Arminia Bielefeld einen neuen Club, mit dem er an diesem Samstag (15.30 Uhr) den VfB empfängt. Vor dem Wiedersehen spricht Castro über das richtungsweisende Kellerduell auf der Alm, die Vorzüge des Bielefelder Umfelds – und eine mögliche Zukunft als Co-Trainer in Stuttgart.

 

Herr Castro, am Wochenende treffen Sie viele Ihrer ehemaligen Stuttgarter Teamkollegen nach zehn Monaten wieder. Auf wen freuen Sie sich am meisten?

Philipp Förster und Fabian Bredlow sind schon diejenigen, mit denen ich noch am häufigsten schreibe. Wir haben uns damals richtig gut verstanden. Die Kontakte nach Stuttgart will ich auch halten. Es war eine wirklich schöne, aber auch intensive Zeit.

Was war Ihr emotionalster Moment dieser drei Jahre?

Der Siegtreffer gegen den Hamburger SV in der Nachspielzeit im Zweitliga-Topspiel 2020. Dafür betreibt man diesen Sport, diese Emotionen sind unbezahlbar. Aber auch der Abstieg im Jahr davor war eine einschneidende Erfahrung, die ich so noch nicht kannte. Ein bisschen schade war, dass ich mich wegen Corona nicht richtig vor den Fans in einem vollen Stadion verabschieden konnte.

Castro über seine halbjährige Vereinssuche: „Es war schon komisch“

Sind Sie noch enttäuscht, dass Ihr Vertrag 2021 nicht verlängert wurde? Sie waren immerhin Kapitän.

Jetzt nicht mehr, das ist ja schon fast ein Jahr her. Natürlich wäre ich gerne in Stuttgart geblieben und war damals auch kurz geknickt. Aber letztlich bin ich zu lange im Geschäft, um von so etwas überrascht zu werden. Das war ein Entschluss des Vereins, den ich akzeptiere. Sie haben sich beim VfB ganz bewusst für den Weg entschieden, mit einem jungen Kader in die neue Saison zu gehen.

Glauben Sie denn ganz grundsätzlich, dass erfahrene Spieler für den sportlichen Erfolg nötig sind?

Das kommt auf die jeweilige Phase an. Wenn es läuft, kann eine talentierte Mannschaft voller 20-Jähriger wunderbar funktionieren. Aber in schwierigen Momenten ist es nicht verkehrt, einige Spieler dabei zu haben, die diese Situation nicht zum ersten Mal erleben. Einfach, um der Gruppe eine gewisse mentale Festigkeit und Ruhe zu geben.

Nach Ihrem Abschied aus Stuttgart waren Sie ein halbes Jahr vereinslos. Wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?

Es war schon komisch, die gewohnten Abläufe nicht mehr zu haben. Ich muss aber ehrlich sagen, dass ich die freie Zeit mit meiner Familie auch sehr genossen habe. Wir konnten zum ersten Mal seit Jahren etwas spontan unternehmen. Natürlich weiß ich, dass ich in einem Alter bin, in dem ich keine Panik mehr schieben muss. Da geht es jüngeren vereinslosen Profis sicher anders.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Was ist dran an Barics „Kommt Friehling, kommt VfB“?

Im Dezember kam dann der Anruf aus Bielefeld. Hätten Sie Ihre Karriere eigentlich beendet, wenn sich in diesem Winter nichts ergeben hätte?

Ja. Ein halbes Jahr ohne Mannschaftstraining kann man noch kompensieren, ein ganzes Jahr wäre dann wahrscheinlich zu viel gewesen. Ich spiele zwar noch gerne, aber nicht überall und nicht um jeden Preis. Es gab schon im vergangenen Sommer Anfragen von Zweitligisten, die ich abgelehnt habe. Die Bundesliga ist schon mein Anspruch.

Im Vergleich zu Ihren bisherigen Clubs ist die Arminia aber auch ein eher kleiner Verein…

… was wirklich ein Vorteil sein kann.

Inwiefern?

Bielefeld hat ein sehr stabiles Umfeld, das kann noch ein Faktor werden. Es gibt hier auch bei Negativserien kaum Störfeuer von außen. Das ist für mich nochmal eine neue, ziemlich angenehme Erfahrung. Vor allem der VfB und die Hertha sind viel größere Vereine. Daraus kann sich einerseits eine Wucht entwickeln, andererseits aber auch eine Last durch die hohe Erwartungshaltung.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Das sind die Folgen der „Causa Blitzkrieg“

Arminia Bielefeld hat von allen Bundesligisten die höchste Laufleistung und den wenigsten Ballbesitz.

Darüber definieren wir uns. Wir sind nicht die Mannschaft, die sich einen Gegner spielerisch zurechtlegt. Der Fokus liegt auf Kontern über unseren schnellen Jungs vorne.

Das hat zuletzt mit vier Niederlagen in Folge ohne eigenen Torerfolg aber nicht funktioniert.

Wir sind eigentlich echt gut aus der Winterpause gekommen, haben aber dann unsere Zielstrebigkeit nach vorne verloren. Und nur verteidigen geht halt auch nicht, du brauchst ab und zu Entlastung. Aber solche Phasen sind in Bielefeld völlig normal. Man darf nicht vergessen, wo der Verein herkommt. 2015 war man noch in der dritten Liga, jetzt sind wie tabellarisch in Schlagdistanz zu großen Clubs wie dem VfB.

Wenn der Trainer von Castro Infos über den VfB will, bekommt er sie

Was erwarten Sie vom Duell mit dem VfB am Samstag?

Man muss sich nur die Tabelle anschauen, das sagt alles. Beide Teams brauchen die Punkte unter allen Umständen. Der VfB ist zwar im Aufwärtstrend, aber wir wollen unbedingt wieder in die Spur und haben seit Langem mal wieder ein volles Stadion im Rücken. Das wird ein ganz heißer Tanz.

Hat Sie Ihr Trainer Frank Kramer schon über den VfB ausgefragt?

Nein, noch nicht. Das ist in Zeiten detaillierte Videoanalysen vermutlich auch gar nicht mehr nötig. Aber wenn er auf mich zukommt, gebe ich gerne Tipps – die ich hier natürlich nicht verrate.

Sie kommen regelmäßig zum Einsatz, allerdings oft von der Bank. Wie sind Sie mit Ihrer Situation zufrieden?

Ganz gut. Ich bin ja im Winter zu einem eingespielten Team neu dazugekommen und musste auch erstmal wieder das nötige Fitnesslevel erreichen. Wenn ich von der Bank helfen kann, ist das auch okay.

Lesen Sie aus unserem Angebot: Newsblog zum VfB Stuttgart

Ihr Vertrag in Bielefeld verlängert sich beim Klassenverbleib automatisch. Was, wenn die Arminia absteigt?

Die Frage stelle ich mir erst, falls diese Konstellation wirklich eintreten sollte. Ich muss dann auch schauen, ob ich noch bereit bin für Profifußball. Nicht nur körperlich, auch mental. Es ist wirklich alles möglich, vom Auslandsabenteuer bis zum Karriereende.

Gibt es schon Pläne für die Zeit nach der Karriere?

Ich werde auf jeden Fall erstmal eine Auszeit nehmen und die Welt erkunden. Danach würde ich schon gerne wieder im Fußball arbeiten. Für einen Trainerjob müsste ich zuerst mit meiner Frau sprechen, ein Einstieg als Co-Trainer ist da realistischer.

Womöglich beim VfB?

Wir haben zum Abschied vergangenes Jahr mal halb im Scherz darüber geredet. Ich verstehe mich wirklich gut mit VfB-Coach Pellegrino Matarazzo, wir denken ähnlich über Fußball. Also warum nicht? Aber derzeit ist das überhaupt kein Thema. Ich spiele ja noch – und der VfB ist an der Seitenlinie breit und gut aufgestellt.

Weitere Themen