Stuttgart - Das Lächeln ist zurück. In der Kabine, auf dem Trainingsplatz und wohl schon bald auf einem Bundesligarasen. Selbst wenn es nur für ein paar Spielminuten sein sollte. Denn Silas Katompa Mvumpa strahlt eine Fröhlichkeit aus, die ansteckend ist. Darüber reden sie gerade gerne beim VfB Stuttgart, da sich mit dem geplanten Comeback des lange verletzten Fußballprofis die Hoffnung auf Besserung verbindet.
Drei Begegnungen nacheinander hat die Mannschaft von Trainer Pellegrino Matarazzo vor der Länderspielpause verloren. Allesamt gegen Mannschaften, die nicht besser als der VfB eingestuft werden: der 1. FC Köln im DFB-Pokal, der FC Augsburg und Arminia Bielefeld in der Bundesliga.
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Vor allem die beiden Auftritte gegen die in der Tabelle hinter den Stuttgarter stehenden Augsburger und Bielefelder verdeutlichen den Ernst der Lage und machten dem letzten Anhänger klar, dass der VfB seine Leichtigkeit endgültig verloren hat. Dabei ist es erst knapp ein Jahr her, dass die Elf im Trikot mit dem roten Brustring begeisterte.
Realistische Einschätzung des 5:1
Elfter Spieltag, 12. Dezember 2020, nachmittags im Signal-Iduna-Park: Der VfB gewinnt bei Borussia Dortmund überraschend mit 5:1, der zweifache Torschütze Silas ist der gefeierte Mann, und die Stuttgarter erobern viele Herzen im Sturm. Es ist sogar die Rede von der Geburtsstunde einer neuen Mannschaft, den jungen Wilden 2.0.
„Nach diesem Sieg waren wir im Flow. Da hat das Umfeld hier schon nach Rang sechs geschrien und der TV-Experte Dietmar Hamann vom Platz im Europapokal gesprochen. Aber wir wissen intern genau, wo wir herkommen und wo wir hinwollen“, sagt der Sportdirektor Sven Mislintat. Zunächst geht es am Samstag wieder nach Dortmund, und wieder ist es der elfte Spieltag. Doch vom Sturm und Drang ist nicht mehr viel übrig.
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Die Realität im Herbst 2021 lautet Abstiegskampf, obwohl der Blick auf die Aufstellung offenbart: Zehn der elf Spieler, die Matarazzo vor einem Jahr auf das Feld schickte, könnten erneut dabei sein. Theoretisch. Mavropanos, Anton, Kempf, Endo, Mangala, Silas, Sosa, Klimowicz, Förster und Coulibaly standen auf dem Spielberichtsbogen. Der elfte Mann war der Torhüter Gregor Kobel, der nach seinem Wechsel und einer Verletzung diesmal beim BVB zwischen den Pfosten stehen könnte. Praktisch handelt es sich momentan jedoch um eine andere VfB-Mannschaft.
Hohe Zahl an Verletzten und Erkrankten
Von Verletzungen gebeutelt und von Corona-Infektionen geplagt, ist die einfachste aller Erklärungen für den bislang zähen Saisonverlauf entscheidend: Die vielen Ausfälle sind auf Dauer nicht zu kompensieren. Silas, Kalajdzic, Führich, Marmoush, Al Ghaddioui, Sankoh – vor allem die Offensive mit den vier gedachten Topscorern ist betroffen. Mislintat zieht von der sportlichen Bedeutung den Vergleich, als ob beim FC Bayern „Lewandowski, Gnabry, Sané und Müller“ gleichzeitig fehlen würden. Dazu kommen Stützen wie Mangala, Anton sowie zuletzt Mavropanos und Müller, ebenso Förster und Thommy sowie die begabten Massimo, Nartey, Faghir, Ahamada, Millot und Egloff.
Es fällt schwer, Woche für Woche keinen auf der Ausfallliste zu vergessen. Ein solcher Qualitätsverlust macht jeder Mannschaft zu schaffen, und sei der Kader noch so üppig besetzt. Vor allem wenn es um das Toreschießen geht. „Da müssen junge Spieler wie Tanguy Coulibaly und Mateo Klimowicz gerade zu viel Verantwortung für ihr Alter übernehmen“, sagt der Sportdirektor.
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Erschwerend kommt hinzu, dass Schlüsselfiguren wie Wataru Endo oder Waldemar Anton mit dem Torhüter Florian Müller bislang nicht die stabile Mittelachse der Vergangenheit bilden, an der Talente wie Coulibaly oder Klimowicz mit ihrem risikoreichen und anfälligen Spiel Halt finden. Die Entwicklung stagniert, was für das gesamte Team gilt, weil sich die brauchbaren Ergebnisse nicht wie während der Vorsaison zum idealen Zeitpunkt zum guten Spiel gesellen.
Gefährlich nah an der Abstiegszone
Der Coup von Dortmund ist da nur ein Beispiel. So rutschte der Aufsteiger in der vergangenen Runde nie in den roten Bereich der Tabelle. Jetzt treibt den VfB die Sorge um, dass es diesmal noch vor dem Winterpäuschen passieren könnte. Nur noch ein Punkt trennt die Stuttgarter vom Relegationsplatz, und Mislintat will unbedingt über dem Strich bleiben, um im neuen Jahr mit erholten Kräften angreifen zu können. Dazu werden wohl mindestens sechs Zähler bis Weihnachten nötig sein. Eine Vorgabe an die junge Elf gibt es jedoch nicht. „Zur Entwicklung einer Mannschaft gehört auch, dass sie eine Schwächephase durchläuft und stärker daraus hervorgeht“, sagt Matarazzo.
Dabei erlebt der VfB aktuell, wie schwer es ist, sein Spiel wieder leicht aussehen zu lassen. Und die Nervosität an der Mercedesstraße steigt. Ein erneuter Abstieg wäre fatal für den Club, der sich finanziell durch die Coronakrise kämpft. Beim Blick auf das Gehaltsbudget und die Transferausgaben zeigt sich, dass der VfB weit hinten in der Geldrangliste auftaucht. „Nur Fürth und Bochum stehen da noch hinter uns und zwei weitere Clubs um uns herum“, so Mislintat. Das Lächeln ist ihm dabei vor der Rückkehr zu seinem Heimatclub BVB etwas vergangen.