Stuttgart - Man kann davon ausgehen, dass am Freitag um die Mittagszeit ein Schrei durch das Clubhaus des VfB Stuttgart gehallt ist. Gebrüllt von Pellegrino Matarazzo, weil der Trainer seinen ersten Frust so herauslässt, wie er selbst sagt. Da hatte der Chefcoach des Fußball-Bundesligisten erwartungsvoll auf das Testergebnis von Fabian Bredlow gewartet, um zu wissen, ob der Torhüter an diesem Samstag (18.30 Uhr) bei Borussia Mönchengladbach zur Verfügung steht – und dann das. Bredlow kann in Abstimmung mit den Behörden die häusliche Isolation verlassen. Mit der guten Nachricht erhielt Matarazzo aber gleich eine schlechte: Orel Mangala hat sich infiziert und umgehend für 14 Tage in Quarantäne begeben.
„Das Testergebnis von Orel ist definitiv ein Rückschlag für uns. Zum einen, weil wir gehofft hatten, von weiteren positiven Fällen verschont zu bleiben. Und zum anderen, weil Orel nach seiner Verletzung auf dem Weg zurück zu alter Stärke war und wir nun erneut auf ihn verzichten müssen“, sagt der Sportdirektor Sven Mislintat. Es ist also zum Schreien, was sich beim VfB in Sachen Covid-19 abspielt. Mangala ist der sechste Coronafall, der die Stuttgarter während der Länderspielpause ereilt hat. Zuvor waren bereits Waldemar Anton, Erik Thommy, Roberto Massimo sowie die beiden Torhüter Florian Müller und Fabian Bredlow positiv auf das Virus getestet worden. Drei der Betroffenen (Bredlow, Müller und Massimo) gelten als vollständig geimpft. Allerdings ist klar, dass Spieler Krankheitssymptome aufweisen.
Verschärfte Hygienemaßnahmen
Wer genau betroffen ist, lässt der Verein jedoch offen – und zum Impfstatus seiner Profis macht der VfB grundsätzlich keine Angaben. Eine Erklärung für die erneute Häufung nach den drei Coronafällen (Sasa Kalajdzic, Tanguy Coulibaly, Nikolas Nartey) im vergangenen Sommer haben die Verantwortlichen allerdings nicht. Jedenfalls soll es nicht daran liegen, dass die Spieler unvorsichtig oder beim VfB die Hygienemaßnahmen gelockert worden sind. Das Gegenteil ist sogar seit vergangener Woche der Fall. Es herrschen wieder verschärfte Regelungen. Geduscht wird zu Hause. Ein gemeinsames Umziehen oder Essen gibt es nicht. Ein Konzept, welches das Gesundheitsamt davon abhält, den VfB-Betrieb komplett einzustellen.
Das heillose Corona-Chaos ist an der Mercedesstraße 109 in Bad Cannstatt also nicht ausgebrochen. Dennoch hat es Mangala erwischt. Den Mittelfeldspieler, der zuvor lange mit Muskelproblemen verletzt ausgefallen war und mit dessen Mitwirken sich das Stuttgarter Spiel verändert. Das hatte Matarazzo noch unmittelbar vor Erhalt der Hiobsbotschaft betont. „Er bietet uns im Zentrum eine weitere Anspielstation. Gerade auch in Drucksituationen, weil er sehr Pressing-resistent ist“, sagte der Trainer.
Spielabsage ist kein Thema
Davon hatte zuletzt die Mannschaft, aber ebenso Wataru Endo profitiert. Weil sich die Gegner in der Spieleröffnung des VfB nicht mehr ausschließlich auf den Japaner stürzen konnten. In Gladbach müssen die Stuttgarter nun erneut auf die Qualitäten des Belgiers verzichten und Matarazzo seine Elf doch stärker umbauen, als er zunächst vermutet hatte. Denn in Anton fehlt mit dem Abwehrchef ein weiterer Schlüsselspieler.
Quantitativ lässt sich das abfangen, da der Kader breit genug aufgestellt ist. Und noch immer ist der VfB weit davon entfernt, ein Spiel pandemiebedingt absagen zu können. Weniger als 15 einsatzfähige Profis müsste er dazu vorweisen. So sehen es die Regeln des Ligaverbandes DFL vor. Da die Stuttgarter aber noch eine Reihe von Langzeitverletzten – darunter in Sasa Kalajdzic und Silas Katompa Mvumpa die besten Torschützen der Vorsaison – zu beklagen haben, treffen sie die Ausfälle ins Mark. Wobei „beklagen“ aus Sicht des Trainers der falsche Begriff ist. Er jammert nicht, er sucht nach Lösungen für sportliche Herausforderungen.
Wie in der T-Frage. Stammtorhüter Müller befindet sich in Quarantäne. Ersatzmann Bredlow durfte sie vorzeitig verlassen und hat am Freitag mit dem Team trainiert. Er gehört nun zum Spieltagskader. Grundvoraussetzungen, damit ihn Matarazzo überhaupt aufstellt. Insgesamt zehn Tage verpasste Bredlow auf dem Platz. Deshalb wird es auf die Eindrücke während der Übungseinheit ankommen – und auf die Überzeugung, die der 26-Jährige ausstrahlt, um der Aufgabe im Borussia-Park gewachsen zu sein. Ansonsten schlägt die Stunde von Florian Schock.
Ein Eigengewächs, 20 Jahre alt und die Nummer drei, das plötzlich mit seinen 1,99 Metern in den Blickpunkt rückt. „Wir haben vollstes Vertrauen, dass er eine gute Leistung abrufen wird, sollte er auf dem Platz stehen“, sagte Matarazzo. Ganz ruhig im Ton, weil sich der Cheftrainer nach emotionalen Ausbrüchen stets schnell wieder einkriegt.