VfB Stuttgart beim FC Schalke 04 Perlentaucher Michael Reschke und die königsblaue Krise

Michael Reschke ist seit Sommer 2019 Technischer Direktor beim FC Schalke 04. Foto: imago/Christopher Neundorf

Mit dem FC Schalke 04 trifft der einstige VfB-Sportvorstand Michael Reschke an diesem Freitag (20.30 Uhr/DAZN) erstmals auf seinen Ex-Club. Der Stachel des Misserfolgs in Stuttgart sitzt bei ihm noch immer tief.

Sport: Heiko Hinrichsen (hh)

Stuttgart - Die Lage ist ernst beim Traditionsclub FC Schalke 04. Die Millionenschulden drücken, die Kassen sind gähnend leer, dazu gesellt sich beim Vorletzten nur ein Pünktchen aus den ersten fünf Bundesligapartien. Und so gilt auf dem Berger Feld im Norden Gelsenkirchens bis auf Weiteres die Silenzio Stampa. Jenes selbst auferlegte Schweigegelübde also, wonach tunlichst niemand außerhalb der obligatorischen Medienrunde mit der Presse reden sollte. Auch Michael Reschke darf und will nicht sprechen.

 

Dabei hätte man vor dem Gastspiel des VfB Stuttgart an diesem Freitagabend (20.30 Uhr) auf Schalke gerne gehört, was der einst so wortgewaltige Reschke zu sagen hätte, über die königsblaue Krise etwa – oder über die emotionale Seite seines ersten Aufeinandertreffens mit dem VfB seit seinem Abgang aus Bad Cannstatt. Doch um den Spezialisten für Personalfragen, dessen Entlassung als Sportvorstand am 12. Februar 2019 von den VfB-Ultras frenetisch bejubelt wurde, ist es generell leiser geworden. Um jenen Mann also, der im Sommer 2017 einige seiner ersten Kritiker in Stuttgart zum Aufgalopp gleich mal als „ahnungslose Vollidioten“ abgewatscht hatte.

Reschke rückt in die zweite Reihe

Michael Reschke, der kompromisslose Rheinländer, ist seit 15 Monaten bei S 04 wieder in die zweite Reihe gerückt – er vermisst nach allem, was zu hören ist, das mediale Rampenlicht nicht. Im Amt des Technischen Direktors zeichnet der 63-Jährige für die Kaderplanung und den Nachwuchs in der Knappenschmiede verantwortlich.

Geholt hat ihn im Juni 2019 der damals gerade inthronisierte S04-Sportvorstand Jochen Schneider, der eine lange Stuttgarter Vergangenheit besitzt. Trotz aller Wesensunterschiede lernte der besonnene Schneider den teils hochemotionalen Fachmann Reschke bereits schätzen, als er noch beim VfB und Letzterer als Kaderplaner beim FC Bayern tätig waren. Damals fädelten beide etwa den Wechsel von Joshua Kimmich nach München ein.

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Nun müssen sie gemeinsam im königsblauen Reich den Mangel verwalten. Schließlich hat die Krise die Schalker seit dem Frühjahr voll erfasst, als sich zur Corona-Pandemie auch der sportliche Niedergang gesellte. Seit 21 Spielen hat man nicht mehr gewonnen, für den Ex-Stürmer Kevin Kuranyi ist der Club gar „einer der ersten Abstiegskandidaten neben Mainz 05“. Wäre es nach Michael Reschke gegangen, wäre David Wagner bereits nach dem Ende der Vorsaison weg gewesen. Doch Schneider zögerte, eher er den Trainer letztlich nach zwei Spieltagen durch Manuel Baum ersetzte. Der trägt keinen glanzvollen Namen – doch auch auf der Position des Cheftrainers greift das rigide Spardiktat.

Leihspieler sind auf Schalke Trumpf

Auf dem Spielermarkt trifft die finanzielle Ebbe den als Perlentaucher bekannten Michael Reschke persönlich mit voller Wucht. Vor allem bei den Bayern, aber mit den 41,5 Millionen Euro aus der Ausgliederung auch beim VfB, war er es zuvor gewohnt, eher im hochpreisigen Segment nach Neuzugängen zu fischen. Auf Schalke sind inzwischen fast alle seiner Transferpläne storniert worden. Vor allem Leihspieler sind jetzt Trumpf. Stürmer-Guru und Neuzugang Vedad Ibisevic spielt gar auf rein erfolgsabhängiger Basis für den einstigen Champions-League-Club – und diente sich selber an. Bestes Beispiel für die ungewohnten Transfertücken in der Ära nach Fleischbaron und Aufsichtsratschef Clemens Tönnies ist der Fall Alexander Schwolow. Den Freiburger Torhüter hatte Reschke fest an der Angel, ehe der angesichts der weiß-blauen Finanznot lieber kurzerhand zu Hertha BSC wechselte.

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Das ist ein völlig neues Arbeitsklima für den Manager, der mit Blick auf seine Zeit beim VfB gerne die Uhr zurückdrehen würde. Sicher ist, dass der Stachel Stuttgart tief und schmerzhaft in der Vita des erfolgsgewohnten Machers steckt, der 2004 als Nachfolger von Reiner Calmund Manager von Bayer Leverkusen wurde.

Alles andere als ein Diplomat

„Die Zeit in Stuttgart endete sehr enttäuschend. Das hat mich länger beschäftigt“, sagte Reschke vor einigen Wochen. Tatsächlich ist der 63-Jährige aus Frechen der nun in Mühlheim an der Ruhr wohnt, nicht als Diplomat in die VfB-Geschichte eingegangen. Dass er kurz vor der Entlassung von Tayfun Korkut im Herbst 2018, wie er sagte, „die Wahrheit ein bisschen beugte“, in dem er dem Trainer nur vermeintlich die Treue schwor, hat ihn viel Kredit gekostet. Im Duett mit dem Ex-Präsidenten Wolfgang Dietrich sahen viele Fans zwei Spalter, denen es vor allem ums eigene Ego ging.

Obendrein hat Michael Reschke beim VfB fachliche Fehlentscheidungen getroffen: Die Größten davon waren der Transfer des Zehn-Millionen-Missverständnisses Pablo Maffeo, die bis heute nachwirkende Vertragsverlängerung mit Holger Badstuber zu fürstlichen Bezügen, sowie die Verpflichtung von Trainer Markus Weinzierl als Korkut-Nachfolger. Dieser Fehlgriff kostete Reschke seinen Job.

Die Glanztaten des einstigen VfB-Sportvorstands

17 Spieler hat er zum VfB geholt, inklusive Badstuber sind sieben noch da, darunter die Stammspieler Marc Oliver Kempf, Gonzalo Castro und Daniel Didavi. Seine größten Glanztaten waren die vorzeitige Vertragsverlängerung mit Benjamin Pavard, die dem VfB 35 Millionen Euro an Ablöse einbrachte, sowie die Verpflichtung von Ozan Kabak und Nicolas Gonzalez. „Der Nico ist lange nicht am Ende seiner Entwicklung angekommen“, sagte Reschke im Sommer. Auf einen Treffer des Stürmers, den er selbst 2018 von den Argentinos Juniors für 8,5 Millionen Euro loseiste, kann Michael Reschke an diesem Freitagabend aber verzichten.

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