VfB Stuttgart beim FC St. Pauli Ohne Grundtugenden geht es nicht – dem VfB fehlt die Frische

Für den VfB Stuttgart und Deniz Undav läuft es auf St. Pauli nicht. Foto: Baumann/Hansi Britsch

Die Favorit aus Stutgart verliert in Hamburg erneut. Das hat natürlich mit den vielen Spielen seit Jahresbeginn zu tun – aber nicht nur.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Sebastian Hoeneß hat wie wild mit den Armen gerudert. Er schickte die Spieler nach vorne – und der Trainer des VfB Stuttgart forderte noch eine klare Aktion. Um zu retten, was an diesem Samstag nicht mehr zu retten war. Der Fußball-Bundesligist verlor beim abstiegsbedrohten FC St. Pauli mit 1:2 (0:1). Völlig verdient.

 

Doch in der Nachspielzeit gab es für die Gäste wenigstens noch die Hoffnung auf einen Punkt, da Jamie Leweling noch verkürzt hatte (90.). Allerdings gelang dem VfB gegen die aufopferungsvoll kämpfenden und gut spielenden Kiezkicker nichts mehr. „Für uns war das ein gebrauchter Nachmittag. Es ist uns schwer gefallen, in die Partie zu kommen. Wir hatten vor allem im ersten Durchgang ungewohnt fahrige Aktionen von technisch starken Spielern. Nach der Pause war es dann besser, aber die hohe Belastung der vergangenen Wochen war spürbar“, sagte Hoeneß.

Es war die neunte Begegnung in der vierten englischen Woche hintereinander. Und es ist nun eine Niederlage, die im Verein enttäuscht, da sich die Stuttgarter seit Jahresbeginn gefestigt gezeigt hatten. In Liga und DFB-Pokal. Im Stadion am Millerntor musste die VfB-Elf allerdings den strapaziösen Wochen Tribut zollen. Dem Stuttgarter Spiel mangelte es an Tempo und Tiefe. Nette Ballstafetten waren weitgehend alles, was die Mannschaft um den schwachen Mittelfeldstrategen Angelo Stiller bot. Nur eine Chance von Chris Führich brachte zunächst Gefahr für das Hamburger Tor. Schlussmann Nikola Vasilij war jedoch zur Stelle (12.).

Anders die Gastgeber, die Bälle eroberten und Druck auf die VfB-Abwehr aufbauten. „Wir haben von Anfang an Zeichen auf dem Platz gesetzt und sind endlich für ein gutes Spiel belohnt worden“, sagte der FC-Coach Alexander Blessin. Mit einem Einwurf nahm das Unheil dann seinen Lauf für den VfB. Über Martijn Kaars und Akadiusz Pyrka kam der Ball nach vorne, Danel Sinani ließ die Kugel geschickt durch – und so hatte Manoli Saliakas aus 15 Metern freie Schussbahn. 1:0 für die Gastgeber und von der Defensive in den diesmal roten Trikots war nicht viel zu sehen (35.). „In dieser Szene haben wir nicht gut verteidigt. Das machen wir ansonsten besser“, sagte der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth, der „gallige und griffige“ Gastgeber erlebte und befand: „Der Gegner war so widrig wie das Wetter hier.“

Chris Führich versteht nach dem Handelfmeter die Fußballwelt nicht mehr. Foto: Baumann

St. Paulis zweiter Treffer ging eine unglückliche Aktion von Chris Führich voraus. Der Flügelstürmer wollte im eigenen Strafraum klären, von seinem Oberschenkel sprang ihm der Ball aber an den Arm. Der Schiedsrichter Benjamin Brand entschied auf Elfmeter, da die Videobilder klar belegten, dass sich Führich eindeutig im Sechzehner befand. Auf der anderen Seite war es zuvor anders gewesen. Sinan nutzte die Möglichkeit zum 2:0 (55.). Führich verstand zwar hinterher die Fußballwelt, genauer die Handregel, nicht mehr – aber wer kann diese überhaupt noch genau benennen?

Die Möglichkeit, schnell zu verkürzen, vergab Deniz Undav – per Heber (59.), nachdem Adam Dzwigala kurz nach der Pause bei einer Rettungstat den Ball an den eigenen Pfosten bugsiert hatte (50.). So stand am Ende eine Niederlage, die den VfB zwar noch auf dem vierten Tabellenplatz hält, aber es wird im Rennen um die Champions-League-Ränge enger für die Schwaben.

Dennoch will Hoeneß die Begegnung am Millerntor nicht überbewerten. Ein Alarmsignal sieht der Trainer jedenfalls nicht darin, dass sein Team vor allem anfangs die sogenannten „Basics“ abgingen, wie es der Mittelstürmer Ermedin Demirovic auf den Punkt brachte. Die Stuttgarter liefen weniger als die St. Paulianer, sie gewannen weniger Zweikämpfe – und sie erlaubten sich mehr Fehlpässe. „Solche Spiele gibt es“, weiß Hoeneß aus Erfahrung. Und der 43-Jährige will in der Analyse auch hinterfragen, ob es richtig war, nur wenige personelle Wechsel vorzunehmen – anders als beim 1:2 beim Hamburger SV Ende November. Da hatte der Trainer sein Team nach dem Europa-League-Auftritt zuvor in Deventer kräftig rotieren lassen.

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Nach dem Pokalerfolg am vergangenen Mittwoch in Kiel kamen nur Finn Jeltsch (für Jeff Chabot) und Ermedin Demirovic (für Jamie Leweling) frisch in die Mannschaft. Mit dieser dosierten Maßnahme sollten Spielfluss und Rhythmus erhalten bleiben. Zumal das Selbstvertrauen zuletzt gewachsen ist. Gebrochen ist dieses nun sicher nicht. Dafür war der VfB in den Partien zuvor zu erfolgreich. Hoeneß will die Begegnung mit dem Abstiegskandidaten aber dazu nutzen, seiner Mannschaft wieder eines vor Augen zu führen: Ohne die Grundtugenden geht es nicht. „Das haben wir oft genug hinbekommen. Das heißt jedoch nicht, dass es selbstverständlich ist.“ Am Samstag gegen den 1. FC Köln soll es dann wieder besser für den VfB laufen.

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