Fabian Wohlgemuth hat sich sichtlich wohl gefühlt in seiner Haut. Berlin ist seine Stadt. Dort kommt er her, dort lebt seine Familie. Und bereits vor dem Anpfiff hat der Sportdirektor des VfB Stuttgart auf der Tribüne im Stadion An der Alten Försterei in Köpenick eine Reihe von bekannten Gesichtern gesehen. Nach dem 3:0 des Fußball-Bundesligisten beim 1. FC Union wollte Wohlgemuth sich noch einmal bei Freunden und Bekannten blicken lassen.
Es sind gerade Momente zum Genießen beim VfB. Sechs Siege in Folge, nach acht Spieltagen schon sieben Siege – das sind bereits jetzt so viele wie in der gesamten regulären Vorsaison. Das ergibt eine beeindruckende Serie und weiterhin Tabellenplatz zwei. Da lässt es sich locker plaudern. Wohlgemuth vermeidet es jedoch, in Jubelstimmung zu verfallen. Der Sportdirektor weiß, was die Stunde für die Stuttgarter geschlagen hat: „Wir brauchen nicht über Serien und Tabellenstände zu reden. Wir gehen die Entwicklung Schritt für Schritt an.“
Ein Art Zeitenwende mit Sebastian Hoeneß
Wohlgemuth erinnert sich noch gut an die Begegnung im Ostteil der Hauptstadt in der vergangenen Spielzeit. Sie wurde am 1. April mit 0:3 verloren. Anschließend musste Bruno Labbadia gehen – und Sebastian Hoeneß kam als neuer Trainer. Eine Art Zeitenwende beim VfB. Seither läuft es. Über die Relegation zum Klassenverbleib – und nun etabliert sich der einstige Abstiegskandidat als Überraschungsmannschaft der Liga. „Wir haben natürlich Bock darauf, unseren außergewöhnlichen Lauf zu verlängern“, sagt Hoeneß, „aber wir sind auch gut beraten, im Hier und Jetzt zu bleiben.“
Für den Chefcoach bedeutet das, zu erkennen, dass die Spiele vom Verlauf her enger sind, als es die Ergebnisse am Ende vermuten lassen. Auch in Berlin. Die Stuttgarter mussten sich dem eisernen Kampfeswillen entgegenstemmen und der Ruppigkeit der Gastgeber standhalten. Sie taten es mit einem bärenstarken Waldemar Anton in der Abwehr und einem spielintelligenten Angelo Stiller im Mittelfeld. Im Angriff half wieder einmal Serhou Guirassy – bis zu seiner verletzungsbedingten Auswechslung nach einer halben Stunde. Der Torjäger, der einige Wochen mit einer Muskelblessur ausfällt, erzielte mit seinem 14. Saisontreffer das 1:0 (16.). Danach trafen Silas Katompa (81.) und Deniz Undav (88.).
„Das war eine erwachsene Leistung“, sagt Hoeneß. Von diesen Auftritten gab es zuletzt mehrere. Der Reifeprozess geht demnach voran. Der Trainer scheint seinem Team die Launen ausgetrieben zu haben. Denn Zweifel am spielerischen Potenzial des Kaders gab es während des Abstiegskampfes in den vergangenen Jahren zwar immer wieder, aber ebenso gelegentliche Belege für die individuelle Qualität. Der Unterschied lässt sich zugespitzt wohl so formulieren: Die Stuttgarter betreiben nun einen Mannschaftssport, zuvor gefielen sich zu viele Spieler in der Rolle des Einzelkönners.
Der frisch inspirierte Teamgeist bringt den VfB nun auf Abstand zur Abstiegszone. 17 Punkte sind es bereits auf den Relegationsrang. Das beruhigt und wirft – selbst vorläufig ohne Guirassy – die Frage auf, ob die Stuttgarter den Abstiegskampf für beendet erklären können? Antworten gibt es mehrere. Statistisch gesehen, dürfte der VfB bei erwartbarem Verlauf der Fußballkugel nicht mehr in akute Gefahr geraten. Rein rechnerisch ist es jedoch noch möglich, tief abzustürzen. Praktisch sieht Wohlgemuth keinen Anlass, ein neues Saisonziel auszurufen. „Wir wollen eine sorgenfreie Saison spielen“, sagt der Sportdirektor. Oder wie es der Kapitän Waldemar Anton ausdrückt: „Wir wollen erst einmal 40 Punkte holen. Danach schauen wir weiter.“
Eine gute Strategie
Mit dieser Strategie sind schon viele Clubs gut gefahren. Zuletzt Union Berlin. Bis in die Champions League hat es das Team von Urs Fischer getragen. Nun haben sich die Zeichen umgekehrt, wie der Schweizer Fußballlehrer betont: „Das Selbstvertrauen hat einen großen Unterschied ausgemacht. Wir haben jetzt acht Niederlagen hintereinander kassiert. Da spürt man die Verunsicherung. Der VfB hat dagegen sechsmal hintereinander gewonnen. Das gibt Sicherheit.“
Da sitzen die Abläufe, da funktionieren die Automatismen, da wirken sich personelle Veränderungen positiv aus. Maximilian Mittelstädt (erstmals in der Startelf) und Anthony Rouault (ungewohnte Position) überzeugten als Außenverteidiger. Die Joker Undav und Silas stachen erneut. Da beginnt früh die Debatte darüber, ob der VfB auf dem Weg zur Spitzenmannschaft ist. „Auch darüber brauchen wir nicht zu reden“, sagt Wohlgemuth, „vielleicht, wenn wir im Verlauf der Rückrunde immer noch oben stehen.“
Der VfB berauscht sich also weiter nicht an der ungewohnten Höhenluft. Er bleibt auf dem Boden der Tatsachen. „Wir haben uns in eine richtig gute Position gebracht“, sagt Hoeneß, dem das Ganze nicht unheimlich vorkommt. Der Realist kennt das Geschäft und redet lieber darüber, wie sich das Hoch verlängern lässt – mit viel Arbeit und der zuletzt demonstrierten Haltung. Die Stuttgarter bejubeln gelungene Rettungsaktionen fast wie Tore – ein starkes Zeichen für die Geschlossenheit in der Mannschaft.