VfB Stuttgart bim VfL Wolfsburg Ist der VfB schon reif für die Champions League?

Geschlossene Einheit: die VfB-Mannschaft feiert in Wolfsburg vor den vielen Stuttgarter Zuschauern den Erfolg. Foto: Baumann/Cathrin Müller

Der VfB zeigt erneut, dass er aktuell über das nötige Selbstbewusstsein verfügt, um die Saison zu veredeln. Doch nun beginnt für die Stuttgarter der Countdown, um einen Rang für die Königsklasse tatsächlich zu sichern.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Man kann sich gut vorstellen, wie die Fußballprofis und Funktionäre von Borussia Dortmund und RB Leipzig auf ihren Rückreisen nach Wolfsburg schauten. In der Hoffnung, der VfB Stuttgart möge dort Punkte liegen lassen. Die Mannschaften der Trainer Edin Terzic und Marco Rose hatten ja gerade ihre Begegnungen in Berlin und Bochum gewonnen, als sich die Spieler im Trikot mit dem Brustring ans Aufwärmen in der VW-Arena machten. Der Druck, beim VfL Wolfsburg etwas verlieren zu können, war hoch. Doch der schwäbische Fußball-Bundesligist hat am Ende nicht nur die herausfordernde Partie mit 3:2 gewonnen.

 

„Es war schon beeindruckend, mit welchem Selbstbewusstsein die Mannschaft die Aufgabe gelöst hat“, sagt der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth. Atempausen gab es im Spiel am Mittellandkanal nicht. Der VfB war ständig gefordert. Auch nach den Toren von Serhou Guirassy (14./54., Foulelfmeter) und Josha Vagnoman (77.), da die Gastgeber mit den Treffern von Joakim Maehle (50.) und Lukas Nmecha (83.) herankamen.

Wie eine Spitzenmannschaft

Mehr jedoch nicht, weil die Stuttgarter erst viel Spielkontrolle hatten und in der Endphase genügend Leidenschaft bewiesen, um den Vorsprung gegen wild angreifende Wölfe zu verteidigen. „Wichtig war es, dass die Mannschaft nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich gleich eine gute Reaktion gezeigt hat“, sagt der Trainer Sebastian Hoeneß. So behielten die Gäste das Geschehen im Griff – was ein Ausdruck von Reife ist. Denn die Stuttgarter haben sich nicht nur in der Tabelle vom Abstiegskandidaten zum Champions-League-Anwärter entwickelt, vielmehr treten sie aktuell wie ein Spitzenteam auf – gerade wenn sich die Dinge auf dem Rasen gegen sie zu drehen beginnen.

In Wolfsburg war es das viel beschworene Momentum. „Gefühlt war das Spiel nach unserem Tor zum 3:1 entschieden“, sagt Hoeneß, „aber das war ein Trugschluss.“ Eine Standardsituation, ein Gegentor und eine nicht enden wollende Nachspielzeit von mehr als sechs Minuten folgten. Mit Geschlossenheit warf sich die VfB-Elf den letzten Attacken entgegen und lieferte den erneuten Beweis, dass aus der launenhaften Talente-Ansammlung in kritischen Phasen eine Einheit seriös arbeitender Kicker geworden ist. Mit der gewünschten Leichtigkeit im Spiel, aber auch der notwendigen Ernsthaftigkeit beim Erfüllen der Pflicht.

Das ergibt eine Mischung, die Fans von der Qualifikation für die Champions League träumen und Fernsehexperten wie Lothar Matthäus und Dietmar Hamann von der Qualität für die Königsklasse schwärmen lässt. Zumal diesmal sogar aufgrund der Champions-League-Reform der fünfte Platz reichen könnte. „Alles gut und schön. Wir sind jetzt oben und wollen auch oben bleiben“, sagt Hoeneß, „aber wir konkurrieren mit zwei absoluten Topmannschaften.“ Diese heißen Borussia Dortmund und RB Leipzig – sechs und sieben Punkte hinter dem VfB in Lauerstellung.

Eine Schwäche können sich die Stuttgarter da kaum noch erlauben. Doch so offensiv und mutig sie auf dem Platz auch auftreten, so defensiv und zurückhaltend bleiben sie bei der formulierten Zielsetzung. Wenngleich sich die Sätze Spieltag für Spieltag nun in Nuancen anders anhören. „Wir wollen die Welle jetzt weiterreiten“, sagt Hoeneß. Auf 16 Siege kommt sein Team bereits in der laufenden Saison, der Abstand zum ersten nicht europäischen Rang in der Tabelle ist gewaltig – und mit 50 Punkten nach 24 Spieltagen hat der VfB so viele Zähler gesammelt wie noch nie in der Vereinsgeschichte.

Verführerische Hochrechnungen

Ein Bestwert, der einerseits zu weiteren Hochrechnungen animiert, andererseits aber auch Wohlgemuth nicht zu einer veränderten Herangehensweise verführt. „Natürlich wollen wir den Platz verteidigen, den wir jetzt haben, aber ich werde keine neuen Ziele ausrufen“, sagt der Sportdirektor. Denn der Blick auf die Statistiken der jüngeren Vergangenheit zeigt auch, dass der VfB diesmal wohl mehr als 60 Punkte benötigen wird, um die wachsenden Ambitionen von der großen internationalen Bühne zu erfüllen.

Vor fünf Jahren genügten Bayer Leverkusen 58 Punkte, um auf dem vierten Rang an das viele Geld der Europäischen Fußballunion zu kommen. In der Vorsaison schaffte es Union Berlin mit 62 Zählern vor dem SC Freiburg (59), den letzten begehrten Platz zu sichern. Dazwischen lagen die Leipziger mit 58 (Saison 2021/2022), die Wolfsburger mit 61 (2020/2021) und die Gladbacher mit 65 Punkten (2019/2020), um sich für die Edelklasse zu qualifizieren.

Und nun beginnt für den VfB der Countdown zu etwas Großem. Trotz der berechtigten Demut, die sie beim VfB noch immer offenbaren. Seit dem dritten Spieltag stehen die Stuttgarter über dem Champion-League-Strich in der Tabelle. Ein Fakt, den vor Saisonbeginn kaum jemand für möglich gehalten hätte. Dennoch hat die Höhenluft nicht geschadet. Nun sind es noch zehn Spiele bis zur Endstation Sehnsucht, angefangen mit dem Heimauftritt am Freitag (20.30 Uhr) gegen Union Berlin. Da können dann die Stuttgarter vorlegen und die Konkurrenz aus Dortmund und Leipzig unter Druck setzen.

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