Harte Abwehrarbeit: Jeff Chabot (rechts) und Maximilian Mittelstädt vom VfB Stuttgart schirmen den Bremer Oliver Burke ab. Foto: Baumann
Der Bundesligist ist bereits 25 mal mit einer veränderten Verteidigung aufgelaufen. Das führt nicht gerade zu Sicherheit und Stabilität – ein Blick auf bemerkenswerte Zahlen und was sich daraus ergibt.
Ameen Al-Dakhil hat zuletzt trainiert. Ohne jede Einschränkung. Das ist eine gute Nachricht, da man ja nie weiß, ob der Abwehrspieler des VfB Stuttgart gerade fit, krank oder angeschlagen ist. In den vergangenen beiden Bundesliga-Spielen fehlte der Belgier dann wegen einer Rotsperre. Diese ist nun vor der Partie am Samstag (18.30 Uhr) bei Union Berlin abgelaufen, womit sich der schnelle Al-Dakhil als Kandidat für die Viererkette empfehlen will.
Dieser Ehrgeiz passt Sebastian Hoeneß natürlich grundsätzlich ins Konzept, weil der Trainer auch den Spielaufbau des 23-Jährigen schätzt. Aber speziell in der laufenden Woche kann es doppelt wichtig werden mit Al-Dakhil, da noch nicht klar ist, ob Jeff Chabot nach einer leichten Muskelverletzung in Köpenick einsatzfähig sein wird.
Häufig Änderungen in der Innenverteidigung
Solche Personalien wie Al-Dakhil und Chabot gehören zu Hoeneß’ Alltagssorgen. Der Chefcoach war in dieser Saison schon häufig gezwungen, seine Verteidigung umzubauen und ein neues Abwehrpuzzle zu lösen. In 43 Pflichtpartien lief der VfB mit 25 unterschiedlichen Abwehrformationen auf. Was unter anderem auf Verletzungen, Sperren und die berühmte Belastungssteuerung während der anstrengenden Champions-League-Wochen zurückzuführen ist.
Bei insgesamt 67 Gegentoren und vielen individuellen Fehlern liegt sogar der Verdacht nahe, dass Hoeneß einen Spieler mal getauscht hat, weil er ihm in besagtem Moment nicht gut genug erschien. Jedenfalls hat der VfB-Trainer nur neunmal getan, was ein Fußballlehrer ansonsten gerne tut: die Abwehrkette unverändert belassen. Vor allem die Innenverteidiger bilden im Teamgefüge oft ein eingespieltes Duo, um der Mannschaft in der Defensive Halt zu verleihen.
Mittelstädt gehört zu den Dauerakteuren
Bei den Stuttgartern weisen Chabot (39 Spiele/33 in der Startelf) und der im Januar abgewanderte Anthony Rouault (28/24) die meisten Einsätze im Abwehrzentrum auf. Der Linksverteidiger Maximilian Mittelstädt (38/35) zählt hinten wie sein rechtes Pendant Josha Vagnoman (31/25) ebenfalls zu den Dauerakteuren. Eingesetzt wurden zudem neun weitere Sicherheitskräfte: Ramon Hendriks (26/12), Anrie Chase (20/11), Leonidas Stergiou (16/10), Pascal Stenzel (15/8), Ameen Al-Dakhil (11/8), Finn Jeltsch (10/6), Frans Krätzig (4/2), Angelo Stiller (2/2) und Luca Jaquez (2/1).
Eine lange Liste, die verdeutlicht, warum der VfB in der Abwehr nicht eingespielt wirkt, sich häufiger Lücken auftun, als jedem Trainer lieb sein kann. Wie zuletzt beim entscheidenden Gegentor durch den Bremer Oliver Burke bei der 1:2-Niederlage gegen Werder. „Wir gehen zu früh raus, müssen in der Kette bleiben. Denn durch das Heraustreten geht die Schnittstelle auf“, analysiert Hoeneß die Szene aus der 90. Minute.
Woltemade flog gegen Werder vom Platz. Foto: Pressefoto Baumann/Volker Mueller
Eine Situation, die in diesem Moment wenig mit der Unterzahl des VfB durch den Platzverweis für Nick Woltemade zu tun hatte, aber viel mit mangelnder Erfahrung. Der 18-jährige Jeltsch traf im Zentrum eine falsche Entscheidung, der 23-jährige Stergiou reagierte auf Außen einen Tick zu spät – und schon war es wieder passiert. Die schöne Führung vollends verspielt und die enge Begegnung verloren. Wie ein weiß-rotes Muster ziehen sich diese Erkenntnisse durch die Spielzeit, in der der VfB in der Liga 19-mal vorne lag, am Ende aber nur elfmal gewann, drei Unentschieden holte und fünfmal unterlag.
Vergebene 21 Punkte macht das, die jedoch nicht nur belegen, dass es an Kompaktheit und Kompromisslosigkeit gefehlt hat. Insgesamt ergibt sich ein Durchschnitt von 1,5 Gegentoren pro Spiel. Zu viel, wie Hoeneß vor Monaten monierte. Viel besser ist es nicht geworden, denn die Stuttgarter haben in der Abwehr an Qualität verloren.
Entscheidung für Zukunftslösungen
Waldemar Anton und Hiroki Ito sind nach der fabelhaften Vizemeisterschaft weg sowie Dan-Axel Zagadou dauerverletzt. Entsprechender Ersatz war trotz bereitstehender Millionen nicht zu verpflichten. Weder im Sommer, noch im Winter wurden Soforthilfen geholt. Der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth und Trainer Hoeneß haben sich für Zukunftslösungen entschieden: Erst erhielt der verletzte Al-Dakhil einen Vertrag, dann kamen im Laufe der Saison Jeltsch und Jaquez, dafür ging Rouault.
Vor allem Jeltsch wird das Potenzial bescheinigt, zum Spitzenmann reifen zu können. Um das Toptalent herum verteidigen mit Ausnahme von Chabot jedoch nur VfB-Profis, die sich ebenfalls noch voll in ihrer Entwicklung befinden. Mit wenigen Bundesliga-Einsätzen in den Beinen und viel Verantwortung auf den Schultern.
Chabot kommt dagegen bereits auf 83 Bundesliga-Partien sowie 48 Spiele in der niederländischen Ehrendivision und 43 in der italienischen Serie A. Da lag es nahe, die 27-jährige Abwehrkante aus Hanau zum Fels in der schwäbischen Brandung zu erklären. Auch, wenn das Dirigieren und die Führung der Mitspieler nicht zwingend seinem Naturell entspricht. Zur Wahrheit gehört jedoch ebenso, dass Chabot diese Rolle zunächst gar nicht zugedacht war. Jetzt zählt er allerdings zu den Stützen, die dem VfB im Saisonendspurt mit Pokalfinale Sicherheit und Stabilität geben sollen.