Angelo Stiller (links) zählt zu den begehrtesten VfB-Profis, verfügt in diesem Sommer aber über keine Ausstiegsklausel. Foto: imago/kolbert-press
Der Transfermarkt nimmt auch beim VfB Fahrt auf. Auf welchen Positionen Neuzugänge kommen sollen und was der Sportchef zu möglichen Abgängen von umworbenen Stammkräften sagt.
Der Transfersommer ist noch jung – beim VfB Stuttgart aber begann er bereits in einer nennenswerten, zu diesem Zeitpunkt durchaus unüblichen Größenordnung: Während das Karussell in den vergangenen Jahren erst langsam Fahrt aufnahm, präsentierte der Bundesligist dieses Mal direkt den teuersten Abwehrspieler der Vereinsgeschichte: Lorenz Assignon (24) soll die rechte Seite stabilisieren, gleichzeitig für Schwung nach vorne sorgen, eine Baustelle der Vorsaison schließen. An Stade Rennes floss dafür eine Ablöse von rund 11,5 Millionen Euro, die sich durch Boni noch auf 13 Millionen erhöhen kann.
Nun wird es dabei natürlich nicht bleiben – und sich noch einiges tun bei Zu- wie Abgängen, bis das Wechselfenster Anfang September schließt. Aber: Ob noch viele Verpflichtungen der Assignon-Preisklasse folgen, ist fraglich. Vor allem, weil die Stuttgarter in der jüngeren Vergangenheit zur Kompensation von Abgängen bereits viel in die Mannschaft investiert haben. Im Sommer 2024 in erster Linie in die Offensive durch die Käufe von Ermedin Demirovic (27) und Deniz Undav (28). In den folgenden beiden Transferperioden dann in die Defensive: Im Winter kam Finn Jeltsch (18) vom 1. FC Nürnberg, nun im Sommer Assignon. Alle vier Spieler reihen sich unter den Top Ten der teuersten Zugänge der Clubhistorie ein.
Ein vierter Stürmer wird gesucht
„Wir haben in den vergangenen Transferperioden schon wichtige Verpflichtungen und Vorausgriffe auf die Zukunft getätigt“, sagt Sportvorstand Fabian Wohlgemuth, „das Gerüst der Mannschaft steht.“ Das gilt ausdrücklich auch für die Abwehr, die nach 53 Gegentoren in der Vorsaison gefordert ist. „Wir sehen in unserer Defensive viel Entwicklungspotenzial und können uns gut vorstellen, in der jetzigen Konstellation in die neue Saison zu gehen“, so der Sportchef.
Sportvorstand Fabian Wohlgemuth will den Kader erneut breit aufstellen. Foto: Pressefoto Baumann
Der Fokus liegt daher vor allem auf gezielten, punktuellen Verstärkungen. Stichwort Kaderbreite. Für den VfB steht durch die Qualifikation für die Europa League die zweite Saison auf internationaler Bühne in Folge an – und eine Situation wie gegen Ende des vergangenen Jahres soll sich tunlichst nicht wiederholen, als die Personaldecke nach verletzungsbedingten Ausfällen über Wochen knapp war. Hierfür will man gewappnet sein, auch auf Formkrisen reagieren können, frische Beine im Drei-Tages-Rhythmus sicherstellen. „Die vergangene Saison hat gezeigt, dass ein breiter Kader bei einer Mehrfach-Belastung durch den internationalen Wettbewerb unerlässlich ist“, sagt Wohlgemuth. „Entsprechend wollen wir uns auch aufstellen.“
Auf welchen Positionen? Im Sturm hält man nach der auslaufenden Leihe von El Bilal Touré Augen und Ohren offen, um aus dem jetzigen Sturm-Trio (Undav, Demirovic, Nick Woltemade) wieder ein Quartett zu machen und die beiden vordersten Positionen doppelt besetzt zu haben. Tempo und Wucht, über die ein gesunder El Bilal verfügte, sind dabei wichtige Kriterien. Auch im zentralen defensiven Mittelfeld könnte sich noch etwas tun – wenn auch die Dringlichkeit hier nicht ganz so groß ist: Kapitän Atakan Karazor hatte in der finalen Saisonphase sein zwischenzeitliches Formtief überwunden und bildet mit Angelo Stiller ein eingespieltes, selten verletztes Duo. Dahinter soll Yannik Keitel in seinem zweiten Jahr beim VfB mehr Druck aufs Stammpersonal ausüben als im ersten.
Zudem sondieren die Stuttgarter im offensiven Mittelfeld den Markt – schließlich ist mit einem Abgang von Enzo Millot zu rechnen: Der Franzose hat seinen Wechselwunsch unmissverständlich hinterlegt und verfügt über eine Ausstiegsklausel, die mit rund 20 Millionen Euro niedrig genug ist für potenzielle Interessenten.
Nick Woltemade verfügt über einen Vertrag bis 2028 ohne Ausstiegsklausel
Zugleich bildet Millot mit seiner Klausel eine Ausnahme im Kader: Viele wichtige Stammkräfte verfügen nach Vertragsanpassungen nicht mehr über eine solche Exit-Option, darunter die begehrten Nationalspieler Nick Woltemade und Angelo Stiller. Letzterer hat zwar eine Klausel im nächsten Jahr, die der VfB dem Taktgeber aber wieder abkaufen kann.
„Eines unserer Ziele war und ist es“, sagt Wohlgemuth, „die Zahl der Ausstiegsklauseln und damit die Abhängigkeiten zu reduzieren. Inzwischen haben wir bis auf wenige Ausnahmen das Heft des Handelns in der eigenen Hand und werden hier ganz gewiss keinen Spieler unter Wert abgeben.“ Real Madrid etwa nahm unlängst Abstand von einer Stiller-Verpflichtung mit Blick auf die kolportierten 60 Millionen Euro.
Dass in diesem Sommer kein großer Name die Stuttgarter verlässt, bedeutet das aber natürlich nicht automatisch. Verletzungen oder Wechsel bei internationalen Topvereinen können von einem Tag auf den anderen zu Angeboten führen, die neue Situationen entstehen lassen. Den Fans die Angst vor einem Abgang komplett zu nehmen, betont auch Angreifer Woltemade, sei daher schwierig: „Dafür ist der Fußball irgendwie auch zu wild und zu schnelllebig.“ Fest steht aber: Der VfB hat nicht nur bei seinem Shootingstar im Sturm die Fäden in den kommenden Monaten in der Hand. Und steht vor einem wieder einmal ereignisreichen Transfersommer.