Stuttgart - Bei aller Emotionalität, die Sven Mislintat auf der Tribüne des fast leeren Wiesbadener Stadions und in der Diskussion über den strittigen Elfmeter in der Nachspielzeit an den Tag legte, wusste auch der VfB-Sportdirektor, was für die zweite 1:2-Saisonniederlage des Aufstiegsfavoriten gegen das Zweitliga-Kellerkind SV Wehen Wiesbaden in erster Linie verantwortlich war: die eigenen Unzulänglichkeiten.
Beim VfB wird der Ton rauer
„Dass wir die drei Punkte nicht geholt haben, liegt zuvorderst daran, dass wir unseren Job nicht richtig erledigt haben“, sagte Sven Mislintat. Dabei wurde auch der Ton des Trainers Pellegrino Matarazzo bereits direkt nach dem Abpfiff in Wiesbaden sowie bei der internen Analyse am Montag auf dem Clubgelände offenbar rauer. „Die Analyse hat stattgefunden – und sie hat sehr hart stattgefunden“, sagte Mislintat.
Schließlich wurden in Spiel eins nach dem Corona-Neustart beim VfB zwei Kernprobleme offensichtlich: darunter ein altbekanntes und eines, das aufgrund der Geisterpiel-Atmosphäre ohne Fans besonders zutage trat.
Da ist zunächst die Schwäche im Abschluss direkt vor des Gegners Tor, die sich der VfB leider über die zweimonatige Lockdown-Phase hinweg bewahrt hat. „Wenn wir das vorne nicht hinbekommen, dann werden die Spiele schwer“, sagte Mislintat, dessen Stürmer Mario Gomez, Hamadi Al Ghaddioui und Silas Wamangituka mal wieder nicht als Killer vor des Gegners Kasten in Erscheinung traten. Nicolas Gonzalez traf zwar zum 1:1 (83.), riss aber sonst auch keine Bäume aus.
Ein verbaler Leader fehlt dem Team
Zur Abschlussschwäche gesellte sich der Umstand, dass sie in den Reihen des VfB erschreckend wenig miteinander sprechen. Ein verbaler Leader oder ein Typ, der den Kollegen mal mit einem emotionalen Ausbruch oder einer Nickligkeit den Weg weist, der ist weit und breit nicht in Sicht. Dies wurde in der Wiesbadener Arena, wo man bei nur 270 Personen im Stadion jedes Wort hörte, besonders deutlich.
Allein der Kapitän Marc Oliver Kempf und der Torhüter Gregor Kobel waren zuweilen mit Kommandos zu hören. Vom Rest der Belegschaft kam so gut wie gar nichts. Verbale Unterstützung von der Bank? Fehlanzeige. Geht es nach der fehlenden Galligkeit, dürfte sich mit Blick auf das Gastspiel am nächsten Sonntag (13.30 Uhr) bei Holstein Kiel der kantige Holger Badstuber, der in Wiesbaden auf der Bank saß, schon mal warmlaufen.
„Wir müssen uns als Team besser wehren und dabei verbal unterstützen, uns puschen, nach vorne schieben, gerade in Zeiten, in denen die Fans fehlen“, sagte Mislintat, der seinerseits mit Leidenschaft bei der Sache war. So könne es nicht sein, fand der 47-Jährige, dass etwa beim fünften Foul an Silas Wamangituka „der Sportdirektor der Einzige ist, dem die Hutschnur hochgeht“.
Die ganz heiße Phase der Saison beginnt
Dass nun die Wochen der Entscheidung angebrochen sind – und mit den Partien in Kiel sowie am Donnerstag, 26. Mai (20.30 Uhr), gegen den direkten Konkurrenten Hamburger SV die ganz heiße Phase beginnt, das hat der Trainer Matarazzo seinem Team ebenfalls deutlich gemacht. „Es geht darum, die Widrigkeiten zu überwinden, wenn es nicht läuft und negative Faktoren unser Spiel beeinflussen“, sagt der Cheftrainer, der seinerseits allerdings in Sachen Körpersprache ein bisschen zulegen könnte.
Ein Exzentriker, das war bereits vor seiner Verpflichtung klar, ist Matarazzo nicht. Eher soll er hier ein Gegenpol zu seinem Vorgänger Tim Walter sein. Doch ein Schuss mehr verbale Leaderqualität und Hemdsärmeligkeit von der Coachingzone aus, das würde dem VfB künftig gut zu Gesicht stehen.