Wer es kritisch mit der TSG Hoffenheim meint, der bekam in der Begegnung mit dem VfB Stuttgart rasch eine Szene zum Interpretieren: Christian Ilzer zog sich aus der Coachingzone zurück und verkroch sich auf der Trainerbank. Offenbar verspürte der Österreicher die Machtlosigkeit eines Fußballlehrers.
Ilzers Mannschaft lief nur hinterher, während weniger Meter daneben Sebastian Hoeneß seine Elf anwies und anfeuerte. Der VfB kombinierte und dominierte mit Ball und er ließ dem Gegner weder Raum noch Zeit zur Kontrolle ohne Ball. Wie vor einem knappen Jahr an gleicher Stelle. Die Gäste führten auch wieder durch den Treffer von Nick Woltemade (9.). Nur: Sie legten trotz zahlreicher Tormöglichkeiten nicht nach.
Das ist ein großer Unterschied zur rauschhaften Vorsaison. Da gelang es den Stuttgartern, enge Spiele auf ihre Seite zu ziehen – durch geschlossene Teamleistungen und durch starke Einzelaktionen. Es entwickelte sich eine Eigendynamik des Erfolgs. Jetzt läuft der VfB nach dem Ausgleich durch Gift Orban (74.) Gefahr, eine Saison der verpassten Chancen hinzulegen. Denn zum wiederholten Male verschenkte der Vizemeister beim 1:1 Punkte.
Das sagt Fabian Wohlgemuth
3:3 gegen den FSV Mainz, 0:1 gegen den FC St. Pauli, 1:2 gegen Borussia Mönchengladbach, 1:2 gegen den VfL Wolfsburg und nun das 1:1 bei den Hoffenheimern – das ist die Liste der Enttäuschungen in der laufenden Spielzeit. Und was weder die Gemüts- noch die Tabellenlage verbessert: Von den vergangenen fünf Bundesligapartien hat der VfB drei verloren, eine unentschieden beendet und nur eine gewonnen (in Dortmund). Verspielt ist damit der schöne Start ins Jahr 2025 mit drei Siegen.
Der Tabellensiebte kommt somit auf 36 Punkte, Tendenz fallend. „Wir haben die Tabelle natürlich vor Augen“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth, „und wir wollen den Abstand nach oben verringern. Diesmal hat dabei die Leistung gestimmt, nur das Ergebnis nicht, weil wir unsere vielen Chancen auf ein zweites Tor nicht genutzt haben.“ Somit gehört es zu den zwei Wahrheiten eines Spiels, dass der VfB lange Zeit wie der VfB spielte, den die Fans gerne sehen wollen. Spritziger und schwungvoller als in den Wochen der Dauerbelastung.
Dennoch reichte es nicht, sich näher an die Champions-League-Ränge zu schieben. Die Bewertung des Spiels fällt dadurch – bei gleicher Leistung – zwangsweise anders aus. Das Resultat überdeckt die fußballerischen Fortschritte. „Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass wir leichtfertig mit den sich bietenden Situationen umgegangen sind. Die Abschlüsse wirkten auf mich zielstrebig. Wir haben es lediglich an der Präzision vermissen lassen“, sagt Hoeneß. Zudem hechtete und faustete und ein starker Luca Philipp zwischen den TSG-Pfosten. Weder die Mittelfeldspieler Atakan Karazor noch Angelo Stiller sowie weder die Angreifer Deniz Undav noch Nick Woltemade brachten den Ball noch einmal an dem Vertreter von Stammtorhüter Oliver Baumann vorbei.
Es bleibt damit weiter festzuhalten, dass Woltemade nun der erfolgreichste VfB-Torschütze ist – mit elf Pflichtspieltreffern. Deniz Undav und Ermedin Demirovic liegen mit je zehn Toren dahinter, allerdings in drei Wettweberben und nicht in zwei wie Woltemade, der nicht für die Königsklasse gemeldet war. Momentan macht der 23-Jährige jedoch den Unterschied im Stuttgarter Spiel. Allerdings verteilt sich die Last des Toreschießens nicht auf viele Schultern, da sowohl Undav als auch Demirovic seit fünf Ligaspielen nicht mehr getroffen haben.
Das Problem des 50-Millionen-Sturms
Der sogenannte 50-Millionen-Sturm kämpft und rennt gegen die Torflaute an – und er läuft stellvertretend den weiß-roten Ansprüchen hinterher. Es nimmt zwar kein Verantwortlicher das CL-Wort in den Mund, aber an der Mercedesstraße 109 in Bad Cannstatt lautet das Sehnsuchtsziel am Saisonende klar: Champions League. Entsprechend wurde in den Kader investiert, entsprechend wurden die Verträge der Nationalspieler verlängert – und entsprechend hoch sind die Erwartungen. Wenngleich immer wieder Momente der Relativierung eingestreut werden und auch die Qualifikation für die Europa League ein Erfolg wäre.
Doch bei aller Rückbesinnung darauf, woher der VfB kommt (aus einem Jahrzehnt des Abstiegskampfs und des zweimaligen Wiederaufstiegs) bietet sich eben eine Riesenmöglichkeit, ohne eine absolute Ausnahmesaison spielen zu müssen. Die europäische Edelklasse winkt, weil Borussia Dortmund und RB Leipzig schwächeln – und weil der SC Freiburg und der FSV Mainz 05 nicht besser sind als der VfB, jetzt aber die begehrten Ränge vier und fünf besetzen.
„Wir haben gegen die Hoffenheimer einen Schritt in die richtige Richtung gemacht und wollen wieder etwas in Gang setzen“, sagt Hoeneß. Das anstehende Programm ist dabei herausfordernd: Zwischen den Begegnungen mit dem Rekordmeister FC Bayern München und dem Doublegewinner Bayer Leverkusen steckt das Spiel beim Tabellenletzten Holstein Kiel.