Die Proteste reißen nicht ab. Spieltag für Spieltag fliegen Schoko-Taler auf den Platz, Tennisbälle werden auf den Rasen geschleudert, und Plakate in den Stadien kritisieren den geplanten Einstieg eines Finanzinvestors. Begleitet wird die Szenerie abwechselnd von Schweigeminuten in den Fanblöcken und Schmähgesängen gegen die Deutsche Fußball-Liga (DFL).
Der Unmut eines Teils der organisierten Fangruppen ist groß, und er wächst. Denn der Ligaverband strebt – gemäß seiner Beschlüsse in Präsidium und Mitgliederversammlung – weiter die Zusammenarbeit einer „strategischen Vermarktungspartnerschaft“ an, wie es offiziell heißt. Es geht dabei um einen neuen Geldgeber für die 36 Proficlubs der ersten und zweiten Liga, der zunächst zwischen 800 Millionen und einer Milliarde Euro einbringt, ehe er danach 20 Jahre lang maximal bis zu acht Prozent der Medienerlöse einstreichen kann.
Die DFL reagiert
So sieht der bei den Anhängern umstrittene Deal in groben Zügen aus. Abgestimmt wurde darüber am 11. Dezember des vergangenen Jahres – und die DFL erhielt von den Vereinen mit der exakt notwendigen Zweidrittelmehrheit grünes Licht dafür, den Prozess zum Abschluss zu bringen. Diesen Sommer soll das noch passieren, und die Vorgänge rund um die Abstimmung verschärfen nun den Glaubenskrieg, der zwischen den Funktionären und Fans ohnehin herrscht.
Die Ligachefs wollen ihr Produkt glänzen lassen, es besser vermarkten und höhere Einnahmen erzielen. „Die strategische Vermarktungspartnerschaft ermöglicht notwendige Investitionen in die langfristige Weiterentwicklung, um die sogenannte Zentralvermarktung der beiden Ligen zu stärken“, heißt es bei der DFL, die aufgrund der aktuellen Diskussionen auf ihrer Internetseite den eigenen Standpunkt klarstellt und die neuralgischen Bereiche erläutert – in der Hoffnung auf Verständnis und verbunden mit Gesprächsangeboten an die aktiven Fans.
Die Anhänger ihrerseits befürchten eine noch stärkere Kommerzialisierung des Fußballs, eine Schwächung der 50+1-Regelung und eine steigende Einmischung von Investoren, zum Beispiel bei der Gestaltung des Spieltages. Letzteres gilt als rote Linie und wird von der DFL ausgeschlossen. Nur: Den Herren in Frankfurt um die Geschäftsführer Marc Lenz und Steffen Merkel wird allen Ausführungen und Beteuerungen zum Trotz nicht vertraut. Auch, weil der Verdacht im Raum steht, dass die bei den Vereinen nötige Mehrheit von 24 Clubs (bei zehn Gegenstimmen und zwei Enthaltungen) lediglich zustande kam, weil Geschäftsführer Martin Kind von Hannover 96 gegen die Weisung des Muttervereins für einen Einstieg gestimmt haben soll.
Bewiesen ist das nicht. Kind beruft sich auf die geheime Wahl und weigert sich, darüber Auskunft zu geben, ob er mit Ja oder Nein abgestimmt hat. Anders der VfB Stuttgart. Der Bundesligist hatte im zweiten Versuch für den Einstieg eines Partners bei der DFL votiert – und er hat dies öffentlich gemacht. Vorausgegangen waren zudem Sitzungen im Fanausschuss, in denen der Vorstandsvorsitzende Alexander Wehrle den Sachverhalt und die Haltung des VfB erläuterte. Auf Begeisterung ist Wehrle nicht gestoßen. Die Basis für die weiß-rote Zustimmung bleibt jedoch: Bei dem Lizenzmodell handelt es sich um eine Minderheitsbeteiligung eines Partners, nicht um einen Anteilsverkauf.
So reagiert der VfB
Jetzt hat sich Claus Vogt zu Wort gemeldet. „Unser Verständnis von Demokratie – auch im Fußball – sollte sein: Die Mehrheit entscheidet“, schreibt der VfB-Präsident im Netzwerk X (ehemals Twitter): „Kann aber nicht sichergestellt werden, dass ein demokratisch zustande gekommenes Abstimmungsergebnis korrekt ist, sollte man im Sinne der Demokratie und im Sinne unseres Fußballs miteinander diskutieren, ob eine erneute, transparente Abstimmung aller 36 Vereine in der DFL notwendig ist. Ich meine: Ja, es ist notwendig!“
Damit bringt Vogt neue Dynamik in die Auseinandersetzung. Nur in welcher Funktion? Der Vorschlag wurde über seinen Privataccount veröffentlicht. Über die Clubkanäle gab es zunächst keine Kommunikation. Abgestimmt sind die Einlassungen angeblich dennoch. „Wir vertrauen den gewählten Mitgliedern des DFL-Präsidiums, dass sie diesen Prozess transparent steuern und genau jenes Ergebnis erzielen werden, das für den deutschen Profifußball richtig und enorm wichtig ist“, teilt der VfB jetzt mit.
Wie Vogt befürwortet inzwischen auch Dirk Zingler, der Präsident von Union Berlin, eine Wiederholung der Wahl. „Wir tun hier etwas, was es im deutschen Profifußball noch nie gegeben hat und was ihn verändern wird. Wenn wir damit Erfolg haben wollen, unabhängig von der Art und Weise möglicher Investitionen, darf es keinerlei Zweifel an der Rechtmäßigkeit der dafür notwendigen Abstimmungen geben“, betont Zingler in der Tageszeitung „ Die Welt“.
Seither mehren sich die Stimmen, die an der Legitimation der Abstimmung zweifeln. Vogt gehört eine davon, und der VfB-Präsident plädiert für eine offene Wahl, um mehr Transparenz und Akzeptanz zu erreichen. Gleichwohl der VfB wieder für den Einstieg eines Investors wäre. Zumal die zentrale Botschaft der DFL lautet: „Fans entsteht durch diesen Prozess kein Nachteil. Es gibt keinen ‚Ausverkauf‘ keinen Kontrollverlust und keinen Abschied von 50+1 – und daher auch keinen Anlass für Horrorszenarien.“
Doch bei allen Versuchen, die knifflige Situation zu deeskalieren, gibt es Anzeichen dafür, dass die sogenannte Kurve ihren Kampf gegen das Kapital fortsetzt. Mit verschärften Mitteln, um den Ablauf der Bundesliga-Spiele weiter zu stören.