VfB Stuttgart Der VfB rotiert sich in Hamburg selbst ins Abseits

Enttäuschte Mienen in Hamburg rund um den Stuttgarter Trainer Sebastian Hoeneß (Mitte). Foto: Baumann/Julia Rahn

Die Rochaden in seiner Startelf erweisen sich für Sebastian Hoeneß in Hamburg als Schuss in den Ofen. Der Trainer akzeptiert die Kritik – geht aber weiter unbeirrt seinen Weg.

Sport: Heiko Hinrichsen (hh)

Womöglich hat auch die Lust auf neue Heldentaten im Pokal ein wenig Regie geführt, als der VfB-Chefcoach Sebastian Hoeneß und sein Trainerteam die Aufstellung für die letztlich mit 1:2 verlorene Bundesligapartie beim Hamburger SV ertüftelt haben. Im letzten von vier Auswärtsspielen in Serie geht es ja bereits an diesem Mittwoch (18 Uhr) im Achtelfinale des Cupwettbewerbs zum VfL Bochum.

 

Drei Siege sind es nur noch bis Berlin. Und Hoeneß misst dem Pokal ja schon immer eine ganz besondere Bedeutung zu. Das war bereits in der Vorsaison so – und hat sich durch den Endspiel-Triumph vom Mai gegen Arminia Bielefeld eher noch verstärkt.

Also war bei den Stuttgartern wieder Stühlerücken angesagt, Kräfte sparen, so wie bereits beim Doppelpack gegen den FSV Mainz Ende Oktober, als es inmitten der englischen Wochen in der Bundesliga eine XXL-Rotation mit elf frischen Spielern und drei Tage später die Pokalelf mit zehn neuen Akteuren gab. Damals gingen die Rochaden reibungslos, elegant und erfolgreich mit zwei Siegen über die Bühne. Auffällig dabei: Im Pokal spielte schon damals die A-Elf.

Im Hamburger Volkspark durften nun erneut sieben Neue ran, nach dem Europapokalsieg von Deventer (4:0). Doch der Schuss ging diesmal nach hinten los. Weil zahlreiche Leitwölfe wie Angelo Stiller, Deniz Undav, Atakan Karazor und Jamie Leweling zunächst auf der Bank Platz nahmen, war dies unterm Strich zu viel für das Teamgefüge, das aus der Balance geriet. Wieder hatte Hoeneß das Gros seiner Stars für den Pokal schonen wollen.

VfB-Sportvorstand Fabian Wohlgemuth hatte Verständnis für den Schachzug des Trainers, der mit seinen Wechseln bisher stets ein glückliches Händchen bewiesen hatte, sein Team durch eine überforderte Startelf diesmal aber selbst ins Abseits rotierte. Stuttgart stellte zwar ohne Zweifel die potenziell bessere Mannschaft, Hamburg agierte aber cleverer.

„Es ist nicht so ganz einfach, wenn man die Belastung und die Spielzeit verteilen will und zusehen muss, dass alle im Rhythmus bleiben“, sagte Wohlgemuth: „Grundsätzlich ist es ja gut, wenn man die Breite des Kaders nutzt.“

Doch gerade im ersten Durchgang hatte das Konstrukt des Trainers vor 57 000 Fans im ausverkauften Volkspark gar nicht gepasst – vor allem in der Offensive: Da wusste das Trio bestehend aus Chris Führich, Bilal El Khannouss und Badredine Bouanani ohne einen echten Mittelstürmer auf dem Feld nicht so recht, was zu tun ist. „Wir haben uns aber im Verlauf des Spiels gesteigert“, sagte Wohlgemuth zur Leistung des VfB-Teams, das sich nach 17 Minuten aber das 0:1 durch einen Flachschuss von HSV-Stürmer Robert Glatzel einfing.

„Ich verstehe, dass dieser Punkt herangezogen wird“, erklärte derweil Sebastian Hoeneß zur Kritik an seiner Startelf: „Das muss man dann auch aushalten und akzeptieren.“ Allerdings müsse sich ein Trainer von derlei Bewertungen lösen, denn: hinterher sei man immer schlauer. „Ich werde weiterhin wohl durchdacht entscheiden nach den Gesprächen mit den Spielern, den Laufdaten, dem Gefühl und vielen anderen Faktoren“, sagte der 43-Jährige: „Und am Ende auch dazu stehen.“

Ein spürbarer Ruck ging durchs Team, als Deniz Undav kurz vor der Pause für den angeschlagenen Chris Führich aufs Feld kam. Der machte dann auch mit seinem siebten Bundesliga-Saisontreffer den 1:1-Ausgleich (54.), ehe es vor dem späten 1:2 durch den HSV-Neuzugang Fabio Viera (90.+4) in Stuttgarter Überzahl ein Kommunikationsproblem mit Angelo Stiller bei einem Freistoß gab.

Unterm Strich war der Mittelstürmer aber nach dem Geschmack von Hoeneß deutlich zu lange auf dem Feld. „Am Ende möchte ich es nicht hören, hätte sich Deniz verletzt. Er hat in Hamburg schon wieder mehr gespielt als es sein sollte“, sagte der Trainer, der ein gebranntes Kind ist: „Ohne die verletzten Tiago und Medo (Tomas und Demirovic, Anm.d.Red.) haben wir aktuell nur einen Stürmer. Dazu gibt es im November und Dezember generell viele Muskelverletzungen.“ Sei es durch die Kälte oder die Dauerbelastung. So geht der VfB derzeit wieder durch drei englische Wochen am Stück.

Damit es auch auf der zentralen Position im Angriff nach dem Abgang von Nick Woltemade nach Newcastle wieder mehr Auswahl gibt, wird der VfB in der Winterpause einen neuen Mittelstürmer verpflichten. Gehandelt werden Thijs Dallinga (FC Bologna) sowie aus Belgien Romeo Vermant (FC Brügge) und Promise David (Royale Union Saint-Gilloise).

Ehe das Winter-Transferfenster an Neujahr öffnet, stehen aber noch fünf Pflichtspiele in allen drei Wettbewerben an. Jamie Leweling geht trotz des 1:2 motiviert ins Jahresfinale: „Solche Rückschläge tun manchmal auch gut, weil man wieder auf den Boden kommt“, sagte der Nationalspieler: „Wir hatten etwas ähnliches zu Saisonbeginn mit dem 1:3 beim SC Freiburg. Da haben wir schlecht gespielt – haben aber die richtigen Lehren daraus gezogen.“

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