Stuttgart - Erfrischender Offensivfußball, junge Spieler mit aufsteigender Form und ein Cheftrainer, der an Format gewinnt. All dies spricht für den VfB Stuttgart. Aber das Team besitzt auch Schwächen. Zuletzt präsentierte sich die Abwehr wackelig – und es fehlte auf dem Platz ein Anführer, der die Mannschaft wach rüttelt, wenn es nicht läuft. Ein Überblick vor den schweren Spielen des VfB gegen Bayern München, Werder Bremen und Borussia Dortmund:
Die Stärken des VfB
Ansehlicher Offensiv-Fußball
Das Urteil ist nicht erst seit dem Sinsheimer Südwestkrimi vom Samstag, dem 3:3 bei der TSG Hoffenheim, ein eindeutiges: Der VfB besitzt nach Jahren der fußballerischen Monotonie wieder eine erfrischende Mannschaft, die ansehnlichen Fußball spielt. Ligaweit hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass die Stuttgarter „kein normaler Aufsteiger“ sind, wie zuletzt auch Schalke-Coach Manuel Baum bemerkte: „Die sind mutig, die sind im Flow und können auch zocken.“
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Tatsächlich ist auf dem Feld wieder Feuer und offensive Schlagkraft drin bei den Stuttgartern, die bereits 16 Tore erzielt haben. Nur die Bayern, Dortmund und Union Berlin waren treffsicherer. „Wir haben eine überragende erste Halbzeit als Aufsteiger gegen ein international spielendes Team gezeigt“, sagte Sportdirektor Sven Mislintat nach dem Hoffenheim-Spiel – und will die Relationen weiter gewahrt sehen: „Es gibt Vereine, denen macht die Corona-Krise mehr zu schaffen als anderen.“ Der VfB, das ist nach den Abstiegen 2016 und 2019 klar, gehört zur ersten Gruppe. Dennoch verfügt man über frisches Selbstvertrauen. „Dass wir nach dem ein oder anderen Unentschieden sogar unzufrieden waren“, sagt Mislintat, „zeigt, dass wir in der Liga mitspielen können.“
Hungrige Novizen
Die Schlagzeilen gehörten zuletzt dem argentinischen Nationalstürmer Nicolas Gonzalez – doch der VfB besitzt auch weitere spannende Typen, die in ihrer ersten Erstligasaison Lust auf Bundesliga-Fußball haben und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Dazu zählen Sprinter wie Silas Wamangituka, technische Edelfüße wie Mateo Klimowicz oder Tanguy Coulibaly, aber auch aufstrebende Defensivstrategen wie Wataru Endo oder Atakan Karazor.
Auffällig ist, dass bei den meisten der persönliche Karrieretrend klar nach oben zeigt. Aus dem im Sommer nur punktuell verstärkten Aufsteiger-Team, das in der zweiten Liga selten vollauf zu überzeugen wusste, ist ein Erstligist mit Zukunftspotenzial geworden. Die Prognose des Sportdirektors Sven Mislintat aus der Vorsaison, dass einige Spieler lediglich Zeit für ihre Entwicklung benötigen, hat sich also bisher bewahrheitet.
Mit Lilian Egloff, Darko Churlinov, Roberto Massimo oder Naouirou Ahamada hält der VfB dazu eine Riege an Jugendtalenten in der Hinterhand, die bisher noch keine Hauptrollen besetzt haben. Von den diversen Verletzungen – siehe Nicolas Gonzalez oder Konstantonis Mavropanos – hat sich der VfB zudem nicht aus dem Tritt bringen lassen.
Ein Cheftrainer im Aufwind
„Seine Ideen fließen immer stärker in unser Spiel ein. Das war in der Vorsaison noch nicht ganz so intensiv der Fall, weil wir den Druck hatten, aufsteigen zu müssen“, sagt der Verteidiger Marc Kempf, dem in Hoffenheim in der Nachspielzeit das umjubelte Tor zum 3:3 gelungen war. Tatsächlich hatte der Stuttgarter Cheftrainer Pellegrino Matarazzo die Abkehr vom Ballbesitzfußball der Marke Tim Walter in der Aufstiegssaison schrittweise eingeleitet. Inzwischen spielt der VfB allein seinen Fußball – und geht dabei keineswegs defensiv zu Werke.
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„Wir wollen immer aktiv sein, unsere eigenen Torchancen herausspielen“, sagt Matarazzo, dessen Team mit dominantem Offensivfußball wie in Halbzeit eins in Hoffenheim, aber auch mit schnellem Umschaltspiel zu gefallen wusste. Man darf also gespannt sein, wie sich der bislang kecke Aufsteiger am Samstag gegen den Champions-League-Sieger vom FC Bayern verhält.
Cheftrainer-Neuling Matarazzo selbst, das ist schon jetzt klar, ist persönlich im Profifußball angekommen. Das gilt für sein mediales Auftreten nach außen, aber auch für den Umgang mit den Spielern. Trotz der Fülle von 33 Profis hat der Chefcoach seinen Kader bisher gut im Griff.
Die Schwächen des VfB
Kaum Spiele gegen Topclubs
Ein Blick auf die Tabelle zeigt es ganz deutlich: Die Wochen der Wahrheit mit den Spielen gegen die Topclubs stehen dem jungen Stuttgarter Team erst noch ins Haus. Sie beginnen mit dem Heimspiel am Samstag gegen Bayern München, ehe danach die Auswärtspartien bei Werder Bremen und Borussia Dortmund anstehen. Bisher hat der VfB von den Mannschaften aus der oberen Hälfte des Bundesliga-Tableaus lediglich gegen Bayer Leverkusen (1:1) gespielt. In der unteren Hälfte fehlt dagegen lediglich die Partie gegen Mitaufsteiger Arminia Bielefeld. Klar ist also: die Stuttgarter müssen sich nun auch gegen spielstärkere Teams behaupten.
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Und so könnte es sich noch rächen, dass der VfB zuletzt einige Punkte hatte liegen lassen. Das war etwa in der Partie auf Schalke (1:1) so. Und auch am Samstag in Hoffenheim standen die Vorzeichen nach der rasanten ersten Hälfte samt 2:1-Pausenführung lange auf Sieg. Zwei Siege, eine Niederlage und fünf Unentschieden weist die Stuttgarter Zwischenbilanz aus. Seit sieben Partien hat der VfB nicht mehr verloren – doch diese Serie ist eine trügerische. Das weiß auch Sven Mislintat: „Verlieren wir gegen die Bayern, heißt es ganz schnell: Ihr habt seit fünf Spielen nicht mehr gewonnen.“
Die wackelige Abwehr
Pellegrino Matarazzo verweist zu Recht darauf, dass sein Team bis zum Hoffenheim-Spiel nur zwei der bis dahin neun Gegentore aus dem Spiel heraus kassiert hatte. Die Abwehrprobleme beim VfB sind also keine chronischen, dennoch liegt hinter den Stuttgartern ein Spiel mit einem ganz schwachen Defensivverhalten – und drei Gegentoren.
„Wir wissen, was wir an ihm haben. Sollte er am Samstag ein nicht ganz so gutes Spiel gemacht haben, ist es auch in Ordnung“, sagt Sven Mislintat etwa zur Leistung des rechten Defensivmannes Pascal Stenzel, der seine schwächste Saisonleistung zeigte. Etwa, als er beim zweiten Treffer der TSG zu früh aus der Dreierkette rausrückte. Die Gegentore eins und drei gingen derweil auf das Konto von Waldemar Anton, der vor dem 0:1 mit Hoffenheims Baumgartner einen unfreiwilligen Doppelpass spielte – und der vor dem Elfmeter von Kramaric zum 3:2 erst zu spät kam und dann foulte. „Beim Elfmeter sieht er extrem unglücklich aus“, sagt Mislintat, der seinen Abwehrchef („Er hat ein gutes Spiel gemacht“) aber sonst den Rücken stärkt. Dennoch dürfte Trainer Matarazzo überlegen, es entgegen seiner jüngsten Gewohnheit gegen die Bayern hinten mit einer Viererkette zu probieren.
Die vielen Schwächephasen
Schwächephasen während eines Spiels gehören zu einer Entwicklung eines jungen Teams dazu – auch diese alte Fußballweisheit belegte der VfB zuletzt sehr anschaulich. „Wir hatten zu viele Ballverluste, haben das Momentum des Spiels verloren. Und zwar, weil wir die entscheidenden Zweikämpfe nicht gewonnen haben“, analysierte Trainer Matarazzo das Hoffenheim-Spiel.
Also gab der VfB eine zuvor souverän geführte Partie aus der Hand – und durfte am Ende gar noch den einen Punkt durch Kempfs Last-Minute-Treffer ausgiebig bejubeln. Dabei war das eher triste Szenario von Hoffenheim nach der Pause nicht neu: Wenn beim VfB nichts zusammen läuft, dann aber auch richtig. In diesen Phasen fehlt der Mannschaft ein emotionaler Leader, der weder der Kapitän Gonzalo Castro noch der zweite Routinier Daniel Didavi aufgrund ihres Naturells sein können.
Drückt der Gegner, wird beim VfB zu wenig kommuniziert – und es wird körperlich ebenfalls nicht genug getan. Auch das taktische Foul gehört zum Repertoire eines gewieften Fußballprofis. „Dieses Thema hat bei uns sicherlich Relevanz“, sagt Sven Mislintat: „Wir müssen lernen, auch mit mehr gesunder Härte dagegen zu halten.“