Es ist ja nicht so, dass sich Sebastian Hoeneß regelmäßig kneifen muss, um auch sicherzustellen, dass das, was er in dieser Saison mit dem VfB Stuttgart erlebt, auch der Realität entspricht. Ein bisschen verwundert ist der Trainer der Weiß-Roten hin und wieder jedoch schon. „Bereits bei der 60-er-Marke habe ich gedacht: Das ist eine richtige Hausnummer“, erinnerte sich Hoeneß am späten Freitagabend – um dann fast kopfschüttelnd hinterherzuschieben: „Und jetzt haben wir 70.“
Die Punktausbeute ist das eine, was diese Spielzeit des VfB so besonders macht. Die weiteren Zahlen sind es zudem. Die Stuttgarter sind nicht nur eines der aufregendsten Teams der Bundesliga geworden – sondern auch Rekordjäger. In vielerlei Hinsicht.
Punkte Wie gesagt: Durch den 1:0-Sieg am Freitag beim FC Augsburg hat der VfB sein Konto auf 70 Punkte aufgestockt. „Das ist bislang nur einmal gelungen“, merkte Hoeneß an – und sah darin auch gleich die historische Bedeutung: „Das sagt schon alles.“ In der Meistersaison 2006/2007 holte der VfB unter dem Trainer Armin Veh eben jene 70 Punkte. In der aktuellen Spielzeit steht noch eine Partie aus, und der VfB kann schon mit einem Unentschieden am Samstag (15.30 Uhr) eine neue vereinsinterne Bestmarke aufstellen. Kleine Einschränkung: Umgerechnet auf die Drei-Punkte-Regel holte der VfB in der Meistersaison 1991/1992 auch schon 73 Zähler. Damals spielten aber 20 Mannschaften in der Bundesliga.
Siege Der Erfolg in Augsburg war der 22. Sieg in dieser Saison. In der ersten Liga war der VfB nie besser, die bisherige Rekordmarke stand bei 21 Erfolgen. Ebenfalls in der bis dato letzten Meistersaison war das gelungen, zudem in der Titel-Spielzeit 1991/1992 – bei, wie bereits erwähnt, vier Spielen mehr aufgrund der 20-er-Liga. In der zweiten Liga gelangen einem VfB-Team schon einmal 24 Siege – in der Aufstiegssaison 1976/1977.
Zwei Ausnahme-Torjäger
Auswärtssiege Es gab maue Jahre für die Auswärtsfahrer unter den Fans des VfB Stuttgart. 2000/2001 gelang kein einziger Erfolg in der Fremde, 1974/1975 auch nicht. Aber auch die jüngere Vergangenheit bietet nur eine magere Ausbeute. Zwei Auswärtssiege in der vergangenen Saison, je einen in den Spielzeiten 2021/2022 und 2018/2019. Fast unglaublich liest sich da die Zahl dieser Saison. Der Sieg in Augsburg war der zehnte auf fremden Platz. Die bisherige Bundesligabestmarke des VfB stand bei neun (2006/2007 und 2003/2004).
Steigerung 33 Punkte hatte der VfB in der vergangenen Saison geholt – und sich damit in die Relegationsspiele gegen den Hamburger SV gerettet. In dieser Saison sind es 37 mehr. Eine solche Steigerung ist noch keiner Mannschaft in der Bundesliga-Geschichte von der einen auf die nächste Spielzeit gelungen.
Torjäger-Duo Immer wieder hatte der VfB Stürmer, die gemeinsam als Torfabrik galten. Noch nie aber war eines dieser Paare so treffsicher wie in dieser Saison das Duo Serhou Guirassy/Deniz Undav. Bei zusammen 37 Treffern lag der bisherige VfB-Rekord in der ersten Liga, aufgestellt von Karl Allgöwer (21) und Jürgen Klinsmann (16) in der Saison 1985/1986. Einen Spieltag vor Saisonende stehen die aktuellen Stuttgarter Ballermänner schon bei 44. Und: Noch nie in einer Bundesligasaison zuvor gab es zwei Stürmer mit mehr als 17 Treffern.
Torjäger Garant für diese jetzt schon neue Bestmarke ist neben Deniz Undav (18 Tore) vor allem Serhou Guirassy. Der Nationalspieler Guineas erzielte in Augsburg seinen 26. Saisontreffer, schon seit seinem Tor Nummer 25 ist er neuer Rekordhalter des VfB innerhalb einer Spielzeit. Der 28-Jährige löste Mario Gomez ab, der in der Saison 2008/2009 24-mal getroffen hatte. Die beiden verbindet übrigens ein „Schicksal“. Trotz historischer Trefferquote reicht(e) es nicht zum Titel des Torschützenkönigs. 2009 waren die Wolfsburger Grafite (28) und Edin Dzeko (26) besser. In dieser Spielzeit thront Harry Kane (36) weit über dem Rest.
Mehr als vier Nationalspieler bei der EM?
Einige Rekorde wird der VfB Stuttgart in dieser Saison natürlich auch nicht brechen. Dennoch zeigt der Blick zurück, wie herausragend und auch selten eine solche Bilanz wie die aktuelle ist. Nur sechsmal hat der VfB in der Bundesliga bislang mehr als die jetzigen 74 Tore erzielt (der Rekord liegt bei 80 in der Saison 1982/1983). Abgesehen von den drei Bundesliga-Meisterschaften waren die Stuttgarter nur zweimal besser platziert als der dritte Platz, der Hoeneß’ Team bereits sicher ist (Vizemeister 2003 und 1979). Und Bundesliga-Dritter war der VfB auch erst dreimal (2009, 1983 und 1981).
Dazu kommt: Wenn am Donnerstag der Bundestrainer Julian Nagelsmann sein Aufgebot für die EM 2024 in Deutschland bekannt gibt, könnte der VfB mit einer deutschen Rekordbeteiligung aufwarten. Vier Turnierteilnehmer sind wahrscheinlich (wie bei den Europameisterschaften 1984 und 2004), fünf möglich. Bei Weltmeisterschaften waren bisher maximal drei deutsche VfB-Spieler dabei.
„Es ist bemerkenswert“, fasste Sebastian Hoeneß am Freitag all das zusammen, was dem VfB Stuttgart in den vergangenen Monaten gelungen ist. Am Samstag wollen Trainer und Team zum Saisonfinale noch für einen weiteren Höhepunkt sorgen. Schon jetzt darf der Trainer aber mit Recht behaupten: „Wir können richtig, richtig stolz sein auf das Erreichte.“