Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart Feierstunde statt Tribunal

Von Gregor Preiß 

Was hat der VfB Stuttgart nicht für turbulente Mitglieder-Versammlungen hinter sich. Diesmal war alles anders – und sogar der Chef-Kritiker findet lobende Worte für die Vereinsführung.

Präsident Wolfgang Dietrich vom VfB Stuttgart bekommt viel Applaus. Foto: Baumann 14 Bilder
Präsident Wolfgang Dietrich vom VfB Stuttgart bekommt viel Applaus. Foto: Baumann

Stuttgart - Mitgliederversammlungen beim VfB Stuttgart waren in der Vergangenheit selten ein großes Vergnügen. Die oberste Zusammenkunft geriet meist zum Tribunal für die handelnden Personen, die sich Jahr für Jahr rechtfertigen mussten, warum es mit dem VfB immer nur in eine Richtung ging: bergab.

Nun aber, im 125. Jahr seines Bestehens, ist der Club wieder auf dem Weg nach oben. Was die Veranstaltung am Sonntag in der Scharrena zu einer ziemlich angenehmen Pflichtaufgabe für die Clubbosse machte. Präsident Wolfgang Dietrich stellte gleich zu Beginn fest: „Ich halte heute die erste Rede, in der die Abwärtsspirale der letzten Jahre keine Rolle mehr spielt. Ab sofort geht der Blick nur nach vorn.“

Hier gibt es den Liveticker von der VfB-Mitgliederversammlung zum Nachlesen.

Womit ihm der erste Beifall der 1275 anwesenden Mitglieder sicher war. Und es sollte nicht der letzte bleiben. Aufstieg, Ausgliederung, siebter Platz – großer Applaus. Neuausrichtung im Nachwuchs mit Thomas Hitzlsperger, Neuzugänge, dazu Rekorde um Rekorde (Mitglieder, Dauerkarten) – noch mehr Applaus.

Dietrich hatte die Argumente auf seiner Seite. Und damit auch jene, die den Brustring im Herzen tragen. Zumindest die 1275, die am Sonntag in der Scharrena anwesend waren. 92,9 Prozent sprachen dem Vorstand bei der Entlastung ihr Vertrauen aus.

„Die Euphorie hielt sich ja anfangs in Grenzen“

Es scheint, als ob die VfB-Gemeinde ihren Frieden mit dem anfangs so umstrittenen Präsidenten gemacht hat. Die alljährliche Versammlung, deren Kosten sich auf 150 000 Euro belaufen, geriet zur großen Feierstunde in Weiß-Rot. Wozu auch die Nachricht beitrug, dass die Verträge mit den beiden Vorständen Stefan Heim (Finanzen) und Jochen Röttgermann (Marketing) vorzeitig bis ins Jahr 2023 verlängert wurden. Und dass künftig die Namen sämtlicher fast 64 000 Mitglieder auf dem Mannschaftsbus verewigt sein werden.

Da hatte Michael Reschke sein Bonbon noch gar nicht ausgepackt. Dahinter verbarg sich, wie erwartet, die Vertragsverlängerung mit dem Trainerteam um Tayfun Korkut bis 2020. Die Halle tobte. „Die Euphorie hielt sich ja anfangs in Grenzen“, blickte Reschke zurück. „Für uns waren die Professionalität, die Erfolgsbesessenheit und die Harmonie, welche die drei in den Club einbringen, entscheidend.“ Damit verhinderte Reschke, mit einem Trainer in die neue Spielzeit zu gehen, dessen Arbeitspapier zum Saisonende ausläuft. In Leipzig konnte man unlängst beobachten, wozu offene Vertragssituationen führen können. Andererseits erhöht sich die Abfindung im Fall einer Entlassung Korkuts. Woran am Sonntag freilich niemand denken wollte.

So viel Eintracht war selten. Wozu auch die nackten Zahlen beitrugen. Die wichtigste Botschaft: Der VfB ist wirtschaftlich gut durch die zweite Liga gekommen. Daran ändert auch der Verlust in Höhe von 13,9 Millionen Euro nichts. Finanzvorstand Stefan Heim bezeichnete das Ergebnis als Planverlust, der vor allem durch die Verkäufe von Spielern wie Timo Werner abgemildert werden konnte. „Wir haben Fett auf den Rippen“, veranschaulichte Heim, „davon konnten wir zehren.“

„Zwei Drittel unserer Transfers wären ohne Ausgliederung nicht möglich gewesen.“

Die Kunst sei es gewesen, die Mindereinnahmen im Unterhaus von rund 40 Prozent zu kompensieren, ohne „sich zu Tode zu sparen“. Das sei dem VfB gelungen. Weshalb er nach dem Aufstieg auch noch mal in die Vollen gehen konnte. 36 Millionen Euro betrug das Investitionsvolumen im vergangenen Jahr – ein ordentliches Sümmchen für einen Aufsteiger. Das natürlich eng an die Ausgliederung im Sommer 2017 geknüpft war. 41 Millionen Euro spülte bekanntlich der Einstieg von Investor Daimler in die Kasse. Heim machte die abstrakte Summe mit einem Vergleich anschaulich: „Zwei Drittel unserer Transfers wären ohne Ausgliederung nicht möglich gewesen.“

Im Laufe der Saison soll der nächste Investor präsentiert werden, der das Schwungrad des Erfolgs weiter antreiben soll. Genauso wie das Fernsehgeld als wichtigste Einnahmequelle. 27,1 Millionen Euro flossen in die Kassen des VfB, der im Jahr eins nach der Rückkehr in die Bundesliga im SC Freiburg und Hannover 96 gleich zwei Vereine überholen konnte. Von Platz 17 auf Platz 14 hat sich der VfB inzwischen verbessert, was aber auch eines verdeutlicht: Sportlich werden die Bäume nicht zwangsläufig in den Himmel wachsen.

„Flieg nicht zu hoch, kleiner Freund“

Angesichts der Fülle an Erfolgsmeldungen konnte am Ende selbst die offene Aussprache die Stimmung kaum mehr trüben. Zu diesem Zeitpunkt hatte bereits ein Drittel der Mitglieder die Halle verlassen. Und bekam deshalb nicht mit, wie selbst Edel-Kritiker Christian Prechtl, oft der Stachel im Fleisch der VfB-Familie, ein seltenes Lob für die Vereinsführung übrig hatte. „Sie haben zur richtigen Zeit die richtigen Entscheidungen getroffen.“ Zugleich erinnerte er daran, dass es im Sport auch wieder schnell in die andere Richtung gehen kann, und empfahl allen Beteiligten Demut: „Flieg nicht zu hoch, kleiner Freund.“