VfB Stuttgart Ein Jahr VfB

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Neue Denkrichtungen und ein flexibler Fußball – Trainer Hannes Wolf hat mit seiner offenen Art beim VfB Stuttgart schon einiges bewegt.

Hannes Wolf befindet sich in seiner zweiten Saison beim VfB, die erste verlief nach Einschätzung des Trainers „fantastisch“. Foto: Baumann
Hannes Wolf befindet sich in seiner zweiten Saison beim VfB, die erste verlief nach Einschätzung des Trainers „fantastisch“. Foto: Baumann

Stuttgart - Es war eine kurze Nacht. Mal wieder. Gar eine schlaflose hatte Hannes Wolf nach der Niederlage in Mönchengladbach angekündigt. Geärgert hatte sich der Trainer über das 0:2 – und tut es noch. Weil der VfB Stuttgart zum dritten Mal in dieser Bundesligasaison auswärts voller Hoffnung angereist war, anschließend ordentlich spielte, aber am Ende zum dritten Mal mit leeren Händen dastand.

Jenseits aller Emotionen hat sich Wolf dann jedoch an die Arbeit gemacht und die Begegnung im Borussia-Park analysiert. Vielleicht ist „seziert“ aber der bessere Begriff, da Wolf ja einer Trainergeneration entspringt, die das einst einfache Fußballspiel als komplexes Ganzes begreift. Ein-, zwei- oder auch dreimal schaut er sich eine Partie hinterher nochmals an, um die entscheidenden Szenen herauszufiltern und den Spielern am nächsten Morgen klar vor Augen zu führen, was gut und was schlecht gelaufen ist. Und um möglichst schnell die Lehren aus Zweiterem zu ziehen.

Wolfs persönliche Bilanz

Nachbereitung-Vorbereitung-Nachbereitung – das ist der Rhythmus in dem sich Wolf gerade in einer englischen Woche mit seinem Trainerteam bewegt. Jetzt sitzt der 36-jährige Fußballlehrer vor dem nächsten Spiel innerhalb von wenigen Tagen an diesem Samstag gegen den FC Augsburg da und zieht für sich Bilanz: „Es war ein fantastisches Jahr mit der Zweitligameisterschaft. Wir haben alles reingesteckt, aber auch sehr viel wieder zurückbekommen.“

Das ist ein typischer Wolf-Satz. Es geht um die Bereitschaft, alles für den Erfolg zu tun, und um die Energie, die sich aus einer solchen Leistungskultur ergibt. Mit einem 1:1 beim VfL Bochum hat es am 23. September 2016 für ihn auf der Trainerbank des VfB begonnen. Es war der siebte Spieltag in der zweiten Liga, und der junge Chefcoach sollte fortführen und vollenden, was der erfahrene Jos Luhukay zuvor aufgegeben hatte: die Aufstiegsmission. Man kann nun nicht behaupten, dass der VfB anschließend zurück in die Bundesliga gestürmt ist. Es ist auch nicht Wolfs Anspruch, den Fußball zu revolutionieren. Dennoch hat sich beim Anhang das Gefühl breit gemacht, dass vom 21. Mai 2017 aus, dem Tag des euphorisch gefeierten Aufstiegs, mit diesem Trainer etwas Größeres ausgehen könnte.

Obwohl zuvor viele Auftritte schwer erschienen und es im Frühjahr eine Phase gab, als die Stuttgarter fünf Spiele lang ohne Sieg blieben. In dieser Zeit der vier Unentschieden und einer Niederlage kehrten die Zweifel am Team zurück, und die Skepsis rund um den Trainer mit dem flexiblen Ansatz in Personal- und Taktikfragen wuchs wieder. Wolf spürte den Druck und rechnete innerlich damit, infrage gestellt zu werden. Doch die Vereinsspitze reagierte ganz anders. Der Präsident Wolfgang Dietrich lud Wolfs Familie zum nächsten Heimspiel in die Loge ein. Es war ein Zeichen der Wertschätzung und des Vertrauens, das der Trainer dankbar registrierte.

Noch vor dem Saisonstart wurde auch der Vertrag mit Wolf und seinem Assistenten Miguel Moreira vorzeitig bis 2019 verlängert. Denn an der Mercedesstraße ist jedem bewusst, dass ihnen der ehemalige Manager Jan Schindelmeiser ein Trainerjuwel verpflichtet hat, dessen Wirken nicht nur bei Wolfs ehemaligem Verein Borussia Dortmund sehr genau beobachtet wird.

Der frühere BVB-Jugendcoach gilt als Kandidat für den Sprung ins Establishment seiner Berufsgilde – nicht nur in seiner alten Heimat. Vor einer Woche ist auch versucht worden, Borussia Dortmund wieder zu Wolfs Sehnsuchtsclub aufzubauen: Julian Nagelsmanns öffentlich gemachten Traum vom FC Bayern und Hannes Wolfs Vision vom BVB – das war die gedachte Schlagzeile. Doch der VfB-Coach ist nicht darauf eingestiegen. Er hat nur erwähnt, dass er sich mal ein Sabbatjahr gönnen will. „Vielleicht mit 50 Jahren oder 67.“ Das wisse er nicht. Er wisse nur, dass er sich gut vorstellen kann, mal etwas anderes als Fußball zu praktizieren und zu denken.

Mit 23 Jahren fing Wolf als Trainer an

Seit er 23 Jahre alt ist, leitet Wolf Mannschaften an. Ihn als Trainerneuling zu bezeichnen, greift zu kurz. Er kennt nur die große Bühne nicht, aber professionelles Arbeiten kennt er gut. Wolf ist deshalb in erster Linie ein hochseriöser Fußballlehrer, der seinen Job mit einer Intensität und Leidenschaft betreibt, die er auch von seinen Spielern einfordert. Anspruchsvoll ist das und kann einen Trainer verschleißen. Einerseits. Andererseits ist Wolfs Art dermaßen von Respekt geprägt und positiv, dass sie mitreißt. Das erzählen alle, die mit ihm zu tun hatten. Vom Amateurclub ASC 09 Dortmund über die BVB-Nachwuchsabteilung bis hin zu den VfB-Mitarbeitern.

Wolf brennt für die Mannschaft. Aus diesem Grund sieht er sich auch erst am Anfang und nicht auf einer Zwischenstation beim VfB. „Vor einem Jahr wussten wir nicht, wohin die Reise geht. Aber jetzt befinden wir uns auf einem guten Weg“, sagt der Trainer, dem Herz und Seele bescheinigt werden. Doch Wolf verfügt auch über Kompetenz, Klarheit und Konsequenz: Er weiß genau, wohin er mit dem VfB will – und wie er dieses Ziel erreichen kann.