VfB Stuttgart Eine neue Dimension von Unmut

Von  

Die Spieler verunsichert, Trainer und Manager verwundert und das Publikum verärgert: beim VfB Stuttgart herrscht nach dem 0:1 gegen den Hamburger SV Krisenstimmung. Schon wieder.

Ziemlich betröppelt: der VfB-Verteidiger Arthur Boka nach dem Hamburger Führungstor. Foto: dpa 20 Bilder
Ziemlich betröppelt: der VfB-Verteidiger Arthur Boka nach dem Hamburger Führungstor. Foto: dpa

Stuttgart - Dieses Spiel hat einen letzten Kraftakt erfordert. Und so wagten sich die Fußballer des VfB Stuttgart noch einmal nach vorne. Vorsichtig zwar, aber geschlossen ging es in den Strafraum. Die Innenverteidiger Serdar Tasci und Georg Niedermeier in vorderster Reihe, auch der Torhüter Sven Ulreich war dabei und natürlich Christian Gentner. Sie traten mit dem Rest des VfB-Teams dem schrillen Pfeifkonzert entgegen und stemmten sich innerlich auch gegen den Chor der Beschimpfungen aus der Cannstatter Kurve. Alles, um keine Kluft zwischen der Mannschaft und den Anhängern entstehen zu lassen.

Doch die Stimmung der Kundschaft ist gekippt. Die Besucher im Stuttgarter Stadion haben in den vergangenen Wochen und Monaten ja auch einiges ertragen müssen. Viel durchschnittlichen Fußball beispielsweise – oder gar Schlechteres wie bei der 0:1-Niederlage gegen den Hamburger SV. „Wir wissen selber, dass es im Moment nicht gut aussieht, was wir spielen“, sagt Bruno Labbadia. Und der Trainer sagt auch, dass er Verständnis für die Enttäuschung der Fans aufbringe, „wenn die Ergebnisse nicht stimmen“.

Nur: in Stuttgart haben die Unmutsäußerungen eine neue Dimension erreicht – und das kann Labbadia keineswegs nachvollziehen. Denn das Publikum pickt sich einzelne Profis heraus, um seinem Ärger Luft zu verschaffen. Gegen Lazio Rom am vergangenen Donnerstag war es Tamás Hajnal, zuletzt gegen den HSV Cristian Molinaro. Der eine wurde vor und nach seiner Einwechslung ausgepfiffen. Der andere unmittelbar bevor er in die Partie kommen sollte – was dann aber gar nicht geschah.

Labbadia schützt seine Spieler

Jedenfalls sieht sich Labbadia gezwungen, seine Spieler durch Nichteinsetzen zu schützen, weil sie von den Zuschauern nicht mehr unterstützt werden. Im Fall von Molinaro hatte Martin Harnik eine Verletzung angezeigt. Doch dann biss sich der ­Österreicher durch, und der italienische Außenverteidiger durfte sich wieder setzen. Wobei die Frage bleibt, ob sich die Zuschauerwut tatsächlich gegen Molinaro persönlich gerichtet hat oder gegen die sich anbahnende Maßnahme des Trainers, einen Defensiv- für einen Offensivspieler bei Rückstand zu bringen.

„Wir können uns aber nicht nach den Launen der Zuschauer richten“, sagt Labbadia und musste doch miterleben, wie auch William Kvist, der erfahrene Meister des Querpasses, durch Pfiffe aus dem Tritt gebracht wurde. Insgesamt hat sich somit rund um die VfB-Elf eine Atmosphäre gebildet, die selbst dem hartgesottenen Fredi Bobic fremd ist. „Ich bin in Stuttgart einiges von den Rängen gewöhnt“, sagt der Manager, „aber so etwas wie jetzt habe ich in meiner langen Karriere noch nicht erlebt.“

Die Spieler verunsichert, Trainer und Manager verwundert und das Publikum verärgert: beim VfB herrscht Krisenstimmung. Schon wieder. Wobei es nur ein Teil des Gesamtproblems ist, dass der VfB-Fußball von Außenstehenden so empfunden wird, als pendle er zwischen Zufall und Zumutung. Allerdings wird der Ton nicht nur gegenüber den Spielern rauer, weil sich die Fans offenbar kaum noch vorstellen können, wann und wie es mit ihrem Team wieder besser werden soll. Vielmehr stellt sich auch die Frage nach dem großen Ganzen: Wohin soll es mit dem VfB gehen?

Eine Antwort darauf lässt sich nur schwer finden, und sie aus den Spielen der Stuttgarter ableiten zu wollen erscheint im Augenblick sogar unmöglich. Denn die sportliche Leitung betont stets, immer nur an die nächste Begegnung zu denken. Doch die Anhängerschaft will auch eine Perspektive eröffnet, eine Strategie vermittelt bekommen. Und wenn sich diese nicht aus den Spielen ergeben, dann soll zumindest der Vereinsvorstand dafür sorgen.

Präsident Mäuser gilt als Reizfigur

Mehr als trübe Aussichten offenbart der VfB aber auch nicht über die Bundesligatabelle hinaus. Weshalb immer häufiger und immer heftiger der Vorstand in der Kritik steht. Verkörpert durch Gerd Mäuser. An dem oft polternden Präsidenten wird festgemacht, dass die Vereinspolitik nicht stimmig erscheint. Er steht für ein strapaziertes Verhältnis zum Fanausschuss. Er gilt als Verantwortlicher einer Entwicklung, die in die Abwärtsspirale geführt hat.

So hat den VfB die Eigendynamik des Misserfolgs mal wieder voll erwischt. Denn nicht nur eine Reihe von Niederlagen lastet auf der Seele der Mannschaft, sondern eine ganze Reihe von Problemen belastet den ganzen Club. Und es bedurfte keines Lippenlesers, um zu erahnen, dass sich Mäuser und Labbadia gestern am Rande des Trainingsplatzes darüber ausgetauscht haben. Auch, um weitere Kraftakte zu stemmen.