VfB Stuttgart „Es ist das lehrreichste Jahr meiner Karriere“

Seit 2019 beim VfB – und in dieser Zeit zu einem Führungsspieler gereift: VfB-Kapitän Atakan Karazor. Foto: Pressefoto Baumann

Mit einem Sieg am Sonntag (19.30 Uhr) gegen den FC Augsburg wollen sich Atakan Karazor und der VfB vom Heimpublikum verabschieden. Dann geht es darum, im DFB-Pokalfinale eine ereignisreiche und schwierige Saison noch zu krönen.

Im letzten Saisonspiel in der MHP-Arena an diesem Sonntag gegen den FC Augsburg (19.30 Uhr) will der VfB seine schwarze Serie von sechs Heimniederlagen in Serie beenden. „Wir wollen zeigen, dass wir wieder eine Heimmacht werden können“, sagt Atakan Karazor. Dass hinter dem VfB eine Schwächephase inklusive einer Ergebniskrise liegt, ist auch dem Kapitän nicht entgangen. Doch Karazor sieht sein Team spätestens seit dem 1:0 auf St. Pauli gerüstet für den Saisonendspurt mit noch zwei Ligaspielen und dem DFB-Pokalfinale.

 

Herr Karazor, Hand aufs Herz – haben Sie sich bereits Gedanken darüber gemacht, wie es wäre, den DFB-Pokal als siegreicher Kapitän in den Himmel über Berlin zu stemmen?

Das muss ich ganz ehrlich mit ‚Ja‘ beantworten. Aber das ist nicht erst so, seit wir tatsächlich ins Finale eingezogen sind. Man stellt sich als Spieler schon mal vor, wie es wäre, mit dem Pokal in der Hand zu jubeln. Das ist auf jeden Fall ein sehr schöner Gedanke. Träumen ist ja auch mal erlaubt – doch man sollte schnell wieder in die Realität zurückfinden.

Mit einem Sieg im Olympiastadion, es wäre der erste seit 1997, kann das Team etwas für den Briefkopf des Vereins tun. Wie sehr ist das Pokalfinale in den Köpfen der Spieler präsent?

Wir bekommen die Euphorie im Umfeld natürlich mit – und auch den Umstand, dass viele unsere jüngste Ergebniskrise, die wir mit dem 1:0 auf St. Pauli beendet haben, mit dem Pokalfinale verknüpft haben. Wir als Mannschaft sehen das aber nicht so. Das Pokalfinale ist natürlich ein Höhepunkt, aber es war zuletzt wirklich selten ein Thema im Team. Wir bereiten uns nach wie vor seriös und konzentriert auf den jeweils nächsten Gegner vor. Das hat Priorität.

Dennoch gab es zuletzt eine erschreckende Diskrepanz zwischen den Resultaten in der Liga, wo man in der Rückrunden-Tabelle nur 14. ist, und dem großen Ziel am Horizont.

Wir haben uns natürlich riesig geärgert, wenn wir in der Bundesliga ein Spiel aus der Hand gegeben haben, indem wir uns etwa in der letzten Minute ein dummes Gegentor einfangen haben. Da war dann nicht der Gedanke: ‚Macht ja nichts, wir sind ja im Pokalfinale.‘ So ticken wir nicht. Wir wollen auch in der Bundesliga weiter so gut wie möglich abschneiden. Auch, weil wir wissen, dass es dabei für den Verein um viel Geld geht.

Dennoch schien es, als habe nach dem Aus in der Champions League irgendwer den Stecker gezogen. Ist die Krise überwunden?

Mit den Leistungen waren wir gar nicht so unzufrieden, wir haben oft gute Spiele gemacht – mit den Resultaten dagegen schon. Ich denke da zum Beispiel an das Spiel gegen Leverkusen, das wir fahrlässig aus der Hand gegeben haben. Das sickert dann auch in die Köpfe der Spieler ein – und der ein oder andere Schritt fühlt sich schwerer an. Da will ich mich selbst gar nicht ausnehmen. Auf St. Pauli haben wir jetzt aber gezeigt, dass wir dem Trend entgegensteuern können. Dass nicht nur die anderen, sondern auch wir gegen Spielende einen Lucky Punch setzen können. Das hat der Mannschaft sehr gut getan.

Gegen den FC Augsburg gilt es erneut dagegen zu halten. Schließlich existiert der Allzeit-Negativrekord von sechs Heimniederlagen in Serie weiterhin. Das hat es beim VfB noch nicht gegeben.

Das stimmt. Wenn Sie mich fragen, was aktuell in den Köpfen der Spieler steckt, dann antworte ich: Genau das beschäftigt uns als Mannschaft enorm. Wir wollen unsere Fans im eigenen Stadion wieder glücklich machen – und auch nach außen ausstrahlen, dass wir wieder eine Heimmacht werden können.

Wie schaffen Sie die Wende zum Guten?

Zwischen dem Ende der Champions-League-Ligaphase und dem Sieg auf St. Pauli hat sich viel im Bereich Persönlichkeitsentwicklung der Spieler getan. Vor allem auf dem Platz, aber auch außerhalb. Im Fußball wird vieles im Kopf entschieden – und da haben wir in diesem Negativstrudel einen Lernprozess durchlaufen. Die Tiefpunkte machen einen stärker, wenn man sie annimmt und richtig verarbeitet. Daher würde ich sagen: Wir sind jetzt gerade in einer stärkeren Phase der Saison als noch vor einigen Wochen.

Hat die Mannschaft denn inzwischen genügend Führungspersönlichkeiten? Mit Waldemar Anton, Serhou Guirassy und Hiroki Ito sind wichtige Spieler gegangen.

Nach Niederlagen, also Rückschlägen, zeigt sich der Charakter der Spieler. Da sind wir über die vergangenen Wochen sehr gewachsen. Wir hatten schon immer Persönlichkeiten im Team – aber es haben sich noch zusätzliche entwickelt. Dabei geht es auch um den Typ Mitspieler, an dem du dich hochziehen kannst. In der öffentlichen Darstellung kannst du so etwas faken, Stichwort Selbstdarsteller. Aber auf dem Platz geht das nicht. Da musst du authentisch sein.

Sie sind seit dieser Runde der Kapitän. Was macht diese Rolle aus?

Ich hatte viele große Kapitäne hier beim VfB wie Waldemar Anton, Wataru Endo oder Gonzalo Castro – und versuche, mir da von jedem etwas abzuschauen. Das Wichtigste ist, dass wir im Team alle offen miteinander reden können. Man kann als Kapitän mal ein väterlicher Ratgeber sein, will aber auch auf Fehler hinweisen. Das wird auch von den Mitspielern, gerade den jungen, angenommen.

Sie hatten aber selbst zuletzt Spiele, in denen es nicht rund lief.

Ich habe mich in einigen Partien vielleicht zu sehr auf alles andere auf dem Platz konzentriert anstatt auf mich selbst. Ich hatte das Gefühl, das ich vieles coachen muss. Wovon einiges bestimmt gar nicht notwendig war. Das kriege ich in den letzten Spielen wieder sehr viel besser hin. Wobei ich umgekehrt auch wieder mehr Unterstützung bekomme. Da sind wir dann bei den gereiften Persönlichkeiten im Team.

Wer ist eigentlich der Chef in der Zentrale des VfB-Spiels: Sie oder Angelo Stiller?

Da müssen wir nicht lange drumrum reden. Der Dreh- und Angelpunkt in unserem Spiel ist der Ange. Ich weiß schon, wen ich anspielen muss, damit unser Spiel in Fahrt kommt. Meine Stärken kommen in anderen Phasen zum Tragen. Ich gehe etwa häufiger dazwischen, wenn der Gegner stärker wird, hatte auf St. Pauli auch einige Ballgewinne im vorderen Drittel. So kann ich unser Spiel prägen.

Sie sind seit 2019 in Stuttgart, kamen von Zweitligist Holstein Kiel. Was bedeutet Ihnen der Verein?

Ich habe der VfB-Familie so viel zu verdanken, das bleibt für mein Leben. Daher versuche ich mit meinem ganzen Verhalten, den Verein so perfekt wie möglich zu repräsentieren. Einfach mit allem, was ich habe, will ich den Menschen im Verein sowie den Fans so viel wie möglich zurückgeben. Ich hoffe, die Leute sehen, was mir der VfB bedeutet.

Viel Arbeit für den Kopf

Vizemeisterschaft, Champions League, Pokalfinale, es ging zuletzt Schlag auf Schlag beim VfB. Mit Erfolgen, die zuvor nicht nicht da waren. Was macht das mit einem?

Es ist alles schon ein stückweit anspruchsvoll für den Kopf gewesen, die vielen Eindrücke und Herausforderungen, die man zuvor nicht kannte. Daher ist dieses Spieljahr bestimmt das lehrreichste in meiner bisherigen Karriere gewesen. Und es kommt mit dem Pokalfinale ja noch ein absolutes Highlight-Spiel auf uns zu.

In der Bundesliga, dem Kerngeschäft, sind Sie allerdings hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

Wenn ich kurz zurückblicke, dann sage ich dennoch gerade mit Blick auf die Mehrfachbelastungen, die es durch die Champions League gab: jedes Jahr gerne wieder. Es macht einfach einen Riesenspaß, mit diesen Jungs, dem Trainerteam und dem ganzen Staff Erfolge zu feiern. Wir möchten weiter machen in diesem Rhythmus und arbeiten hart daran, uns zu verbessern. Ich hoffe, die Leute bekommen das mit. Die Spiele auf internationaler Bühne geben dir ein derart schönes Gefühl. So etwas will man wieder haben.

Mit einem Sieg am 24. Mai über Arminia Bielefeld spielt der VfB nächste Saison in der Europa League. Was ist der Schlüssel zum Pokalerfolg?

Wir müssen dafür sorgen, dass wir als Mannschaft am Endspieltag auf den Punkt da sind. Wir gehen durchaus selbstbewusst in dieses Spiel. Wissen aber, dass Bielefeld gerade einen Lauf hat. Was die Arminia leisten kann, davon können ja Teams wie Leverkusen ein Lied singen. Wir werden Bielefeld bestimmt nicht kleinreden, müssen uns aber vor allem auf unsere Stärken konzentrieren. Dann werden wir ein sehr gutes Spiel machen.

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