VfB Stuttgart Festung, Fans und Defensive – der VfB ist zuhause wieder eine Macht
Der VfB Stuttgart ist zuhause nicht zu schlagen. Das war zuletzt lange nicht so, doch mittlerweile scheint die heimische Arena uneinnehmbar.
Der VfB Stuttgart ist zuhause nicht zu schlagen. Das war zuletzt lange nicht so, doch mittlerweile scheint die heimische Arena uneinnehmbar.
Wenn man die aktuelle Heimstärke des VfB Stuttgart tiefgehend analysiert, muss man einige Monate zurückgehen, um den Ursprung zu finden. Denn alles begann mit einer Niederlage. Wobei, genau genommen war es mehr als nur das. Es war eine Zurechtweisung, eine Ohrfeige, ein Klassenunterschied. Oder, um es im Fußballerjargon zu sagen: Der VfB wurde eingeschult. Und zwar von Paris Saint-Germain. Das 1:4 im Januar dieses Jahres hat tiefe Spuren hinterlassen. Bei den Franzosen, die daraus einen Lauf generierten, der sie bis zum Champions-League-Sieg trug. Vor allem aber bei den Stuttgartern. Die Mannschaft von Sebastian Hoeneß wurde von dieser Partie und ihrer eigenen Chancenlosigkeit bis ins Mark getroffen.
Heimspiel um Heimspiel ging in der Folge verloren. Gegen Mönchengladbach, Wolfsburg, Bayern, Leverkusen, Bremen, ja sogar Heidenheim. Sechs Niederlagen in Folge auf eigenem Platz in der Liga. Das hatte es in Stuttgart seit der Bundesliga-Gründung 1963 noch nie gegeben. Zur Geschichte gehört zwar auch, dass in diese Phase zwei Heimsiege im DFB-Pokal fielen, doch die Pleitenserie in der Liga beschäftigte den VfB wochenlang, lähmte die Mannschaft geradezu. Erst der 11. Mai brachte die Erlösung. Mit 4:0 schoss man den FC Augsburg aus der MHP-Arena. Seitdem hat der VfB zuhause in Pflichtspielen keinen Punkt mehr abgegeben – klammert man den Supercup einmal aus (1:2 gegen Bayern München). Sechs Heimsiege und eine Torbilanz von 13:2 stehen nach dem Erfolg gegen Feyenoord Rotterdam zu Buche.
Sicher, man hat nicht in allen Spielen unbedingt die Sterne vom Himmel gespielt. Aber dafür eine Stärke entwickelt, auf die man sich aktuell felsenfest verlassen kann: Die Abwehr steht. Das Gegentor von Borja Iglesias für Celta Vigo war das bisher einzige der Saison auf eigenem Platz, das man aus dem Spiel heraus hinnehmen musste. Dazu kam noch ein Elfmeter von Nadiem Amiri für Mainz. Insgesamt musste man – alle Ligaspiele zusammengenommen – nur zehn Gegentore hinnehmen. Das bedeutet, die Schwaben stellen aktuell die drittbeste Abwehrreihe der Liga.
Nicht unwichtig: Der VfB hat seine unter Hoeneß immer wieder aufscheinende Schwäche bei Standards abgestellt, bekommt aus diesen Situationen keine Gegentore mehr. Das alles ist in Summe insbesondere deswegen bemerkenswert, da die Weiß-Roten quasi in jedem Spiel mit einer veränderten Defensivformation auflaufen. Gegen Feyenoord gab es sowohl personelle Veränderungen als auch einen Wechsel von Dreierkette auf Viererkette, da Hoeneß sich durch den kurzfristigen Jaquez-Ausfall zu größeren Korrekturen gezwungen sah. Der starken Defensivleistung tat dies keinen Abbruch, was ganz nebenbei auch für die Kadertiefe spricht.
Vor allem aber lässt sich die Heimstärke an den Anhängern der Schwaben festmachen. „Ich glaube, die Heimstärke ist auch ganz eng verbunden mit dem, was hier im Stadion passiert und deswegen auch ganz eng verbunden mit unseren Fans“, sagt Hoeneß. „Jedes Heimspiel ist mit 60 000 Zuschauern ausverkauft. Die Jungs fühlen sich gut, wenn sie hier auflaufen. Es macht über weite Strecken nicht viel Spaß, hier gegen uns zu spielen“, wird der Trainer deutlich. Heißt übersetzt: Die VfB-Arena ist wieder eine Festung.
Auch seine Spieler betonen bei jeder Gelegenheit, wie wichtig dieses Faustpfand für sie ist. „Die Anhänger waren über 90 Minuten da – und haben uns entscheidend nach vorne gepusht“, fand Deniz Undav, um es dann in seiner ganz eigenen Art auf den Punkt zu bringen: „Unsere Fans sind einfach brutal!“ Mit solchen Anhängern im Rücken lassen sich die Siege dann auch einmal ein Stück weit „dreckig einfahren“ (Undav), zumal sich die Stuttgarter offenbar ein Beispiel an der Atmosphäre in Istanbul genommen haben.
Dort kamen die gellenden Pfiffe bei gegnerischem Ballbesitz oder ruhenden Bällen zwar vornehmlich aus der Konserve, waren aber dennoch ein Faktor. Gegen Feyenoord pfiffen sich die Stuttgarter Fans die Seele aus dem Leib, sobald die Niederländer aussichtsreiche Standardsituationen hatten – so etwa beim Freistoß von Anis Hadji Moussas kurz vor dem Halbzeitpfiff, der womöglich auch deswegen wirkungslos verpuffte.
An diesem Sonntag könnte sich nun ein Kreis schließen. Wieder macht der FC Augsburg seine Aufwartung in der Liga, die Fuggerstädter sind sportlich schwer angeschlagen, woraus der VfB Profit schlagen möchte. „Wir müssen uns diese Heimstärke bewahren und wollen auch gegen Augsburg dreifach punkten“, gibt Undav die Marschroute vor. Zumal er natürlich mitbekommen hat, was der Spielplan für den VfB Stuttgart nach der Länderspielphase bereithält. Dortmund, Deventer, Hamburg und Bochum (Pokal) lauten die auf Augsburg folgenden Gegner – allesamt Auswärtsspiele.
Danach kommt der übermächtige FC Bayern nach Stuttgart. Da tut jeder Punkt gut, den man bereits auf dem Konto hat, zumal es sich der VfB in der Spitzengruppe der Bundesliga gemütlich gemacht hat – und da auch gerne verweilen möchte.