VfB Stuttgart Frauensache Kreuzbandriss – was unternimmt der VfB?

VfB-Akteurin Gillian Castor (re.) erwischte es vergangene Woche im Test gegen Heidenheim schwer: Kreuzbandriss. Foto:  

Schwere Knieverletzungen treten im Frauenfußball deutlich häufiger auf als bei den Männern. Warum ist das so – und wie tritt der VfB Stuttgart dem Problem entgegen?

Sport: Gregor Preiß (gp)

Es ist noch immer die Alptraumdiagnose eines jeden Fußballers und einer jeden Fußballerin: Kreuzbandriss. Beträgt die Ausfallzeit doch Minimum ein halbes Jahr. Diesbezüglich war die Spielzeit 2022/23 für die Frauenmannschaft des VfB Stuttgart eine echte Seuchensaison. Im ersten Jahr ihres Spielbetriebs nach der Kooperation mit dem VfB Obertürkheim riss die Serie an schweren Knieverletzungen nicht ab. Allein fünf Kreuzbandrisse hatte das Team von Trainer Heiko Gerber zu beklagen, in einem weiteren Fall war es ein Riss des Meniskus’, der Gerber zur Verzweiflung brachte: „Es ist unfassbar, wirklich frustrierend.“

 

Vielleicht wurde es damals auch deshalb nichts mit dem erhofften Aufstieg. Doch das ist zum Glück Geschichte. Am 24. August starten die VfB-Frauen in ihre erste Zweitligasaison. Und von schweren Blessuren sind Kapitänin Jana Beuschlein und ihre Kolleginnen seither weitgehend verschont geblieben.

Bis das Verletzungspech jetzt wieder einmal zuschlug: Im Testspiel gegen den 1. FC Heidenheim vor einer Woche erwischte es Außenbahnspielerin Gillian Castor. Die traurige Diagnose: Kreuzbandriss. Mal wieder. „Die Nachricht hat uns sehr getroffen“, sagte Sportdirektor Sascha Glass. Der jedoch darauf hofft, „dass sie dieser Rückschlag nicht aufhalten wird.“

Verletzte sich bei der EM schwer am Knie: Nationalspielerin Giulia Gwinn Foto: imago/Ulmer

An Erfahrung im Ärzte- und Rehateam des VfB Stuttgart im Umgang mit schweren Knieverletzungen mangelt es schließlich nicht. Denn Verletzungen an Kreuz-, Innen- oder Außenband sowie am Meniskus sind im Frauenfußball generell keine Seltenheit. Anders als bei den Männern treten sie sogar zwei- bis sechsmal so häufig auf. Dazu gibt es mehrere wissenschaftliche Studien, unter anderem von der Universität Leeds in England.

Die Gründe sind vielfältig

Die Gründe sind vielfältig. Sie liegen einmal im anatomischen Bereich. Die Kurzversion: (Viele) Frauen haben ein breiteres Becken als Männer, was zu einer häufigeren X-Bein-Stellung führt. Diese wiederum erhöht die Gefahr, das Knie zu verdrehen – speziell bei fußballspezifischen Bewegungen wie Springen und Landen. Auch die generell geringere Muskelmasse gegenüber Männern spielt eine Rolle. Die Muskulatur fehlt beim Verdrehen des Knies als natürlicher Schutzmechanismus.

Neben dem Körperbau, auch darin herrscht in der Sportwissenschaft inzwischen Einigkeit, existiert ein weiterer Grund für die Tatsache, dass Kreuzbandrisse im Fußball vor allem Frauensache sind: Es ist der weibliche Zyklus. Eine weit verbreitete Theorie besagt, dass der in der Zyklusmitte erhöhte Östrogenspiegel bei Frauen zu einer Lockerung von Bändern und Sehnen führen kann – und damit zu vermehrten Verletzungen an neuralgischen Gelenken wie dem Knie. Im Detail ist das Thema weit komplexer, weshalb der Weltverband Fifa im Juni eine Studie gestartet hat, die den genauen Zusammenhang der weiblichen Menstruation mit Knieverletzungen erforscht.

Das unternimmt der VfB Stuttgart konkret

„Es ist schwierig, meine Verletzungen nur darauf zurückzuführen, aber ich glaube schon, dass es bei mir mit reingespielt hat. Ganz weißt du es nie“, sagte Deutschlands prominenteste Fußballerin Giulia Gwinn der „Welt am Sonntag“. Die Nationalmannschaftskapitänin ist geplagt von Kreuzbandrissen. Bei der kürzlich zu Ende gegangenen EM in der Schweiz zog sie sich gleich im ersten Spiel eine Verletzung am Innenband zu.

Weitere schwerwiegende Verletzungen wiederum – und nun zu den positiven Nachrichten – blieben während der EM die Ausnahme. Und auch das ist gewiss kein Zufall. Denn immer mehr Mannschaften reagieren präventiv auf die Verletzungsanfälligkeit der Frauen im Kniebereich. Angefangen bei Vorreiter FC Chelsea, der schon vor fünf Jahren damit begann, sein Training auf den Menstruationszyklus seiner Spielerinnen abzustimmen über die Nationalteams bis hin zum VfB Stuttgart.

Auch dort hat man die Problemzonen der Kickerinnen genau im Blick. Kraft-, Koordinations- und Stabilisationstraining, mit spezifischen, auf Prävention ausgerichteten Anteilen, wurde bereits in die tägliche Trainingsplanung mit aufgenommen. Die Inhalte würden Jahr für Jahr den Ansprüchen der Spielerinnen und der Ligazugehörigkeit angepasst, heißt es. „Wir legen großen Wert auf eine ausbalancierte Trainingsgestaltung. Dies hat präventive Hintergründe und ist zugleich wichtig im Trainingsaufbau“, sagt Chefcoach Gerber. Beim VfB will man Verletzungsprävention künftig „weiter vertiefen und sportwissenschaftlich auswerten“.

VfB-Frauencoach Heiko Gerber Foto: Baumann

Klingt gut – bringt aber eben auch keine Garantie auf eine verletzungsarme Saison. Siehe Gillian Castor. Immerhin: Ab der kommenden Spielzeit profitiert auch der künftige Zweitligist von einer neu gestarteten Initiative seitens des Deutschen Fußball Bundes. Der DFB will für alle Erst- und Zweitligisten im Männer- und Frauenbereich ein zentrales Verletzungsregister anlegen. Gender Health Gap, so der Name des Projekts, soll helfen, aus der Vergleichbarkeit der Daten weitere medizinische Rückschlüsse zu erheben.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu VfB Stuttgart Frauen Verletzungen