VfB Stuttgart gegen Borussia Dortmund Warum es einen Hoeneß-Effekt gibt

Geballte Freude: Der Trainer Sebastian Hoeneß jubelt über den unglaublichen Punktgewinn des VfB Stuttgart. Foto: Baumann/Julia Rahn

Der VfB Stuttgart zeigt beim 3:3 gegen den Titelanwärter einen irren Kampf – was viel mit dem neuen Trainer zu tun hat und den Glauben an die eigene Stärke zurückbringt.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Auf einmal lag der Ball frei vor seinem linken Fuß. Für den Bruchteil einer Sekunde nur, nachdem der junge Soumaila Coulibaly das Spielgerät im eigenen Strafraum verfehlt hatte. Ein Anfängerfehler bei Borussia Dortmund – und ein Glücksmoment für den VfB Stuttgart, den Silas Katompa entschlossen nutzte. Schuss, Tor, 3:3! Das Stadion glich einem Tollhaus. Die Spieler rannten außer sich vor Freude in die Fankurve, und die Anhänger auf den Rängen feierten ein Unentschieden in letzter Sekunde, das sich anfühlte wie ein großartiger Sieg.

 

Nüchtern betrachtet, bringt der leidenschaftlich erspielte Ausgleich gegen die Dortmunder in der Tabelle jedoch nicht mehr als einen Punkt. Damit verharren die Stuttgarter auf dem Relegationsrang der Bundesliga. Moralisch darf sich der VfB nach dem Fußballwahnsinn von Bad Cannstatt jedoch wie der Gewinner des Spieltags vorkommen. Gleich zweimal hatte die Mannschaft von Trainer Sebastian Hoeneß Unglaubliches geschafft: In Unterzahl holte sie zunächst ein 0:2 gegen den Tabellenzweiten auf, und sie kam auch nach dem erneuten Rückstand in der Nachspielzeit zurück.

Historische Dimension

Spielminute 90. +7 steht nun für den Augenblick in den Statistiken, der die Stuttgarter aus einem tiefen Loch der Enttäuschung zu einem ungeahnten Hochgefühl katapultiert hat. Ein emotionales Erlebnis für den Verein für Bewegungsspiele von 1893, der im Falle des Klassenverbleibs sicher als der Augenblick gesehen wird, der den Glauben an die eigene Stärke endgültig zurückbrachte.

Historisch sind die Ereignisse schon jetzt. Erst zum zweiten Mal schossen die Spieler im Trikot mit dem Brustring drei Tore mit einem Mann weniger auf dem Platz, nachdem Konstantinos Mavropanos die Gelb-Rote Karten erhalten hatte (39.). Zuvor gelang dies nur im September 1980, irrwitzigerweise bei einem 3:3 gegen den BVB.

„Ich bin stolz, wie wir mit der schwierigen Situation umgegangen sind“, sagt Hoeneß. Wohl wissend, dass das Happy End dieser Partie für die kommenden Aufgaben helfen kann. Denn nach dem gelungenen Pflichtspielstart in Pokal und Liga mit dem 40-Jährigen verbindet Trainer und Team nun ein Resultat, das über den Spieltag hinausreicht.

Es geht um die Überzeugungskraft des neuen Manns in der Coachingzone. Schwer zu greifen, aber einfach zu benennen. Nach der Trennung von Bruno Labbadia darf man dies wohl als Hoeneß-Effekt bezeichnen. Die taktischen Umstellungen wirken, die Personalentscheidungen stellen sich als Glücksgriffe heraus – und das Momentum ist wieder aufseiten der Weiß-Roten.

Elemente, die sich die Verantwortlichen von einem Trainerwechsel in der Not erhoffen. Garantiert sind sie nicht. Hoeneß hat bei seinem Kaltstart jedoch schnell einen Draht zu den Profis gefunden, die ihm nun folgen. „Wir wollten nicht den Kopf verlieren“, sagt der Trainer über seine Halbzeitansprache. Nur kein drittes Gegentor kassieren und auf die Chance gegen den Titelanwärter lauern.

Auf zum nächsten Kampf

Tanguy Coulibaly (78.) und Josha Vagnoman (84.) glichen schließlich das erste Mal aus, nachdem die Gäste aus Westfalen nach den Toren von Sébastien Haller (26.) und Donyell Malen (33.) wie der sichere Sieger aussahen. Das Problem der Schwarz-Gelben: Sie traten in Überzahl überheblich auf, als könne ihnen nichts mehr passieren. Selbst der vermeintliche Anschlusstreffer durch den VfB-Stürmer Serhou Guirassy (52.) erhöhte nicht wieder die Aufmerksamkeit. Nach langer Überprüfung durch den Videoassistenten Tobias Welz nahm der Schiedsrichter Harm Osmers das Tor wegen Abseitsstellung zurück.

Auf Bildern eine Millimeterentscheidung, die das VfB-Team nicht brach. Auch durch den Rückschlag von Giovanni Reyna (90.+2) ließ es sich nicht unterkriegen. Die Stuttgarter bewiesen vielmehr Stehaufqualitäten. Im wahrsten Sinne des Wortes. „Steh noch einmal auf Ata, wir werden noch eine Chance bekommen“, flüsterte der Torhüter Fabian Bredlow dem am Boden knienden Mittelfeldspieler Atakan Karazor zu.

Aufbauarbeit im Kampf gegen den Abstieg, der sich zum Epos ausweiten könnte. Wie ein schwer gezeichneter Boxer, der nach fast aussichtslosem Fight auf den Lucky Punch vertraut, schlug der VfB zurück. Doch nur einen Abend gönnte Hoeneß zum Genießen. „Schon am nächsten Tag möchte ich die Gier auf Erfolge in den Augen der Spieler sehen“, sagt er. Die gezeigte Courage aufrechtzuerhalten, sieht er als seine Hauptaufgabe an. Denn bereits am Freitag steht der nächste große Kampf an – beim FC Augsburg.

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