VfB Stuttgart gegen den 1. FC Köln Der neue VfB-Anspruch – und wie er Wirklichkeit werden kann

Angelo Stiller (vorne) und der VfB Stuttgart sind gegen den 1. FC Köln ein wenig aus dem Tritt geraten. Foto: Baumann/Volker Müller

Der VfB Stuttgart sieht sich längst bereit für hohe Ziele. Ein 1:1 im Heimspiel gegen den 1. FC Köln wird da schnell als Rückschlag gewertet. Was das für die restlichen elf Spiele dieser Saison bedeutet.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Das Problem liegt ja im Grunde schon in der Bezeichnung des Ergebnisses: Unentschieden – wie soll man dazu also eine klare Meinung haben? Fragte sich am frühen Samstagabend wohl auch Sebastian Hoeneß.

 

Der Trainer des VfB Stuttgart hatte mit seinem Team gerade 1:1 gegen den 1. FC Köln (Liveticker und Statistiken) gespielt. „Enttäuscht über das Ergebnis“ seien er und die Mannschaft, meinte er dann. Um nach neuerlicher Nachfrage zu betonen: „Maßlos enttäuscht“ sei er nun aber auch nicht. Und: „Wer weiß, was der Punkt noch wert sein wird.“ Ja, der Blick in die Glaskugel ist kein einfacher. Klar aber ist, was längst zum Anspruch des VfB Stuttgart an den restlichen Verlauf dieser Saison in der Fußball-Bundesliga geworden ist.

Überraschende 47 Punkte hat der letztjährige Relegationsteilnehmer in dieser Spielzeit schon gesammelt. Hoeneß meint, das sei „aller Ehren wert“. Und er würde sich gemeinsam mit seinem kickenden Personal aber wohl ordentlich grämen, wenn plötzlich die Siege ausblieben und der VfB am Ende der Runde eben nicht für die Königsklasse oder zumindest die Europa League qualifiziert wäre.

Also sagte Sebastian Hoeneß einerseits: „Man muss einen Punkt auch mal akzeptieren.“ Und der Sportdirektor Fabian Wohlgemuth betonte: „Es sind definitiv keine zwei verlorenen Punkte.“ Der Chefcoach Hoeneß beklagte aber auch: „Wir haben keine Topleistung gebracht.“ Und hatte die hadernden Stimmen seiner Spieler sehr wohl vernommen: „Dass die Mannschaft enttäuscht daherkommt, spricht für die Ansprüche, die wir entwickelt haben.“

Angelo Stiller spricht von Arroganz

Tatsächlich hat der VfB der Saison 2023/2024 sich und seine Anhängerschaft regelmäßig verwöhnt. 15 Siege, 52 erzielte Tore, nur sechs Niederlagen, Platz drei – und zuletzt vier Erfolge in Serie, von denen jener in Darmstadt sogar trotz einer 45-minütigen Unterzahl zustande kam. Vom Stile einer Spitzenmannschaft war danach die Rede.

Auch gegen den 1. FC Köln trat der VfB lange Zeit wie eine solche auf – zumindest, wenn man sich die Chancenlosigkeit der Gäste anschaut, die teils vorherrschte. Die Stuttgarter ließen die Kölner nur hinterherlaufen, dominierten das Geschehen, erzielten ein wunderschön herausgespieltes Tor zum 1:0 (Enzo Millot in der 53. Minute), hatten am Ende fast 70 Prozent Ballbesitz. Und doch vermittelten sie auch früh den Eindruck, dass da an diesem Nachmittag das gewisse Etwas fehlte.

„Klarheit, Schärfe, Gier“ – in diesem Dreiklang wähnte Sebastian Hoeneß sein Team am Samstag nicht am Anschlag. Die Spieler selbst fanden teils sogar noch drastischere Worte. Angelos Stiller etwa, der Mittelfeldmann, meinte, man habe nach der Führung „arrogant“ gespielt, auch „zu schläfrig, zu langsam“. Der VfB-Kapitän Waldemar Anton hätte den Gegner gerne sportlich „gekillt“ und bilanzierte: „Wenn du international spielen willst, dann musst du solche Spiele auf deine Seite ziehen.“ So aber gelang den Kölnern in der 62. Minute nach einem eigentlich schon geklärten Eckball der Ausgleich durch Eric Martel – und kurz vor Schluss beinahe noch der Siegtreffer.

Der Gäste-Coach Timo Schultz wollte diesen Punktgewinn beim VfB „gerne mitnehmen“. In Stuttgart dagegen fühlte sich das Remis eher wie ein Malus an. Denn nicht nur innerhalb der Mannschaft ist die Lust am neuen VfB stetig gestiegen. Und ebenso die Erwartungen.

Am Samstag geht es zum VfL Wolfsburg

Zwar ist das Brummeln bei einem 1:1 gegen die abstiegsgefährdeten Kölner noch sehr leise zu vernehmen gewesen am Samstagnachmittag. Doch merkt man im Rund der MHP-Arena doch auch, dass die Erinnerungen an die zurückliegenden Jahre des sportlichen und wirtschaftlichen Existenzkampfes mit jedem Sieg in dieser Saison ein wenig mehr verblasst sind. Wie also ist diese interne und externe Erwartungshaltung nun zu managen in den verbleibenden elf Saisonspielen?

Dass die Spieler selbst unzufrieden sind und einen Punkt gegen die Kölner nicht wohlwollend abnicken, ist einerseits ein gutes Zeichen – dafür, dass der Wille vorhanden ist, die diesmal fehlenden Prozentpunkte schon am kommenden Samstag (18.30 Uhr) beim VfL Wolfsburg wieder aufzuladen. Andererseits darf solch ein Spiel etwas unterhalb der Leistungsgrenze auch nicht zu zu viel Frust führen. Das richtige Maß ist hier entscheidend. Schließlich steht eine Saisonphase an, die oft mit der bis dahin gespielten Runde nicht vergleichbar ist.

Es gibt kleinere und größere Verletzungen (wie aktuell beim VfB mit Dan-Axel Zagadou, Alexander Nübel und Deniz Undav), es fehlen Spieler gesperrt (wie jüngst Pascal Stenzel), die Gegner verändern oft ihren Stil, weil plötzlich allein das nackte Ergebnis zählt. Und irgendwann geht es auch mehr und mehr um persönliche Zukunftsplanungen und -aussichten einzelner Spieler. Dem VfB und seinem Trainer ist zuzutrauen, all diese Umstände beiseite zu schieben und am Ende tatsächlich die Saison zu vergolden.

Und damit den eigenen (neuen) Ansprüchen gerecht zu werden.

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