Der VfB holte im Sommer 2024 Jeff Chabot vom 1. FC Köln, der 1. FC Union Berlin lockte ein Jahr zuvor Leonardo Bonucci von Juventus Turin. Foto: Pressefoto Baumann/Hansjürgen Britsch, afp
Der 1. FC Union Berlin stürmte 2023 in die Champions League – und stürzte in der Liga ab. Der VfB Stuttgart erreichte 2024 die Königsklasse. Warum es dem Club besser ergeht als den Berlinern vor einem Jahr.
Wenn der VfB Stuttgart und der 1. FC Union Berlin an diesem Freitagabend (20.30 Uhr/Liveticker) den 13. Spieltag dieser Saison in der Fußball-Bundesliga eröffnen, ist das ein tabellarisches Nachbarschaftsduell. Der VfB ist mit 17 Punkten Neunter, die Berliner haben lediglich einen Punkt weniger und liegen auf Rang elf. Ein trautes Bild – das es in der vergangenen Saison so nicht gab. Im Dezember 2023 wäre ein Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften ein Duell der Gegensätze gewesen.
Die Stuttgarter Himmelsstürmer befanden sich nach zwölf Spieltagen längst im Flow, waren Dritter, hatten schon 27 Punkte gesammelt und die zweite Runde im Pokal überstanden (durch einen Sieg gegen Union Berlin). Der Hauptstadtclub dagegen war zwar Zweiter nach zwei Spieltagen, taumelte in der Folge aber durch die erste Saisonhälfte, lag mit sieben Zählern auf Rang 17, hatte in der Königsklasse auch nur zwei Punkte geholt und Urs Fischer, den langjährigen Erfolgstrainer, bereits freigestellt. Die Meinung war einhellig. Der Club war in die Champions-League-Falle getappt. Und ein Jahr später gab es Experten, die genau das auch dem VfB Stuttgart prophezeiten.
Der Vergleich der Überraschungsteams der vergangenen zwei Spielzeiten in der Bundesliga war ein großes Thema im Sommer 2024. „Ich kann keine Vergleiche anstellen“, sagt der VfB-Trainer Sebastian Hoeneß nun zwar. Aber: Jetzt treffen die beiden Clubs aufeinander – und es stellt sich nach rund einem Drittel der Saison die Frage: Gibt es diese Parallelen wirklich?
Die Herangehensweise Womöglich war das bereits der Knackpunkt für die schwierige Saison des 1. FC Union Berlin. Der Club spielte plötzlich Champions League (wie der VfB mit einem Auftakt gegen Real Madrid) – und unternahm den Versuch, sich besonders namhaft zu verstärken, während aber nahezu alle Stammspieler blieben. Es kamen Robin Gosens von Inter Mailand, Kevin Volland aus Monaco und Leonardo Bonucci von Juventus Turin. Besonders der italienische Europameister von 2021 stand sinnbildlich für eine verfehlte Einkaufspolitik, die das gewachsene Mannschaftsgefüge durcheinanderbrachte – und die noch während der Saison angepasst werden musste. Bonucci, damals bereits 36 Jahre alt, verließ Berlin im Winter wieder.
Der VfB-Trainer Sebastian Hoeneß hält an seinem Spielstil der vergangenen Saison fest. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn
Der VfB gab im Sommer 2024 mehr Geld aus als die Berliner im Jahr davor, investierte aber einerseits in bereits bewährte Kräfte, die bis dahin ausgeliehen gewesen waren (Undav, Leweling, Rouault, Stergiou) und ersetzte andererseits prominente Abgänge. Dazu wurde der Kader mit jungen Spielern verbreitert. Das Risiko, dass sich die Rollen komplett verschieben, war damit kaum vorhanden.
Die Bilanz Die Mehrfachbelastung war für den 1. FC Union Berlin damals nicht neu, das Team spielte zuvor schon in der Conference und in der Europa League. „Aber die Champions League ist dann doch noch einmal etwas anderes“, sagt Hoeneß nun mit seinen eigenen Erfahrungen der vergangenen Wochen. Er hatte mit der TSG Hoffenheim schon in der Europa League gespielt. Für ihn als Coach und fast alle aktuellen VfB-Spieler war die Königsklasse ebenso Neuland wie einst für die meisten Berliner.
Derzeit ist die körperliche und mentale Ermüdung kaum zu übersehen. Dennoch steht der VfB deutlich besser da als die Köpenicker vor einem Jahr. Vor allem, weil die personellen Wechsel zu keiner Änderung der Spielweise geführt haben. Der spielerische Ansatz von Hoeneß hat Bestand, mit den 17 Punkten in der Liga und den vier Zählern in der Champions League ist der Coach dennoch nicht ganz zufrieden. Im Pokal steht der VfB aber erneut im Viertelfinale.
Union Berlin stand unter Urs Fischer lange auch für einen bestimmten Stil, der auf einer kompakten Defensive und schnellen Umschaltmomenten basierte. In der vergangenen Saison funktionierte dies aber plötzlich nicht mehr wie gewohnt. Nach dem Fischer-Aus versuchten sich dann zudem zwei weitere Trainer an der Rettung, entsprechend musste der Club in diesem Sommer die Union-Identität erst wieder neu entwickeln. „Sie sind zuletzt ein bisschen zu ihren alten Tugenden zurückgekehrt“, hat Hoeneß beobachtet.
Der Ausblick Die Berliner schieden vor einem Jahr mit nur zwei Punkten aus sechs Spielen in der Gruppenphase der Champions League aus, auch im Pokal waren sie in der Rückrunde 2024 nicht mehr vertreten. Dennoch dauerte es bis zum vorletzten Spieltag, ehe der Klassenverbleib in der Bundesliga perfekt war. Danach folgte der Neustart mit Bo Svensson als Trainer und Horst Heldt als Sportchef.
Der VfB hat derweil noch alle Möglichkeiten, seine Ziele zu erreichen. In der Liga ist der Abstand zu den Rängen, die wieder einen internationalen Startplatz garantieren, überschaubar. „Mit einem Sieg am Freitag können wir uns in eine gewisse Position bringen“, hofft Hoeneß. Der Traum vom Pokalfinale lebt zudem. Und in der Champions League kann mit zwei Siegen in den verbleibenden drei Partien das Vordringen in die K.-o.-Runde noch klargemacht werden.
In der Gesamtschau hat der VfB also offenbar einiges besser hinbekommen als die Berliner ein Jahr zuvor. Erst Recht, wenn gegen den 1. FC Union am Freitag drei Punkte hinzukommen.