VfB Stuttgart Welchen Fußball will der VfB eigentlich spielen?

Der erste Test ist absolviert: der neue Trainer Markus Weinzierl (rechts) bedankt sich nach dem 3:1 gegen Sandhausen bei Emiliano Insua und Pablo Maffeo (links). Foto: Baumann 8 Bilder
Der erste Test ist absolviert: der neue Trainer Markus Weinzierl (rechts) bedankt sich nach dem 3:1 gegen Sandhausen bei Emiliano Insua und Pablo Maffeo (links). Foto: Baumann

Mit seiner Herangehensweise verspricht der neue Trainer des VfB Stuttgart mehr Offensive als zuletzt – doch nicht nur der Ex-Coach Hannes Wolf rätselt, wie Markus Weinzierl wirklich spielen lassen kann.

Sport: Carlos Ubina (cu)
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Stuttgart - Eine typische Szene: Ron-Robert Zieler fängt einen Eckball ab, und der Blick des Torhüters richtet sich sofort nach vorne. Er ist bereit, das Spiel schnell zu machen und den Ball zu den nach vorne sprintenden Stürmern abzuschlagen. Wie er es in Zeiten des Hochgeschwindigkeitsfußballs gelernt hat.

Doch was Zieler sieht, lässt ihn seine Aktion abbrechen. Nur Erik Thommy und Nicolás González sind im Tempo nach vorne gelaufen. Der Rest verweilt um den eigenen Strafraum. Zieler wirft den Ball also lediglich einem Abwehrspieler zu – und die Chance zum überfallartigen Angriff ist passé, weil der VfB Stuttgart sein Spiel in die Breite und nicht in die Tiefe anlegt.

Lieber einen Querpass mehr, ist die gepflegte Praxis auf dem Rasen nach einem Ballgewinn und daraus ergibt sich, dass das Stuttgarter Spiel nicht beschleunigt, sondern verschleppt wird. Nach dem Trainerwechsel von Tayfun Korkut zu Markus Weinzierl stellt sich deshalb nicht nur ­deren Vorgänger Hannes Wolf die Frage, welchen Fußball der VfB eigentlich spielen will. ­Beziehungsweise welchen er überhaupt spielen kann.

Hannes Wolf betrachtet das Ganze taktisch

„Es ist schon sehr spannend, wie sie das auch taktisch lösen, weil es nicht ganz klar ist, wie du das mit dieser Mannschaft machst“, sagt Wolf. Ein wenig von allem steckt in diesem Kader, aber noch nichts so richtig. Ballbesitz hier, Konter dort. Erfahrung zum einen, Jugend zum anderen. Weinzierl bringt diese Spannung aber erst einmal nicht aus der Ruhe. „Wir schauen uns alles an“, sagt der neue Coach, „die Spieler müssen in der Lage sein, mehrere Systeme zu beherrschen.“

Im Test gegen den SV Sandhausen ordnete er die VfB-Elf erst in einem 4-3-3-System an und nach der Pause in einem 4-4-2. Nominell viele Stürmer sind das – und daraus ergibt sich ein Gegenentwurf zu Korkut, der gerne von Mut und Offensive sprach, seine Aufstellungen jedoch vorsichtig und defensiv ausrichtete. Ohne Umschaltmomente und ohne Tempo sind aber kaum Tore zu erzielen. Es bleiben ja nur noch wenige Sekunden, um die Gegner überhaupt ungeordnet zu erwischen.

Erst sechs Treffer hat der VfB in der Bundesliga erzielt, und auch beim 3:1 gegen den kriselnden Zweitligisten aus Sandhausen war der Mangel an Geschwindigkeit zu sehen. „Das kann man sicher noch forcieren“, sagt Weinzierl. Diplomatische Worte nach seinem ersten Einsatz an der Stuttgarter Seitenlinie sind das. Er befindet sich natürlich noch in der Sondierungsphase, nachdem der 43-jährige Bayer die Mannschaft erst zu Wochenbeginn übernommen hat. Informationen sammeln und Impulse setzen – so lassen sich die ersten Arbeitstage beschreiben.

Doch wer auf Weinzierls Trainervita schaut, stellt fest, dass seine Teams einen aggressiven und temporeichen Stil praktiziert haben. Stellvertretend dafür mag André Hahn stehen. Den Flügelflitzer holte er aus der dritten Liga zum FC Augsburg und katapultierte ihn gar bis in die Nationalmannschaft. Weniger mit Technik und Spielwitz ausgestattet, dafür mehr mit Schnelligkeit und Abschlussstärke.

Gonzalo Castro verfällt schnell in schwäbischen Trott

In keinem anderen System hat die Offensivkraft anschließend so gut funktioniert wie bei Weinzierl, und der neue André Hahn könnte jetzt Anastasios Donis heißen. Doch der rasende Grieche ist verletzt und fällt mit seinem Muskelbündelriss wochenlang aus. Weitere Highspeed-Spieler, die den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen können, gibt der Kader vorerst nicht her.

Zwar verfügen Chadrac Akolo, Nicolás González und Erik Thommy auch über Tempo, aber die potenziellen Außenbahnspieler traten zuletzt ebenso wenig als Spielbeschleuniger in Erscheinung wie die Mittelfeldakteure Christian Gentner, Gonzalo Castro, Dennis Aogo oder Santiago Ascacibar. Dabei galt vor allem der aus Dortmund verpflichtete Castro als ein Mann, der das Spiel mit Pässen schneller und variantenreicher gestalten kann.

Doch Castro ist nur schnell in den schwäbischen Trott verfallen, der die bisherigen Auftritte des Tabellenletzten kennzeichnet. Und der ebenso erfahrene Gentner schafft es im Vergleich zur Vorsaison auch noch nicht, der Spieler zu sein, der die Geschwindigkeit der anderen zum Tragen bringt. Weshalb den ­Offensivbemühungen häufig sowohl die individuelle Schnelligkeit als auch Handlungsschnelligkeit fehlt. Beides benötigt der VfB jedoch, um sein Projekt Zukunft rasch wieder ins Laufen zu bringen.




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