VfB Stuttgart gegen FC Santos 1963 Ein unvergessliches Duell mit Pelé

Rudi Entenmann im direkten Duell mit Pelé – weitere Fotos des Spiels zwischen dem VfB Stuttgart und dem FC Santos im Juni 1963 finden Sie in unserer Bildergalerie. Foto: Baumann/Erich Baumann

Der Weltstar gastierte 1963 mit dem FC Santos im Neckarstadion und traf dort auf Rudi Entenmann. Der frühere VfB-Profi erinnert sich an die knappe Niederlage, seine ungewöhnliche Taktik und einen feinen Menschen.

Die Fußballwelt trauert um Pelé. In Erinnerung bleiben werden seine drei WM-Triumphe mit Brasilien, die Tore, Tricks und Titel. Er hat in seiner einmaligen Karriere so viel und so oft gewonnen, dass für ihn der 8. Juni 1963 kein besonderes Datum war. Rudi Entenmann wird diesen Tag nie vergessen. „In meinem Fußballer-Leben“, sagt der Ex-Profi des VfB Stuttgart, „ist dieses Spiel der absolute Höhepunkt gewesen.“ Weil es gegen den Größten ging.

 

Pelé war damals 22 Jahre alt und nach den WM-Siegen 1958 in Schweden sowie 1962 in Chile schon ein Weltstar. Der FC Santos befand sich mal wieder auf großer Reise. Der Verein musste möglichst viele bezahlte Gastspiele absolvieren, um sein teures Ensemble zu finanzieren. Rudi Entenmann, der Außenläufer des VfB, beobachtete die sommerliche Tournee des brasilianischen Weltpokalsiegers mit großem Interesse, aber auch mit einem Grummeln in der Magengegend. Denn der FC Santos schloss die meisten Auftritte mit hohen Siegen ab, auch gegen namhafte Clubs. „Oft fielen schon vor der Pause drei oder vier Tore, und meist war Pelé daran maßgeblich beteiligt“, erinnert sich Entenmann (82), „bei uns waren der Respekt und die Sorgen ziemlich groß. Zu mir haben viele gesagt, vor allem ich müsse richtig gut aufpassen. Das wirkte auf mich nicht gerade beruhigend.“ Und trotzdem lief es alles andere als schlecht.

Manfred Reiner erzielt das VfB-Tor

Die Stars vom FC Santos dachten, sie würden auch im Stuttgarter Neckarstadion gegen das Gründungsmitglied der Bundesliga leichtes Spiel haben. Doch der VfB stand kompakt in der Defensive, hatte in Günter Sawitzki einen überragenden Torhüter und in Manfred Reiner einen Stürmer, der nicht nur das 1:0 erzielte, sondern für seine Dribblings sogar Applaus von seinem Gegenspieler erhielt – dem Weltmeister Djalma Santos. Und dann gab es noch ein ganz besonderes Duell, für das sich Rudi Entenmann eine ungewöhnliche Taktik zurechtgelegt hatte.

Er nahm Pelé nicht, wie es damals üblich war, in Manndeckung. Stattdessen gewährte er ihm ein bisschen Freiraum. „Eigentlich war das verboten, aber es ist genau die richtige Herangehensweise gewesen. Denn im direkten Zweikampf war Pelé dank seiner Antrittsschnelligkeit kaum zu stoppen, so aber konnte ich hinterhergehen, wenn er doch mal ins Laufen kam“, sagt Rudi Entenmann. „Am Ende haben wir nur 1:3 verloren, besser hat sich gegen den FC Santos niemand geschlagen. Und Pelé blieb ohne Treffer aus dem Spiel heraus. Darauf bin ich heute noch stolz.“ Wie auch darauf, dass es nicht beim Treffen auf dem Rasen geblieben ist.

Der Schiedsrichter hieß Gottfried Dienst

Nach dem Spiel ging es in ein Lokal am Cannstatter Bahnhof zum gemeinsamen Abendessen. Dort wurde über viele Szenen noch einmal diskutiert, vor allem über den Elfmeter zum 1:1-Ausgleich. Klaus-Dieter Sieloff hatte Pelé im Strafraum attackiert und zu Fall gebracht. Der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst (der drei Jahre später im WM-Finale zwischen England und Deutschland das legendäre Wembley-Tor anerkannte) entschied auf Strafstoß – und wäre heutzutage wohl vom Video-Assistenten überstimmt worden. „Das“, lacht Rudi Entenmann, „war schon eine fragwürdige Entscheidung.“ Pelé ist es egal gewesen. Er verwandelte – und lud seinen Gegenspieler nach dem Essen an seinen Tisch ein. Es wurde ein bemerkenswertes Gespräch.

Schon unmittelbar nach dem Schlusspfiff hatte Pelé seinem Kontrahenten zu dessen Leistung gratuliert, nun bedankte sich der Weltstar auch noch bei Entenmann – für dessen faire Spielweise. „Er war es gewohnt, in Europa heftig attackiert zu werden und richtig auf die Socken zu bekommen“, sagt der frühere VfB-Profi, „ich habe es anders gelöst. Darüber war er ziemlich glücklich.“ Weshalb einer der Begleiter Pelés noch meinte, Rudi Entenmann dürfe, wenn er wolle, jederzeit zum FC Santos wechseln. Der bodenständige Schwabe hat das Angebot ausgeschlagen, diesen speziellen Tag aber stets im Gedächtnis behalten. Wegen Pelé. „Natürlich waren auch Uwe Seeler oder Gerd Müller auf ihre Art Ausnahmeerscheinungen. Und selbstverständlich gab es später Maradona oder Messi“, sagt Rudi Entenmann, „aber wenn ich wählen müsste, wer der Beste von allen ist, würde ich Pelé wählen. Denn er war nicht nur Torjäger, sondern auch Spielgestalter. Das macht ihn als Fußballer einzigartig.“

Lehrer für Sport und Technik

Nach dem Spiel im Neckarstadion hat er das Leben des beinahe gleichaltrigen Pelé mit noch größerem Interesse verfolgt. Er freute sich, als der Brasilianer 1970 seinen dritten WM-Titel holte. Er beobachtete, wie er sich nach der Karriere schlug. Er war schockiert, als die Krebsdiagnose bekannt wurde. Und er trauerte, als er von dessen Tod am Donnerstag erfuhr. „Pelé war ja nicht nur ein großer Fußballer“, meint Rudi Entenmann, der nach seiner Laufbahn, die wegen einer Meniskusverletzung früh zu Ende ging, als Lehrer für Sport und Technik in Besigheim arbeitete. „Er war auch ein feiner Mensch.“

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