VfB Stuttgart gegen FC St. Pauli Alexander Blessin: „Beim VfB sind echt gute Jungs dazugekommen“

Alexander Blessin hat als Trainer in Belgien viele Eindrücke von einem heutigen VfB-Profi gesammelt. Foto: imago/Susanne Hübner

Der Trainer des FC St. Pauli spricht über den starken Saisonstart an der Elbe, lobt einen Stuttgarter Neuzugang – und sagt, warum er den VfB noch immer mit Interesse verfolgt.

Sport: David Scheu (dsc)

Der FC St. Pauli ist eine der Überraschungen der noch jungen Bundesliga-Saison. Vor dem Spiel beim VfB Stuttgart an diesem Freitag (20.30 Uhr) spricht Trainer Alexander Blessin über die Erfolgsfaktoren an der Elbe, die Kader-Veränderungen beim kommenden Gegner – und Wochenend-Trips in die schwäbische Heimat.

 

Herr Blessin, wie oft haben Sie in den vergangenen Tagen auf die Tabelle geschaut?

Einmal.

Nicht öfter? Platz vier für den FC St. Pauli ist ja nichts Alltägliches.

Aber nur eine Momentaufnahme, wir sind noch ganz am Saisonanfang. Zugleich zeigt es schon, dass wir gut gestartet sind. Denn unsere sieben Punkte haben wir nicht geschenkt bekommen, die sind alle verdient. Am Ziel ändert das nichts, wir wollen auch nächste Saison Bundesliga spielen. Vor wenigen Wochen galten wir für viele ja noch als Abstiegskandidat Nummer eins.

War das ein Ansporn?

Nein, Motivation von außen halte ich für den falschen Ansatz. Das muss aus uns selbst kommen – und das tut es auch. Wir haben immer an unsere Spielweise geglaubt.

Kaum eine Mannschaft in der Liga läuft so viel.

Die Intensität ist die Basis, darüber definieren wir uns. Und das Kollektiv steht über allem, auch taktisch. Die Arbeit gegen den Ball muss in jeder Minute von jedem Spieler stimmen.

In Belgien wurden sie mit Saint-Gilloise 2024 mit einem durchaus anderen, sehr dominanten Spielstil Pokalsieger und Vizemeister.

Ein Trainer muss sich immer anpassen und eine Spielidee entwickeln, die zur jeweiligen Mannschaft passt. Dogmatismus bringt einen nicht weiter. Und für uns bei St. Pauli war als Aufsteiger in der vergangenen Saison eine gewisse Änderung der Spielweise unumgänglich. Du hast in der Bundesliga einfach nicht mehr dieselben Ballbesitzwerte und die Dominanz wie noch als Zweitligist, kein Aufsteiger hat das. Ganz wichtig war dann, dass alle diesen Weg mitgehen. Mannschaft, Verein, Umfeld. Vom Ruhebewahren zu reden ist das eine – und das andere, es dann auch wirklich zu tun. Das war vorbildlich. Es ist mir aber schon wichtig zu betonen, dass wir den Klassenverbleib vergangene Saison nicht nur erkämpft haben.

Alexander Blessin absolvierte für den VfB in der Saison 1998/99 sieben Bundesliga-Spiele. Foto: Baumann

Sondern auch erspielt?

Einsatz und Wille sind die Basis – du brauchst aber auch fußballerische Qualitäten. Ohne die bleibst du nicht in der Bundesliga, völlig unmöglich. Und da haben wir uns im Verlauf der Vorsaison entwickelt und auch Lehren gezogen.

Zum Beispiel?

Tempo war ein Element, das unserem Offensivspiel schon gefehlt hat. Darauf lag ein Fokus im Transfersommer. Mit Spielern wie Andreas Hountondji und Mathias Pereira Lage haben wir uns da gezielt verstärkt und jetzt andere Möglichkeiten. Wir können variabler agieren und den Gegner vor unterschiedliche Aufgaben stellen.

Auf Sie wartet als nächste Aufgabe am Freitag der VfB, der nicht wunschgemäß gestartet ist.

Davon lassen wir uns nicht blenden. Die Mannschaft ist extrem spielstark und kann gerade vor heimischem Publikum performen, wenn man sie lässt. Natürlich hatten sie mit Nick Woltemade und Enzo Millot Abgänge wichtiger Spieler, es sind aber auch echt gute Jungs dazugekommen.

Zum Beispiel?

Mit Bilal El Khannouss haben sie einen guten Griff gemacht. Ich kenne ihn noch aus meiner Zeit als Trainer in Belgien, als er in Genk gespielt hat. Ein echter Zocker, der mit überraschenden Aktionen Löcher reißen und Gefahr erzeugen kann.

Verfolgen Sie den VfB eigentlich intensiver als die anderen Vereine der Bundesliga? Sie sind ja hier zum Profi geworden.

(lacht) Das ist aber schon fast drei Jahrzehnte her. Damals haben wir des Öfteren in einem halbleeren Stadion mit Laufbahn gespielt, seitdem hat sich viel entwickelt und getan. Aber es stimmt schon: Auf den VfB schaue ich auch nach all den Jahren noch mit Interesse, weil dort einfach meine Wurzeln sind. Ich komme aus der Region, mein Bruder hat auf der Gegengerade immer noch seine Dauerkarte, meine Familie lebt noch hier.

Wie oft kommen Sie in die alte Heimat?

Alle paar Wochenenden, wann immer es geht. Das ist aber keine Einbahnstraße. Meine Familie kommt zu jedem Heimspiel nach Hamburg und zu den Auswärtsspielen im Süden. Das bedeutet mir viel.

Wäre da ein Trainerjob beim VfB für Sie irgendwann einmal reizvoll?

Ich halte überhaupt nichts davon, zu weit in die Zukunft zu blicken. Ich hatte nie einen Karriereplan und habe immer auf meinen Bauch gehört. Jeder hat mir zum Beispiel davon abgeraten, die erste Station als Profi-Cheftrainer in Belgien anzugehen. Im Nachhinein war es der richtige Schritt. Und auch jetzt arbeite ich in einer tollen Stadt bei einem geilen Verein. Ich lebe komplett im Hier und Jetzt, da ist der VfB die nächste Aufgabe. Dem wollen wir am Freitagabend alles abverlangen.

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