VfB Stuttgart gegen Holstein Kiel Früher Kickers, heute Kiel – wie Marcel Rapp das Duell mit dem VfB sieht

Marcel Rapp ist seit Oktober 2021 Trainer von Holstein Kiel, im Sommer 2024 steig er mit dem Team in die Bundesliga auf (re. o.). Von 2007 bis 2011 war der Spieler bei den Stuttgarter Kickers (re. u.). Foto: IMAGO/Eibner/IMAGO/Eibner-Pressefoto/Marcel von Fehrn, Baumann

Er stammt aus Pforzheim, spielte einst bei den Kickers. Nun kehrt Marcel Rapp als Trainer von Holstein Kiel nach Stuttgart zurück. Und spricht vor dem Spiel beim VfB über den Weg des Aufsteigers und die Chancen am Samstag.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Natürlich hat er sich den Auftritt des VfB Stuttgart bei Juventus Turin im TV angeschaut. Alles andere wäre ja auch fahrlässig, wenn eben jeder VfB in der Fußball-Bundesliga der eigene nächste Gegner ist. Die Stuttgarter empfangen am kommenden Samstag (15.30 Uhr) das Team von Holstein Kiel in der MHP-Arena – und dessen Trainer sagt nach besagtem Videostudium: „Der VfB hat eine sehr gute Mannschaft, die einen guten Fußball spielt.“ Aber: Marcel Rapp weiß noch viel mehr über Stuttgart.

 

Zum Beispiel: „Dass die Stuttgarter Kickers zuletzt ein paarmal nicht gewonnen haben.“

Das wiederum hat mit Rapps Pflichten als Coach des Bundesligaaufsteigers eher wenig zu tun – ist aber seiner Vergangenheit geschuldet. 2007 kam der Defensivspieler einst vom SC Pfullendorf zu den Blauen, wurde Kapitän und blieb bis 2011, ehe wenig später seine Karrierre als Trainer begann. In Nöttingen, danach ging es für viele Jahre zur TSG Hoffenheim.

Im Kraichgau stand er interimsweise auch mal in der Bundesliga an der Seitenlinie, seine erste echte Traineraufgabe führte den gebürtigen Pforzheimer dann aber hoch in den Norden – wo er mit den Kieler Störchen zum Höhenflug angesetzt hat. Gelandet sind sie im Sommer 2024: in der Bundesliga.

„Der Aufstieg“, sagt der 45-Jährige im Gespräch mit unserer Redaktion, „hat untermauert, dass wir ohne das große Geld, aber mit unserer Art zu arbeiten größtmöglichen Erfolg erzielen können.“ In Kiel ist man daher „stolz, dass wir das geschafft haben“. Aber nicht nur das: „Wir sind überzeugt davon, dass der Weg noch nicht zu Ende ist.“

Der Kieler Weg – ist von zwei Merkmalen geprägt. Zum einen stehen im Kader Spieler, denen man anderswo Deutschlands oberste Spielklasse nicht unbedingt zugetraut hat. „Wir haben neben jungen Spielern auch welche, die bei anderen Vereinen vielleicht aussortiert worden sind, und nun mit Holstein Kiel Bundesliga spielen“, sagt Marcel Rapp. Nach Lewis Holtby krähte kaum ein Hahn mehr im deutschen Oberhaus, Jan Fiete Arp hatte beim FC Bayern vergeblich auf den Durchbruch gehofft. Zum anderen setzen sie bei den Störchen aber auch auf das Potenzial von Talenten.

„Wir haben viele junge Spieler im Kader, von denen wir überzeugt sind“, sagt Rapp, der einschränkt: „Aber es kann eben keiner eine Entwicklung garantieren.“ Es gehe oben im Norden daher darum, „diesen Jungs die Zeit und den Nährboden zu geben, damit sie sich entwickeln können“. Und das Punktekonto sich doch noch füllt.

754 Kilometer von Kiel nach Stuttgart

Nach sieben Spielen dieser Saison hat der KSV Holstein Kiel bis auf das 1:6 gegen den FC Bayern zwar nie komplett das Nachsehen gehabt. Die teils knappen Partien konnte die Mannschaft aber zu selten auf ihre Seite ziehen. So stehen ein 2:2 beim VfL Bochum und ein viel beachtetes 2:2 bei Bayer Leverkusen als punktebringende Erfolgserlebnisse zu Buche. Panik bricht am nördlichsten Bundesligastandort deshalb aber nicht aus.

„Es hat hier keiner erwartet, dass Holstein Kiel durch die Bundesliga fegt und jeden Gegner aus dem Stadion schießt“, sagt Marcel Rapp und ist sicher: „Man kann den bisherigen Saisonverlauf gut einordnen.“ Entsprechend „positiv“ sei auch die Stimmung. Der fast schon sensationelle Aufstieg vor vermeintlichen Riesen die dem HSV, Fortuna Düsseldorf oder dem FC Schalke 04 hallt nach.

„Die Euphorie hält noch an“, findet der Cheftrainer, „die Leute hier freuen sich auf jedes Bundesligaspiel, die Kinder haben Holstein-Trikots an, und auswärts ist unser Block immer voll.“ Obwohl die Kieler Anhänger meist einen langen Anfahrtsweg haben. Am Samstag sind es vom Holstein-Stadion in Kiel bis zur MHP-Arena in Stuttgart schlappe 754 Kilometer.

Für den Pforzheimer Marcel Rapp ist die Partie beim VfB „ein besonderes Spiel“ – schon allein deshalb, „weil ich viele Karten besorgen musste“. Er konnte alle Wünsche erfüllen – nun will er auch sich und seine Mannschaft glücklich machen. Trotz der Schwere der Aufgabe.

„Für uns ist es eine große Aufgabe“, sagt der Coach und weiß, was alles zusammenkommen muss, dass gegen den Juve-Bezwinger vom Dienstagabend was zu holen ist: „Wir brauchen einen guten Tag, einen guten Plan und viel Leidenschaft.“ Und: „Wir wollen einfach den bestmöglichen Fußball spielen, was uns in allen Spielen phasenweise schon gut gelingt.“ Damit es am Ende trotz der klaren Außenseiterrolle was wird mit dem Klassenverbleib. Kann da womöglich der 1. FC Heidenheim als Vorbild dienen?

Gegen den zweiten württembergischen Club der Bundesliga spielt Holstein Kiel eine Woche nach dem Stuttgart-Gastspiel – aber einen Vergleich will Marcel Rapp nicht ziehen. „Klar, es gibt Parallelen zwischen uns und anderen Clubs wie vielleicht dem SC Freiburg oder dem 1. FC Heidenheim“, sagt er zwar, betont aber auch die Unterschiede. Daher gelte für ihn und Holstein Kiel: „Es gibt nicht den einen Club, von dem wir sagen: So wollen wir einmal werden.“

Was sie dagegen wollen in Kiel: Bundesligist bleiben, sich weiter entwickeln – und ganz kurzfristig: in Stuttgart punkten. Um dann wieder vom hohen Norden aus das Geschehen im Süden zu beobachten. Beim VfB. Aber eben auch bei den Blauen.

„Es ist schade, dass es in der vergangenen Saison nicht mit dem Aufstieg in die Dritte Liga geklappt hat“, sagt Marcel Rapp über die Kickers-Familie, wie er den Club nach wie vor nennt, „aber es ist aus der Ferne schön zu sehen, wie sich der Verein entwickelt und wie viele Zuschauer ins Stadion kommen.“

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