VfB Stuttgart gegen Manchester Der neue Stuttgarter Erlebnisfußball

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Beim 4:2-Sieg gegen Manchester City zeigt sich sehr deutlich, wie die Handschrift des neuen VfB-Trainers Alexander Zorniger aussieht. „Ein Ball-jagen-Spiel“, so nennt Manager Robin Dutt die Strategie.

VfB-Neuzugang Emiliano Insua (r.) im Zweikampf mit Jesus Navas.Foto:Baumann Foto:  
VfB-Neuzugang Emiliano Insua (r.) im Zweikampf mit Jesus Navas. Foto:Baumann

Stuttgart - Draußen neben der Bank fällt die Wasserflasche auf den Boden und macht plopp. Auf dem Platz macht es beim VfB Stuttgart dagegen genau in diesem Moment klick. Die Mannschaft ist weit aufgerückt, um Manchester City unter Druck zu setzen. Daniel Didavi attackiert Eliaquim Mangala so verbissen, dass diesem ein Fehlpass ins Seitenaus unterläuft. Da ist es Alexander Zorniger egal, was mit seiner Wasserflasche geschieht. Der Trainer hat nun eh keinen Durst – und Besseres zu tun als zu trinken. Gerade mal acht Minuten sind in dem Testspiel gegen den englischen Vizemeister absolviert, da klatscht er zum ersten Mal begeistert in die Hände.

Das wiederholt sich beim 4:2-Sieg noch mehrmals, beispielsweise bei den Toren von Daniel Ginczek (2), Daniel Didavi und Filip Kostic. „Vieles von dem, was ich sehen wollte, habe ich gesehen“, sagt Zorniger – und meint unter anderem die Szene, die zum 1:0 führt. Einen Abschlag des Keepers Przemyslaw Tyton verlängert Martin Harnik zu Ginczek und Kostic vollendet. Ab durch die Mitte – so entsteht dieser Treffer, was der Philosophie von Zorniger entspricht. Denn das Tor befindet sich nun mal in der Mitte und nicht an der Eckfahne. Deshalb ist dieser Ansatz für ihn logisch und am erfolgsversprechendsten.

Überhaupt hat Zorniger viele Ansätze, die in einen Plan münden. So haben die 40.112 Zuschauer an diesem Samstag auch kein Fußballspiel gesehen, sondern „ein Ball-jagen-Spiel“. Das ist auf jeden Fall die Bezeichnung des Managers Robin Dutt für die Strategie von Zorniger, die sich gegen Manchester City in einer fast schon verblüffenden Weise offenbart hat. Sehr deutlich war die Handschrift des Trainers zu erkennen, dem es offensichtlich gelungen ist, seine Vorstellungen in den wenigen Wochen, in denen er erst beim VfB ist, zu vermitteln und auf den Punkt zu bringen – und das dann auch noch bei einer Mannschaft, die zumindest in großen Teilen gar nicht von ihm zusammengestellt wurde. Er hat den Kader weitgehend von seinen Vorgängern übernommen. Trotzdem hat es jetzt sofort klick gemacht.

Zorniger beschäftigt sich nicht mit negativen Gedanken

Das mag manche überraschen – „mich selbst aber nicht“, sagt Zorniger. Er hat allem Anschein nach gespürt, dass ihm die Profis folgen und dass sie an das glauben, was er ihnen mit auf den Weg gibt. Das ist dann auch die übergeordnete Erkenntnis des Auftritts gegen City, der jedoch hin und wieder auch die Gefahren dieses Ball-jagen-Spiels gezeigt hat. Sie bestehen darin, vom Gegner ausgekontert und überlaufen zu werden. Dann geht der Schuss nach hinten los. Dieses Risiko würden zwei schnelle Innenverteidiger spürbar reduzieren, wie sie der VfB früher mit Fernando Meira und Matthieu Delpierre in seinen Reihen hatte. Und heute? Zorniger beschäftigt sich nicht mit negativen Gedanken. Ihm sei zwar klar, dass sein Konzept auch kritisch betrachtet werde, sagt er, „aber ich weiß, was mit dieser Spielweise im Endeffekt möglich ist“.

Eine ganze Menge nämlich. So glaubt er etwa an die Chance, dadurch eine Euphorie im Umfeld erzeugen zu können. „Die Fans sollen das genießen“, sagt er. Das haben sie am Samstag auch getan – und zumindest eines dürfte ziemlich sicher sein: Langweilig wird es mit dem Spektakel von Zorniger in der neuen Saison nicht. Im letzten Jahr habe es ja viele Spiele gegeben, in denen der VfB in den ersten 15 Minuten gar nicht aufs Tor geschossen habe, sagt er. Ohne es auszusprechen – aber unter ihm wird das kaum mehr passieren. Denn Zorniger steht für Erlebnisfußball.

Angesichts dessen würden die Anhänger zwar vermutlich die eine oder andere Niederlage verzeihen, aber dass unter dem Strich auch die nackten Ergebnisse stimmen müssen, muss dem Trainer keiner extra sagen. Also sagt Dutt etwas anderes – erstens dieses: „Ich bin vorsichtig, weil ich schon viele Aufbruchstimmungen erlebt habe.“ Und zweitens jenes: „Wir haben nicht vergessen, wo wir herkommen und wo wir noch vor ein paar Wochen waren“ – fast schon in der zweiten Liga.

Stammgast in der Champions League

Manchester City ist dagegen Stammgast in der Champions League – und wird sich ziemlich darüber gewundert haben, dass der VfB zuletzt um ein Haar abgestiegen wäre. So kursierte auf der Tribüne ein kleiner Witz – dass die schwerreichen Engländer wahrscheinlich mit mehr Spielern auf die Insel zurückfliegen werden als sie hergekommen sind, weil sie Didavi, Ginczek und Kostic kaufen und gleich mitnehmen. Aber die drei waren dann doch noch am Sonntag beim VfB-Training auf dem Wasen.

Gut so, wird sich Zorniger gedacht haben. Ein bisschen warnen muss er ja auch. „Wir wären nicht die erste Mannschaft, die eine tolle Generalprobe hinlegt und dann eine Woche später aus dem Pokal gefiedelt wird“, sagt er. Der VfB gastiert am Samstag bei Holstein Kiel. „Das Entscheidende war heute, dass alle, alle, alle noch mehr Zutrauen in unser System bekommen haben“, sagt Zorniger. Alle, alle, alle. Dann nimmt er doch noch einen Schluck aus seiner Wasserflasche.