VfB Stuttgart gegen RB Leipzig Für den VfB steht das Spiel des Jahres an

Das goldene Objekt der Fußballbegierde: Für den VfB Stuttgart steht im DFB-Pokal viel auf dem Spiel. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Dem Bundesligisten bietet sich im Halbfinale des DFB-Pokals am Mittwochabend eine große Chance. Voller Leidenschaft soll sie ergriffen werden – doch das Risiko spielt mit.

Sport: Carlos Ubina (cu)

Es ist davon auszugehen, dass Sebastian Hoeneß die historische Dimension dieser Chance bewusst ist. Vor 28 Jahren hat der VfB Stuttgart letztmals den DFB-Pokal gewonnen. 1997, davor 1954 und 1958. Oft gelingt einem so ein Triumph also nicht einmal als Traditionsverein. Zudem entstammt der Trainer einem Fußballclan, zu dessen Erbgut das sogenannte Siegergen gehört. Geprägt durch Onkel Uli, der als Spieler, Manager und Präsident des FC Bayern allein 24 Meisterschaften und 14 nationale Pokalgewinne miterlebt hat. Vater Dieter kommt als Spieler der Münchner auf fünf Meisterschaften und einen Cup, als VfB-Manager stemmte er 1992 die Schale in die Höhe.

 

Ein Hoeneß weiß also, was es bedeutet, einen Titel mit einer Mannschaft zu holen. Das bleibt für die Ewigkeit. Mehr noch als erfolgreiche Rettungsmissionen und rekordträchtige Vizemeisterschaften. Entsprechend ist der Stuttgarter Chefcoach familiär und fußballerisch sozialisiert – und dann kommt noch der persönliche Ehrgeiz hinzu. Man darf Sebastian Hoeneß diesbezüglich nicht unterschätzen. Er will viel, er verlangt viel, er brennt für seine Aufgabe. Und an diesem Mittwoch (20.45 Uhr/ZDF) im Halbfinale gegen RB Leipzig wird die Flamme größer sein als in vielen Begegnungen zuvor.

Der emotionale Matchplan

Wenn man so will, wird der Trainer in der Kabine sein Team motivational anzünden, um die nötige Leidenschaft zu entfachen. Vom Rasen aus soll der Funke überspringen und sich das Feuer der Begeisterung über das volle Stuttgarter Stadion ausbreiten. „Wir hoffen, dass es auf den Rängen richtig knistert. Ich erlebe diese besondere Atmosphäre in der Arena seit zwei Jahren persönlich, und unsere Fans können genau die paar Prozent ausmachen, die am Ende entscheidend sind“, sagt Hoeneß über den emotionalen Matchplan, zu dem sich noch ein taktischer fügt. Denn Herz allein wird nicht reichen.

Es braucht einen klaren Kopf und schnelle Beine, um das Endspiel am 24. Mai in Berlin zu erreichen. „Wir werden – wie auch sonst immer – versuchen, das Spiel zu gewinnen. Ein anderes Herangehen gibt es von unserer Seite nicht. Natürlich ist es in K.-o.-Spielen oft so, dass mit höherem Risiko agiert wird. Gerade dann, wenn die Spielentscheidung lange offen ist“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth und setzt in kitzligen Phasen auf die Unterstützung der Anhänger.

Hoeneß geht davon aus, dass sich die Gäste aus Sachsen mit dem Übergangscoach Zsolt Löw auf den RB-Stil zurückkatapultieren wollen. Hoch verteidigen, überfallartig angreifen. Elemente, die dem VfB zuletzt auch bei Eintracht Frankfurt in der Bundesliga begegnet sind. Sie haben zu der 0:1-Niederlage und dem Abrutschen auf Platz elf beigetragen. Eine unbefriedigende Situation, die sich nun mit dem Pokal überspielen lässt, wenn die Partie des Jahres gewonnen wird und der VfB in einen Glücksrausch verfällt.

„Wir haben jetzt keinen Raum für Sorgen oder Ängste“, sagt Hoeneß, „alle sind heiß auf das Spiel. Das ist an jeder Ecke im Club und in der Mannschaft zu spüren.“ Der Ballast der vergangenen Wochen mit sechs sieglosen Ligaspielen nacheinander soll abgeworfen werden, der andere Wettbewerb befreiend wirken. „Wichtig ist, dass wir das Spiel als Chance sehen. Als Möglichkeit für jeden, einen weiteren Höhepunkt in dieser Saison zu erreichen. Das wird die nötigen Kräfte freisetzen“, sagt Wohlgemuth.

Wie war das vor zwei Jahren, Herr Hoeneß?

Risiko inbegriffen. Denn der VfB läuft ja Gefahr, die Qualifikation für den Europapokal zu verpassen. „Wir können und wollen uns nicht frei machen von der äußeren Betrachtung und Erwartung. Aber es ist natürlich in erster Linie so, dass die Mannschaft selbst darauf brennt, ins Finale einzuziehen. Das ist eine ausschließlich positive Motivation“, sagt Wohlgemuth. Zudem wäre über den DFB-Pokal der Sprung auf die internationale Bühne ebenfalls noch möglich, aber nur als Finalsieger. Das erhöht zum bereits bestehenden Reiz die Bedeutung des Halbfinals. Jedoch gilt es nicht, eine verkorkste Saison (mit Champions League) über den DFB-Pokal zu retten, sondern nur eine bislang durchschnittliche Ligarunde zu krönen.

Vor zwei Jahren waren die Vorzeichen dagegen andere, als Hoeneß seinen Dienst beim VfB mit dem erfolgreichen Viertelfinale beim 1. FC Nürnberg antrat. Damals steckten die Stuttgarter im Abstiegskampf. Die Rettung stand über allem, und der DFB-Pokal spielte eine schöne Nebenrolle. Jetzt nimmt der Cupwettbewerb eine Hauptrolle ein, da der Club nicht mehr existenziell bedroht ist.

Das allein beschreibt schon die bemerkenswerte Entwicklung der Stuttgarter, und Hoeneß findet die beiden Ausgangspositionen zwar nicht vergleichbar, sieht aber einen gemeinsamen Punkt: „Zur grundsätzlichen Bedeutung des Spiels gegen die Leipziger kommt noch obendrauf, dass ein Erfolg sich auf den weiteren Saisonverlauf auswirken könnte.“ Positiv, wie im April 2023. Doch vor allem treibt Sebastian Hoeneß an, mit dem VfB selbst Geschichte zu schreiben und sowohl der Vereins- als auch der Familiensammlung einen Titel hinzuzufügen.

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