VfB Stuttgart gegen VfL Wolfsburg Deniz Undav und die Suche nach der Leichtigkeit
Dem beliebten Nationalstürmer fällt es aktuell schwer, seine Topform zu finden. Dennoch bleibt der 28-Jährige ein Erfolgsfaktor. Wir schauen auf die Gründe.
Dem beliebten Nationalstürmer fällt es aktuell schwer, seine Topform zu finden. Dennoch bleibt der 28-Jährige ein Erfolgsfaktor. Wir schauen auf die Gründe.
Die Szene ist noch in guter Erinnerung. Wie Chris Führich in Dortmund seinen früheren Kapitän an der Außenlinie bedrängt. Wie der BVB-Verteidiger Waldemar Anton dadurch einen katastrophalen Fehlpass in die Füße von Deniz Undav spielt. Wie der VfB-Stürmer mit dem Ball losrennt. Wie ihm auf dem Weg zum gegnerischen Tor offenbar zu viel durch den Kopf geht und seine Beine immer langsamer werden. Wie Undav zwar noch den Torhüter Gregor Kobel umkurvt, letztlich aber von Emre Can vor dem Torschuss gestoppt wird.
Vorbei. Der VfB Stuttgart hat ja vor einer Woche dennoch im Signal-Iduna-Park gewonnen, und im Erfolgsfall wird schnell verziehen. Die Aktion zeigt dennoch, dass der Angreifer des VfB Stuttgart aktuell eine gewisse Selbstverständlichkeit in seinem Spiel verloren hat. Vermutlich gibt es eine Reihe von Verantwortlichen und Fans rund um den Wasen, die überzeugt davon sind, dass Undav so eine Riesenchance in der Vorsaison genutzt hätte. Beweisen lässt sich das nicht, doch die Wahrnehmung des Nationalspielers verändert sich, da er mit seiner Art des Fußballs und seiner Persönlichkeit auf einem schmalen Grat wandert – und seine Fallhöhe mit den Erwartungen gestiegen ist.
Doch noch immer ist Undav ein Unterschiedsspieler. Ein Mann für besondere Augenblicke, der mit einer Drehung eine Begegnung verändern, mit einem Ballkontakt gefährliche Situationen initiieren und mit einem Tor Partien entscheiden kann. Wie zuletzt im Viertelfinale des DFB-Pokals, als der Nationalstürmer trotz anfangs schwacher Leistung den 1:0-Siegtreffer erzielte.
„Er hat schon oft gezeigt, dass er sofort großen Einfluss auf unser Spiel nehmen kann“, sagt Sebastian Hoeneß. Zehn Treffer in 25 Pflichtspieleinsätzen ergeben schon statistisch eine gute Quote. Ungern verzichtet der Trainer deshalb auf die Offensivkraft, denn mit Undav ist der VfB eine andere Mannschaft als ohne Undav. Sein Selbstbewusstsein gibt den Mitspielern Sicherheit, seine Lockerheit hebt die Stimmung im Kader, seine Torgefährlichkeit erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit. Dennoch weiß Hoeneß genau, dass er gerade bei dem 28-Jährigen die Belastung exakt steuern muss. Aufgrund von verschiedenen Faktoren.
Muskelverletzungen, komplizierte Sommervorbereitung, ungewohnt hohe Spieldichte. Vieles spielt eine Rolle bei Undav, dem die Lust am Kicken nicht zu nehmen ist. „Es ist klar, dass er seinen Rhythmus noch nicht so haben kann wie zuvor“, sagt Hoeneß, „alles läuft noch nicht so rund.“ Schwerfällig wirkt manches, was zuvor leicht aussah bei Undav, der bereits neun Pflichtspiele in der laufenden Saison verpasst hat.
Vor der Bundesligabegegnung an diesem Samstag (15.30 Uhr) gegen den VfL Wolfsburg musste der Schlüsselspieler aufgrund einer Erkältung im Training kürzertreten. Für den Heimauftritt in der MHP-Arena steht Undav jedoch wieder parat. Welchen Part er einnimmt, bleibt abzuwarten. Unbestritten ist jedoch seine Bedeutung im Stuttgarter Spiel – nicht nur im und rund um den gegnerischen Strafraum, sondern bereits davor –, wenn Undav sich zwischen den Linien bewegt, seinen stämmigen Körper zwischen Ball und Verteidiger drückt und im weiß-roten Umschaltmoment eine zentrale Anspielstation darstellt. Ungewohnt viele Pässe sind da in den vergangenen Wochen bei falschen Adressaten gelandet. „Ich sehe es auch so. Er hat immer mal wieder einen leichten Ballverlust drin, den wir so von ihm nicht kennen“, sagt Hoeneß.
Schlampigkeiten haben sich in das Spiel eingeschlichen – und geben Raum für Interpretationen, da Undavs Popularität über den Rasen hinausreicht. Denn er ist nicht nur der VfB-Profi, für den mit 27 Millionen Euro eine Rekordablösesumme bezahlt wurde, sondern ebenso der unbestrittene Publikumsliebling, der regional, bundes- und europaweit viel Aufmerksamkeit auf sich zieht. Weil er sympathisch und authentisch auftritt, weil er sein Herz auf der Zunge trägt, weil er keine Berührungsängste kennt.
Dafür mögen ihn die Fans, da Undav weiterhin am längsten Autogramme schreibt, sich am häufigsten für Fotos zur Verfügung stellt und gerne Trikots mit seiner Rückennummer 26 verschenkt. Zudem schätzen ihn die Fachleute in der Analyse für seine ehrlichen und selbstkritischen Aussagen. Hat der Starkult ihn also verändert? Oder lässt sich gar ein Hauch von Selbstzufriedenheit erkennen, da er zurzeit nicht mehr so energisch dem Ball entgegenkommt?
Ein doppeltes Nein heißt es beim VfB. Undav ist in „seiner unnachahmlichen Art“ (Hoeneß) schon immer ein im positiven Sinne verrückter Kerl gewesen. Und für ihn bleibt die wichtigeste Bühne der Fußballplatz. Hier ist Undav – wie andere Stuttgarter zuvor – in einer strapaziösen Saison nur auf der Suche nach einer neuen Leichtigkeit.