VfB Stuttgart Hoeneß und Wohlgemuth – das Ende der heißen Diskussionen
Der Woltemade-Wechsel hat beim Pokalsieger Wirbel um den Trainer und den Sportchef ausgelöst. Wir haben die Reaktionen der Beteiligten und beleuchten die Hintergründe.
Der Woltemade-Wechsel hat beim Pokalsieger Wirbel um den Trainer und den Sportchef ausgelöst. Wir haben die Reaktionen der Beteiligten und beleuchten die Hintergründe.
Der Trainer ist wieder ganz bei sich. Analytisch in der Sache, akribisch bei der Umsetzung und ruhig in seiner Art, ohne es an Ambitionen vermissen zu lassen. So wie man Sebastian Hoeneß seit zweieinhalb Jahren beim VfB Stuttgart kennt. Ganz gleich, ob es sich um ein Testspiel in der Länderspielpause handelt, wie beim 6:2 in Großaspach oder in einer Pflichtpartie.
Nur einmal hat Hoeneß die öffentliche Bühne genutzt, um seinem Ärger Luft zu verschaffen. Nach dem überraschenden Wechsel von Nick Woltemade zu Newcastle United kritisierte der Chefcoach vor einer Woche den erneuten Substanzverlust in der Mannschaft und mahnte Verstärkungen an – in einer für ihn ungewohnten Deutlichkeit.
Das ist nachvollziehbar und offenbart die vorübergehende Unzufriedenheit. Seither sind jedoch zwei Offensivspieler (Bilal El Khannouss, Badredine Bouanani) verpflichten worden. Allerdings platzte der Transfer des Mittelstürmers Hyeon Guy-Oh (KRC Genk) aus medizinischen Gründen. Unglücklich gelaufen, möchte man anmerken – aber beim VfB haben die aufreibenden Stunden am Deadline Day zu kontroversen Diskussionen geführt. War der Pokalsieger bei seiner Kaderplanung etwa nicht gut genug vorbereitet, um auf die Abgänge des Nationalstürmers (kurzfristig) und Enzo Millot (absehbar) zu reagieren? Und tut sich da ein Riss zwischen Trainer und Sportchef auf, weil sich am Woltemade-Wechsel das Spannungsfeld zeigt, in dem sich die Stuttgarter trotz guter Entwicklung weiter bewegen?
Es gilt ja, die Wettbewerbsfähigkeit der Mannschaft zu stärken und gleichzeitig wirtschaftliche Vernunft walten zu lassen. Auf der einen Seite steht dabei der Trainer mit dem Ehrgeiz, das Team in der Bundesligaspitze und gleichzeitig sich selbst als Toptrainer etablieren zu wollen. „Wir haben einen spannenden Kader, aber schon auch einen jungen, in dem viele Spieler stehen, die auf oberstem Niveau ihre ersten Schritte gehen“, sagt Hoeneß, der sich mehr Erfahrung und Führung für sein Team gewünscht hätte. Vor allem, weil er ein Jahr zuvor bereits die Stammkräfte Waldemar Anton, Serhou Guirassy und Hiroki Ito verloren hatte.
Auf der anderen Seite agiert Fabian Wohlgemuth, der das große Ganze im Blick hat. „Wir alle wollen den größtmöglichen Erfolg. Aber natürlich steht Sebastian an der Frontlinie. Und es ist seine Aufgabe, das mannschaftliche Konzept und die bestmögliche individuelle Zusammensetzung zu verteidigen. Trotz der Unterschiedlichkeit unserer Aufgaben sind wir ein Team und verfolgen das selbe Ziel. Sportlich betrachtet, ist der Verlust von Nick auch für mich alles andere als eine Bagatelle, es ist ein Spagat, ein extrem harter Kompromiss“, sagt der Sportchef.
Doch bei einem Angebot von bis zu 90 Millionen Euro für Woltemade gab es für die VfB-Verantwortlichen keine Alternative als der Verkauf. Dass der AG-Boss Alexander Wehrle und Wohlgemuth den Trainer erst kurz vor der Einigung mit dem Premier-League-Club informiert haben, ist ein Detail, dass den Ärger auf Hoeneß’ Seite zunächst einmal vergrößert hat, aufgrund der Verantwortlichkeiten aber in Ordnung geht. Und alles ging schnell, innerhalb von 48 Stunden.
Dennoch steht der VfB ohne einen weiteren Mittelstürmer da. „Letztlich, so ehrlich muss man sein, ist es uns nicht gelungen, innerhalb des vorgegebenen zeitlichen, wirtschaftlichen und qualitativen Rahmens einen Woltemade-Ersatz zu präsentieren, den wir uns alle gewünscht haben. Allerdings ist es auch nicht so, dass der Markt zu jedem Zeitpunkt ein Portfolio an Spielern, die uns besser machen und bezahlbar sind, für uns bereithält“, sagt Wohlgemuth.
Die Erfahrung zeigt vielmehr, dass Qualitätsspieler, die den VfB auf Anhieb weiterbringen, nicht kommen wollen. Weshalb sich die Stuttgarter darauf besinnen, künftige Führungskräfte selbst zu fördern. Siehe Angelo Stiller. Zudem gibt der Kader genug her, um Lösungen in den eigenen Reihen zu finden. „Wir haben große Teile der Mannschaft zusammenhalten können. Eine Mannschaft, die für den VfB erstmals nach 14 Jahren wieder einen Titel gewonnen hat. Das sorgt für Reife und stärkt die Selbstorganisation im Team“, sagt Wohlgemuth und führt aus: „Die Perspektive, auf das zu schauen, was uns fehlt, kann einer Mannschaft, die ambitioniert ihre Ziele verfolgen soll, aus meiner Sicht nicht helfen. Wir sollten mit Stolz auf das schauen, was wir an Qualität im Team haben und daraus einen wichtigen Teil unserer Motivation ziehen.“
Auch bei Hoeneß richtet sich der Blick wieder nach vorne, wie er betont. Es ist das Ende der Diskussionen, für Wohlgemuth und ihn. Denn es herrscht Klarheit im Kader und in der Konzeption. „Wir müssen den jungen Spielern Zeit geben, um sich anzupassen und zu entwickeln. Wir sind dabei optimistisch, dass wir mit dieser Mannschaft wieder überraschen können“, sagt der Trainer, der nach den Unstimmigkeiten mit den Vorgesetzten keinen Zweifel daran lässt, wo er sein Aufgabenfeld sieht – beim VfB Stuttgart.