Milan Smit von den Go Ahead Eagles, Oliver Glasner mit Crystal Palace und die Fans des Schweizer Drittligisten FC Biel-Bienne konnten in dieser Saison unerwartete Coups feiern. Foto: imago/ANP, Shutterstock
Der Stuttgarter Finalgegner Arminia Bielefeld ist in guter Gesellschaft: In ganz Europa sorgen Außenseiter in dieser Pokalsaison für Furore – von den Alpen bis zur Mittelmeerküste.
Die Pokalsaison in Deutschland ist schon jetzt eine spezielle. In der Hauptrolle: Drittligist Arminia Bielefeld, der einen Favoriten nach dem nächsten aus dem Wettbewerb kegelte, selbst Titelverteidiger Bayer Leverkusen in die Schranken wies – und jetzt im Endspiel gegen den VfB Stuttgart am Samstag den ganz großen Coup landen will. Eine einmalige Geschichte? So kein zweites Mal möglich? Nicht ganz. Das Jahr 2025 ist bislang eines, das den Reiz und das Überraschungspotenzial der Pokalwettbewerbe immer wieder verdeutlicht. In verschiedenen Ländern, verteilt über ganz Europa.
Zum Beispiel 700 Kilometer südlich von Bielefeld, wo in den Schweizer Alpen ein Außenseiter nicht nur die ersten vier Buchstaben mit der Arminia teilt: Der FC Biel-Bienne geht im Ligaalltag wöchentlich in der drittklassigen Promotion League der Arbeit nach, misst sich dort vor überschaubaren Kulissen mit dem FC Paradiso oder dem FC Breitenrain. In dieser Spielzeit aber schwingt sich die Mannschaft zu echten Großtaten auf: Als erster Drittligist überhaupt steht sie im Endspiel des Schweizer Pokals, der immerhin schon seit 100 Jahren ausgespielt wird.
Jugendclub von Zinédine Zidane im Pokal-Halbfinale
Mit Losglück lässt sich die Sache nicht abtun. Im Viertelfinale schaltete man den Erstligisten FC Lugano aus, im Halbfinale dann den Champions-League-Teilnehmer Young Boys Bern: 6000 Fans waren in der Tissot-Arena dabei, in der eigens 800 zusätzliche Plätze geschaffen wurden. Nach viel Dramatik, einem Platzverweis für den Favoriten aus Bern in der Schlussphase und dem 1:0-Siegtor per Elfmeter in der Verlängerung brachen die Dämme.
Der TSV Hartberg schaffte durch einen Sieg gegen Austria Wien den Einzug ins Pokalfinale in Österreich. Foto: imago/Branislav Racko
„Es ist unglaublich für unsere Stadt und Region. Wir sind Kämpfer, Arbeiter“, jubelte Präsident Dietmar Faes, der die Sponsoren des Vereins im Anschluss persönlich per Mail über die Vergabe der VIP-Tickets für das Endspiel informierte. In diesem geht es am 1. Juni gegen den FC Basel um den Cup sowie die Teilnahme an den Play-offs zur Europa League. Über die Favoritenrolle braucht man nicht zu reden, aber was heißt das schon? Schlagzeilen sind rund um Biel jedenfalls schon sicher.
Die gab es in dieser Saison auch an der Cote d’Azur: Der Viertligist AS Cannes legte im französischen Pokal eine bemerkenswerte Reise hin, die für den Jugendclub von Zinédine Zidane erst im Halbfinale endete. „Absurd“ nannte Trainer Damien Ott das Ganze nach dem Viertelfinal-Erfolg gegen den Zweitligisten EA Guingamp im heimischen Stade Pierre de Coubertin vor 8000 Fans: „Wir brechen die Regeln und lieben es.“ Für den Finaleinzug reichte es letztlich nicht ganz, gegen den Erstligisten Stade Reims war für die Regelbrecher von der Mittelmeerküste dann Endstation. Abstiegskandidat Reims trifft nun im Endspiel am Samstag auf den haushohen Favoriten Paris Saint-Germain – zweifelsohne keine alltägliche Final-Paarung im französischen Pokal.
Ex-Bundesliga-Trainer Oliver Glasner besiegt Manchester City
Auch andernorts in Europa sorgen in diesem Jahr nicht immer die üblichen Verdächtigen für Aufsehen. In den Niederlanden zum Beispiel, wo mit den Go Ahead Eagles Deventer ein Erstligist aus dem Tabellenmittelfeld durch den Sieg gegen AZ Alkmaar nach Elfmeterschießen überraschend und zum ersten Mal in der Vereinshistorie Pokalsieger wurde. Oder in England, wo im Endspiel um den FA-Cup Crystal Palace um Ex-Frankfurt-Trainer Oliver Glasner das Starensemble von Manchester City mit 1:0 bezwang.
In Österreich trumpfte derweil der TSV Hartberg auf: In der Liga verpasste der Club aus der Steiermark die Meisterrunde und musste in die Abstiegsrunde, im Pokal ging es dagegen durch einen Halbfinal-Sieg gegen den aktuellen Zweiten Austria Wien bis ins Endspiel – in dem allerdings der Triumph gegen den derzeitigen Dritten Wolfsberger AC (0:1) ausblieb. Ebendiesen Titelgewinn kann Bielefeld gegen den VfB noch schaffen. Und obwohl die Favoritenrollen klar verteilt sind, sind die Stuttgarter gewarnt. Alleine schon beim Blick auf die Pokal-Überraschungen 2025.