VfB Stuttgart in der Champions League Das zeichnet den Europa-League-Sieger Atalanta Bergamo aus

Atalanta Bergamo gastiert beim VfB Stuttgart. Foto: IMAGO/EPhotopress

Am Mittwoch gastiert mit Atalanta Bergamo der amtierende Europa-League-Sieger beim VfB Stuttgart. Was macht das italienische Spitzenteam so besonders?

Sebastian Hoeneß fand die Idee gar nicht so schlecht, mit der er am vergangenen Freitag nach dem 0:0 bei Bayer Leverkusen konfrontiert wurde. Ob er sich zur Vorbereitung der Partie seines VfB Stuttgart gegen Atalanta Bergamo noch einmal das Europa-League Finale zwischen den Italienern und dem rheinischen Werksklub anschauen werde, wurde der Trainer gefragt, seine Antwort: „Möglicherweise werden wir das tun. Weil die Spielweise sich nicht verändert hat. Sie spielen weiterhin Manndeckung über das gesamte Feld und sind eine sehr reife Mannschaft.“ Da zudem der Stil von Bayer Leverkusen oft mit dem Ansatz des VfB verglichen wird, könnte das Studium des Endspiels aus dem Mai tatsächlich zu einigen interessanten Erkenntnissen für die Stuttgarter führen.

 

In jener Nacht von Dublin ist der zuvor während 50 Begegnungen unbesiegte deutsche Meister nämlich auf sehr beeindruckende Art und Weise von den Italienern und ihrem Trainer Gian Piero Gasperini entzaubert worden. Nachdem die Bergamasken im Frühjahr auf dem Weg zu diesem Titel mit 3:0 beim FC Liverpool gewonnen hatten, verglich Pep Guardiola, der Trainer von Manchester City, Begegnungen mit Atalanta mit einem Besuch beim Zahnarzt. Und in Italien, wo über die Jahrzehnte an Verteidigungsstrategien gefeilt wurde, in denen es um die Verengung von Räumen in der eigenen Spielhälfte ging, gilt Gasperini als Erfinder der Vorwärtsverteidigung. Seine Spieler werden für ihre superintensives Pressing gefürchtet, körperliche Arbeit bis zu Erschöpfung ist Grundvoraussetzung in dem Klub aus der 120.000-Einwohner-Gemeinde in der Lombardei.

Der Klub gehört dem ehemaligen Fußballer Antonio Percassi

Mit diesem Fußball hat sich Bergamo von einem wenig bedeutsamen Mittelklasseklub, der immer wieder in die Serie B abstieg, in einen italienischen Spitzenverein verwandelt. Seit der zuvor mäßig erfolgreiche Gasperini die Mannschaft 2016 übernommen hat, spielt die „Dea“, wie man Atalanta wegen der Göttin mit dem wehenden Haar in ihrem Wappen nennt, regelmäßig in der Champions League und hat – nach einem Gewinn des nationalen Pokals 1963 – in der Europa League nun den zweiten Titel der Klubgeschichte gefeiert. „Mit Atalanta zu gewinnen, ist eines dieser Fußballmärchen, die es nur selten gibt“, sagte der 66 Jahre alte Gasperini nach dem gewonnenen Finale gegen die Werkself vom Rhein. „Es zeigt, dass es noch Spielraum gibt für echte Leistung, Spielraum auch für Ideen. Nicht alles muss auf kaltes, hartes Geld hinauslaufen.“

Der Klub gehört keinen chinesischen Investoren und auch keinem amerikanischen Investmentfonds, sondern dem ehemaligen Fußballer Antonio Percassi, der selbst einmal für Atalanta spielte und anschließend eine erfolgreiche Karriere als Modeunternehmer begann. Trotz der regelmäßig fließenden Champions League-Einnahmen verzichtet Atalanta darauf, berühmte Stars zu verpflichten, dafür hat die Nachwuchsabteilung einen hervorragenden Ruf. Und die „Neue Zürcher Zeitung“ schrieb einmal: „Als die Region um Bergamo während der Pandemie so hart wie kaum eine andere Gegend in Europa von Covid getroffen wurde und Bilder von Lastwagenkonvois mit Särgen die Runde machten, war der Fußballverein für viele so etwas wie der letzte Hoffnungsschimmer.“ Fans aus der Nordkurve, die zuvor für ihre Gewaltbereitschaft berüchtigt waren, halfen beim Bau eines provisorischen Krankenhauses und kauften für ältere Menschen ein.

Lookman im Europa League-Endspiel drei Tore gegen Leverkusen

Das klingt, als Sei Atalanta ein Klub für Fußballromantiker, der sympathische Gegenentwurf zu den reichen Investorenklubs aus der nur fünfzig Kilometer entfernten Nachbarstadt Mailand. Aber in Italien ist der Klub nicht besonders beliebt. Gasperini gilt als streitbar, gerne legt er sich mit allen an: mit Schiedsrichtern, mit Medien, mit anderen Trainern, mit seinen Spielern. „Wenn er gewinnt, ist er brillant“, schrieb „La Repubblica“ einmal über Gasperini: „Wenn er verliert, ist er eine Heulsuse.“ Ohne jeden Zweifel bildet der Trainer den Kern der Erfolgsära; die Spieler sind austauschbar. Oft kommen eher namenlose Fußballer hier her und avancieren schnell zu erstaunlich gut funktionierenden Champions League-Akteuren, so wie einst der deutsche Nationalspieler Robin Gosens. Nicht selten werden die Profis nach einer gewissen Zeit mit guten Gewinnen weiterverkauft, und oft bleiben die Atalanta-Jahre der Karrierehöhepunkt.

Der Angreifer Ademola Lookman wurde beispielsweise weder in Everton, noch in Fulham, Leicester oder Leipzig richtig heimisch und schoss nun im Europa League-Endspiel alle drei Tore gegen Leverkusen. Auch der Belgier Charles De Ketelaere erlebt hier gerade eine Blütezeit, nachdem er bei der AC Mailand sein Potenzial nie ausschöpfen konnte. Der frühere Schalker Sead Kolasinac, der Stürmer Mateo Retegui oder der robuste Mittelfeldspieler Ederson, erleben hier ebenfalls gerade eine Erfolgsphase, die viele Transfermarktexperten für eher unwahrscheinlich gehalten haben.

Ademola Lookman entschied das Europa-League-Finale. Foto: Imago/Gribaudi

Im vergangenen Sommer hat der Klub - abgesehen von einigen weniger wichtigen Spielern - aber nur Teun Koopmeiners verkauft, 55 Millionen Euro bezahlte Juventus Turin für den Niederländer. Aber manchmal scheitert das Atalanta-Prinzip auch, wie im Fall von El Bilal Touré, der 2023 für 30 Millionen Euro als teuerster Spieler der Vereinsgeschichte von UD Almeria nach Bergamo kam, und im August nach einem sehr durchwachsenen Jahr an den VfB Stuttgart verliehen wurde.

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