VfB Stuttgart in Hoffenheim Der Wahnsinn von Sinsheim – die Lehren aus dem Drama

Pure Ekstase: Torschütze Tiago Tomas (re.) und Angelo Stiller nach dem 3:3 in Sinsheim. Foto: IMAGO/Eibner

Der VfB spielt bei der TSG Hoffenheim erst schwach und zeigt dann in Unterzahl Moral. Jetzt kommt es zum direkten Duell mit dem neuen Tabellenvierten Bayer Leverkusen.

Sport: Marco Seliger (sem)

Zum Schluss wurde es noch ein bisschen philosophisch. Alexander Nübel, sowieso ein gelassener und in sich ruhender Zeitgenosse, schaffte es nach dem Spektakel von Sinsheim die Dinge nüchtern auf den Punkt zu bringen. „Wir haben das Ding heute mit einem Unentschieden gewonnen“, sagte der Torhüter des VfB Stuttgart also – und tatsächlich war es so, dass sich das 3:3 bei der TSG Hoffenheim am Samstagnachmittag wie ein Sieg anfühlte.

 

Die VfB-Profis, das Trainerteam und die zahlreich mitgereisten Anhänger (etwas weniger als 10 000) bejubelten den späten Punktgewinn wie einen Dreier. Alle lagen sich in den Armen, ballten die Fäuste oder sangen – zumindest in der Kurve – freudige Jubellieder. Aus guten Gründen: Nach der Roten Karte gegen VfB-Kapitän Atakan Karazor wegen eines groben Foulspiels war der VfB knapp 25 Minuten lang in Unterzahl gewesen – und machte was? Genau, den Ausgleich in der Nachspielzeit. Joker Tiago Tomas sorgte am Ende für die großen Stuttgarter Glücksgefühle.

Nach dem 3:3 hat der VfB den Einzug in die Champions League weiter in der eigenen Hand, auch wenn Bayer Leverkusen nach dem 4:1 gegen RB Leipzig am Samstagabend neuer Tabellenvierter ist – aufgrund der besseren Tordifferenz. Der VfB und Hoffenheim liegen punktgleich auf Platz fünf und sechs. Am nächsten Samstag empfangen die Weiß-Roten Bayer in Stuttgart. Mehr Brisanz und Spannung gehen kaum.

Mentalität und Willen des VfB

So war das auch beim 3:3 gegen die TSG in Sinsheim. „Das war sehr wichtig, wir haben Mentalität gezeigt, das zeigt den Willen der Mannschaft“, sagte VfB-Keeper Nübel, der in der Schlussphase mehrere Großchancen der in diesem Zeitraum abschlussschwachen und extrem uncleveren Hoffenheimer entschärft hatte. Und dann ging es bei Nübel im Staccato-Takt weiter: „Rote Karte, wir kämpfen, wir geben alles.“

Das reichte am Ende zum 3:3 in diesem verrückten Spiel. Chris Führich (20.), Ermedin Demirovic (64.) und der kurz vorher eingewechselte Tiago Tomas (90.+5) trafen für den VfB in seinem 2000. Bundesliga-Spiel. Die Hoffenheimer, für die Andrej Kramaric (7. und 49.) sowie Bazoumana Touré (24.) trafen, trauerten der verpassten Chance hinterher, in der Tabelle am VfB vorbeizuziehen. „Es war definitiv mehr drin, du musst das Spiel beenden“, sagte TSG-Keeper Oliver Baumann: „Das Spiel musst du gewinnen.“ Hoffenheims Coach Christian Ilzer bemühte sich später um eine sachliche Analyse: „Wir haben gegen eine Top-Mannschaft gespielt – und selbst ebenfalls ein Top-Spiel abgeliefert, mein Team hat sehr viel gezeigt, das mir gefallen hat: die Intensität, die Power, die Dynamik“, sagte der Österreicher: „Wir hätten gerne gejubelt und unsere Leistung mit einem Sieg gekrönt, aber Stuttgart hat einfach eine enorme Qualität.“

Die allerdings zeigte der VfB in den ersten 65 Minuten und insbesondere in der ersten Hälfte nicht. Erschreckend schwach war da die Leistung des Teams von Sebastian Hoeneß. Träge und offenbar ohne jedes Mittel nach vorne wie hinten gegen die bissigen Hoffenheimer: so traten die Stuttgarter auf. Immerhin, es wurde irgendwann besser, und zwar paradoxerweise nach dem Platzverweis gegen Karazor. So läuft das manchmal im Fußball, wenn das Team in Unterzahl plötzlich besser wird und jenes in Überzahl fahrig agiert, da es viel zu verlieren hat. „Die Haltung war eine andere als in der ersten Halbzeit“, sagte VfB-Coach Hoeneß hinterher: „Es tut gut, dass wir uns in der Nachspielzeit noch belohnt haben.“

Das wiederum löste massiven Ärger bei dem Mann aus, der für die ersten Jubelstürme in der Sinsheimer Arena kurz vor dem Anpfiff verantwortlich gezeichnet hatte. Da hatte die TSG die Vertragsverlängerung mit ihrem Rekordtorschützen Kramaric um zwei Jahre verkündet. Knapp zwei Stunden später stand der spät ausgewechselte Doppeltorschütze dann fassungslos am Spielfeldrand. „Das war schon Wahnsinn, sehr unreif und sehr chaotisch“, sagte der 34 Jahre alte Offensivmann nach dem späten VfB-Ausgleich: „Auf jeden Fall werden wir reden. Ich habe schon viel gesehen, auf dem Platz und im Fernsehen. Aber ich habe nicht oft solche Spiele erlebt – ich bin nicht schockiert vom Ergebnis, von der letzten Sekunde. Ich bin schockiert, wie wir die letzten 20 Minuten mit einem Mann mehr gespielt haben.“

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