Der Schrei war nicht zu überhören. „Liiii“, schallte es über den Trainingsplatz, auf dem der VfB Stuttgart am Sonntagnachmittag sein Testspiel gegen den FC Sion bestritt. Die Partie hat der Bundesligist 3:0 gewonnen, zufrieden war der Trainer Bruno Labbadia aber in dieser einen Szene ganz und gar nicht.
Lilian Egloff war wenige Minuten zuvor eingewechselt worden, nun hatte er einen Pass eher schlampig gespielt – was den Coach kurzzeitig auf die Palme brachte. Hinterher sprach er dann ausführlicher über den jungen Mann mit dem großen Talent – und darüber, was er von ihm erwartet. So viel ist klar: Mehr, als der 20-Jährige derzeit abliefert.
„Ich denke, dass er eine Schippe zulegen muss. Das ist wichtig“, erklärte Bruno Labbadia – und wollte mit dieser recht klaren Ansage vor allem eines deutlich machen: Dass sein Schützling womöglich dabei ist, eine große Chance verstreichen zu lassen. „Es ist doch offensichtlich, dass man hier gerade eine offene Position einnehmen kann“, ergänzte der Coach.
Die große Chance auf einen Platz im Team
Zum einen, weil die Karten nach einem Trainerwechsel immer neu gemischt werden und sich jeder Spieler neu in Position bringen kann. Zum anderen, weil der VfB-Kader nicht gerade üppig besetzt ist und einige Profis auch noch gesundheitliche Probleme mit sich herumschleppen. „Wenn du jetzt ein bisschen gierig bist, kannst du Positionen relativ einfach bekommen“, sagte Labbadia. Das sei eine „Riesenchance für den Jungen“. Und: „Die liegt nur in seiner Hand. Er hat eigentlich alle Möglichkeiten, sofort zu spielen.“
Einen zusätzlichen „Schub“ will Labbadia mit seinen Aussagen wohl herauskitzeln aus dem offensiven Mittelfeldspieler, der schon lange als großes Talent aus dem eigenen Stall gilt, nach dem Wechsel aus der Jugend zu den Profis aber lange mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte. Zuletzt hat sich Egloff eigentlich gut entwickelt, wurde gesundheitlich stabil, fit und sammelte in neun Einsätzen der bisherigen Bundesligasaison immerhin schon rund 230 Spielminuten. Nun fordert Labbadia noch mehr Bereitschaft, noch mehr Fleiß – und nennt auch ein anderes, ein für ihn positiveres Beispiel.
Lob für Thomas Kastanaras
Zwar ist auch Thomas Kastanaras derzeit nicht dabei, sich einen Stammplatz im Sturmzentrum zu erarbeiten, wenn Labbadia vom 19-jährigen Angreifer spricht, schwingt jedoch viel Zufriedenheit mit. „Er hat gut gearbeitet“, sagte der Coach, der den Stürmer am Sonntag gegen den FC Sion wie Egloff einwechselte. „Viel marschiert“ sei Kastanaras, am Ende habe er sich „für sein tolles Engagement belohnt“. Der Deutsch-Grieche erzielte den Treffer zum Endstand von 3:0.
Serhou Guirassy ist die Nummer eins im Sturmzentrum, Luca Pfeiffer folgt, Tiago Tomas und Juan Perea sind auch Kandidaten für diese Position – die Konkurrenz ist also groß für Kastanaras. Der, meinte Labbadia, könne aber auch etwas zurückgezogen agieren. Viel wichtiger als diese Flexibilität ist dem Coach aber etwas anders: „Die Einstellung passt, der Arbeitsaufwand ist gut – das ist eine gute Basis.“ Auf der Labbadia aufbauen will.
Vermutlich nicht sofort, weil im Moment der schnelle Erfolg Priorität genießt. Im mittelfristigen Zeitraum von eineinhalb Jahren will der Trainer, ein früherer Stürmer, aber seinen Teil zu Kastanaras’ Entwicklung beitragen. „Es gibt ein paar Dinge, an denen wir feilen müssen“, sagt Labbadia.